Fußballverbände ohne Handhabe - Klagewelle droht bei Saisonabbruch

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Die Fußballverbände deutschlandweit suchen in der Coronakrise eine Lösung, wie und ob die Saison zu Ende geht. Der DFB bestätigt Lensing Media, dass es ein riesengroßes Problem gibt

Dortmund

, 05.04.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Mit jedem spielfreien Wochenende, mit jeder weiteren Corona-bedingten Spielverzögerung werden die Sorgenfalten tiefer. Bei den Vereinsvertretern. Und den Verantwortlichen der deutschen Fußballverbände, die zuständig sind für alle Klassen ab den Kreisliga-C-Gruppen bis hoch zu den Regionalligen. Allüberall herrscht derzeit Krisenstimmung.

Am vergangenen Donnerstag verabredeten sich der Westdeutsche Fußballverband und die Sportlichen Leiter der vierthöchsten westdeutschen Spielklasse zur nunmehr zweiten Telefonkonferenz. Wie es denn womöglich alsbald weitergehen könnte, wurde da besprochen – und anschließend der Wunsch geäußert, doch bitte Stillschweigen zu bewahren über die Inhalte dieses Gruppengesprächs. Ganz hat das nicht geklappt.

Manfred Schnieders (Vorsitzender des DFB-Spielausschusses) bestätigte die Recherchen.

Manfred Schnieders (Vorsitzender des DFB-Spielausschusses) bestätigte die Recherchen. © imago

Wie den Ruhr Nachrichten von einem Teilnehmer der Debatte erzählt wurde, tue sich der Verband zuvorderst aus einem Grund äußerst schwer, die Spielrunde 2019/2020 wegen COVID-19 früher zu beschließen: Laut dieses Diskutanten, der hier nicht namentlich zitiert werden will, fürchten die Fußballlandesverbände nach einem vorzeitigen Cut der Saison, in einen Sturm der Entrüstung zu geraten – und in dessen Folge eine heftige Klagewelle abzubekommen.

Der DFB benötigt einen Bundestagsbeschluss

Nirgends wurde nämlich bisher fixiert, wann eine Fußballsaison überhaupt abgesagt werden kann. „Genauso wenig wie bei der DFL für die Lizenzligen ist dieser Fall unter dem Dach des DFB vorgesehen“, sagt Rechtsanwalt Prof. Dr. Markus Buchberger, der auf Sportrecht spezialisiert ist und unter anderem Profi-Fußballtrainer zu seinen Klienten zählt. Manfred Schnieders, seinerseits Vorsitzender des DFB-Spielausschusses, bestätigt dessen Einschätzung im Gespräch mit dieser Redaktion – und betont: „Wir können das jetzt auch nicht schnell aufschreiben. Dafür bräuchten wir einen Bundestagsbeschluss.“ Und der DFB-Bundestag müsste dafür natürlich erst einmal tagen.

Prof. Dr. Markus Buchberger klärt auf, dass die Verbände bei einem Saisonabbruch keine greifenden Auf- und Abstiegsregelungen hätten.

Prof. Dr. Markus Buchberger klärt auf, dass die Verbände bei einem Saisonabbruch keine greifenden Auf- und Abstiegsregelungen hätten. © imago

Da das jedoch nicht so zügig funktionieren wird, bleibt es ungewiss, unter welchen Umständen eine Spielzeit von den Verbänden beendet werden darf. Bei einem zu zeitigen Abbruch, bestätigt Prof. Dr. Buchberger, hätten deshalb zum Beispiel Sponsoren die Chance, mit einer Klage erfolgreich zu sein und Geld zu erstreiten. „Der DFB und auch die unter ihm angesiedelten Verbände dürfen eine Absage der Restsaison nur als letztes Mittel festlegen, auch um sich gegen solche Ansprüche zu schützen. Soweit die Verbände eigene Sponsoren haben, wären Schadenersatzansprüche denkbar, wenn ein Verband die Saison zu früh aufgibt“, sagt er.

Die am Freitag veröffentlichten Änderungen der Spielordnung, vom für Spielbetrieb und Fußballentwicklung verantwortlichen DFB-Vizepräsidenten Peter Frymuth euphorisch als „großer und wichtiger Schritt“ gerühmt, lösen dieses Problem nicht. Ja, sie schaffen mehr zeitliche Flexibilität und erhalten die Möglichkeit, den aktuellen Wettbewerb doch noch zu einem sportlichen Ende zu bringen – beispielsweise ist der Grundsatz gekippt, dass die Saison am 30. Juni beendet sein muss –, weiterhin indes bleibt die Situation höchst kompliziert.

Warum? Weil beileibe nicht sicher ist, ob es zu einem solchen sportlichen Ende kommen kann und ebenfalls noch völlig offen ist, wie eine Spielzeit nach vorzeitigem Abbruch gewertet würde. „Sollte (…) ein Wettbewerb in der aktuellen Saison 2019/2020 aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie nicht zu Ende gespielt werden, können die Mitgliedsverbände abweichende Regelungen beschließen – unter anderem zur Regelung von Auf- und Abstieg oder beispielsweise einer möglichen Nichtwertung der Saison“, heißt es zwar im kürzlich überarbeiteten Paragraph Nummer 4. Doch das dürfte dann diffizil werden.

Verbände benötigen Einstimmigkeit unter den Klubs

Rechtsanwalt Prof. Dr. Buchberger erklärt: „Wenn man Aufstiege und Abstiege in einer schon begonnen Meisterschaftsrunde anders festlegen will, müsste man dafür soweit wie möglich Einstimmigkeit unter den Klubs herstellen. Abstiege wären deshalb auszuschließen, sonst drohen Klagen der Absteiger. Kein Verein wird seinem eigenen Abstieg vor Saisonende zustimmen.“ Sollte das Teilnehmerfeld nicht aufgestockt werden, könnte demnach das Klage-Chaos perfekt sein. Und die Verbände stünden schlecht da.

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Der DFB-Spielausschuss-Vorsitzende Schnieders sagt dazu: „Wenn es am Ende darauf hinausläuft, dass einzelne Vereine Profit in Form einer erfolgreichen Klage erzielen wollen, dann gute Nacht. Da hört für mich die sportliche Fairness auf.“ Bei einem Saisonabbruch stünde sie stets auf der Probe. In den Regionalligen des Landes bis hinunter in die jeweiligen C-Klassen.

Verbände können nicht so über Auf- und Abstiege richten

Denn wohlgemerkt könnten die Verbände im gesamten Amateursport nicht einfach so über Auf- und Abstiege richten, sondern müssten überall um das Votum der teilnehmenden Vereine bitten. In der gesamten Republik würde dieses Spiel dann zwangsweise gespielt. Ein in der Historie beispielloser Akt, der unbedingt vermieden werden soll. „Es ist nach den aktuellen Regeländerungen unter dem Dach des DFB auch eher mit einer Verlängerung der Saison 2019/2020 zu rechnen als mit einem vorzeitigen Ende der Saison“, sagt Prof. Dr. Buchberger. Doch freilich wird der Worst Case auch verbandsintern längst thematisiert.

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Nicht die Fußballer entscheiden schließlich, wann der Ball wieder rollen darf. Darüber entscheidet die Politik. Es muss gewährleistet sein, dass sich kein Spieler ansteckt. Die Gesundheit von Menschen dürfen Amateur-Vereine in der gesamten Diskussion darum ebenso wenig wie Bundesliga-Klubs gegen Geld oder Sonstiges aufwiegen. Manfred Schnieders, der Vorsitzende des DFB-Spielausschusses, weiß das alles. Diese Situation, mit der Krankheit und all den daraus resultierenden Unwägbarkeiten umgehen zu müssen, die habe sich keiner gewünscht, sagt er. Schnieders kann nur auf ein glimpfliches Ende hoffen.

Klar ist nun mal: Wenn das Coronavirus den Sport noch deutlich länger lahmlegen sollte, stecken alle in der Klemme. Die Vereine, denen das Geld ausgeht. Und die Verbände, die auf den Pandemie-Fall nicht vorbereitet waren. Im allerschlimmsten Fall würden sie mit Klagen überzogen. Bundesweit.

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