Ex-BVB-Profi Marco Stiepermann: „Der Aufstieg mit Norwich City ist ein kleines Wunder“

dzPremier-League-Aufstieg mit Norwich

Der Dortmunder Marco Stiepermann feiert mit Norwich City den Aufstieg in die Premier League. Im Interview spricht er über die Sensation, Trainer Daniel Farke und schlechtes englisches Essen.

Dortmund

, 28.04.2019 / Lesedauer: 7 min

Als Marco Stiepermann vor zwei Jahren vom VfL Bochum zu Norwich City in die englische Championship gewechselt ist, sah der heute 28 Jahre alte gebürtige Dortmunder den Transfer erst einmal als Abenteuer an. Die Premier League war in seinen Gedanken so weit entfernt wie der VfL Bochum von einer Meisterschaft. Doch die Kanarienvögel, wie die Mannschaft gerne genannt wird, setzten zu einem unerwarteten Höhenflug an.

Am Samstag nun fand die Erfolgsgeschichte des Vereins nun ihren vorläufigen Höhepunkt. Durch einen 2:1-Erfolg über die Blackburn Rovers machte Norwich den Aufstieg frühzeitig perfekt. Es ein kleines Wunder, sagt Ex-BVB-Profi Stiepermann, der bei Norwich City im offensiven Mittelfeld sein Glück gefunden hat. Mit Oliver Brand sprach er über den englischen Fußball, den sportlichen Aufstieg und das Leben in England.

Sie haben am Samstag mit Ihrem Verein Norwich City den Aufstieg in die Premier League perfekt gemacht. Hand aufs Herz: Wie lange ging die Feier am Abend?

So bis fünf Uhr, würde ich sagen.

Jetzt haben wir es mittags. Sind Sie schon wieder fit?

Fit wäre etwas anderes. Ich habe auch nur eine Stunde geschlafen. Wahrscheinlich, weil ich noch so voller Adrenalin war. Aber ich bin auf einem guten Weg (lacht). Heute Abend geht es auch schon wieder weiter, da haben wir die nächste Veranstaltung. Schauen wir mal, was da noch so auf uns zukommen wird.

Wo ging es mit der Mannschaft hin?

Wir haben natürlich ausgelassen im Stadion und der Kabine gefeiert. Später ging es dann in eine Disco, dort sind wir am Ende alle gelandet.

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Als Sie am Samstag mit dem 2:1 gegen Blackburn den Aufstieg perfekt gemacht haben, haben Sie das 1:0 geschossen. Wie war die Atmosphäre im Stadion?

Wir brauchten ja nur noch einen Punkt, entsprechend gut drauf waren unsere Fans schon vor und dann auch während des Spiels. Man hat die ganze Zeit über gespürt, dass etwas Besonderes in der Luft liegt. Die Fans haben uns dann das gesamte Spiel über unterstützt, auch wenn es mal nicht so lief. Das war schon beeindruckend.

Mussten Sie aufpassen, angesichts der Situation, der Stimmung im Stadion nicht zu überdrehen?

Es ist immer gefährlich, gerade, wenn man nur noch einen Punkt braucht. Man weiß nicht so genau, wie man ins Spiel gehen soll. Geht man nur auf den Punkt? Oder spielt man doch total auf Sieg? Wir haben dann nicht zu offen gespielt und zum Glück zwei frühe Tore geschossen. Das hat uns sicherlich geholfen hat.

„Man hat die ganze Zeit über gespürt, dass etwas Besonderes in der Luft liegt.“
Marco Stiepermann

Sie haben in dieser Saison 42 Spiele absolviert. Sie haben sich mittlerweile als Stammspieler im Team etabliert.

In meinem ersten Jahr hatte ich ein paar Anlaufschwierigkeiten. Vielleicht auch, weil ich nicht auf meiner Position gespielt. Das war in diesem Jahr anders, und ich bin zum Stammspieler gereift.

War der Schritt damals ins Ausland dann doch noch einmal größer, als wenn man innerhalb Deutschlands wechselt? Sie waren ja vorher beim BVB (sieben Spiele, ein Tor), in Cottbus, Greuther Fürth und eben Bochum.

Das war schon eine gewisse Barriere, die man überwinden musste. Aber ich wollte dieses Abenteuer eingehen, weil es in Deutschland auch irgendwann langweilig wurde, wenn man acht Jahre in der zweiten Liga gespielt hat und das Ziel, dauerhaft Bundesliga zu spielen, leider nie verwirklichen konnte. Gerade England ist da noch mal ein ganz anderer Schritt nach vorne.

Haben Sie bei Ihrem Wechsel damals überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, vielleicht noch mal in der Premier League spielen zu können?
Man hat natürlich den Wunsch. Und es immer auch ein Stück weit im Hinterkopf. Aber so richtig daran glauben tut man dann doch irgendwie nicht. Dadurch, dass wir dann so einen Lauf im zweiten Jahr hatten, ist der Traum immer größer geworden. Und dass er jetzt tatsächlich wahr geworden ist, ist natürlich unglaublich.

Hat man das schon so richtig realisiert?

Nein, noch nicht. Wenn ich dann demnächst in meinem Urlaub in Dortmund bin und mal zur Ruhe komme, werde ich wohl erst damit anfangen, das alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Und dann kann man sich erst mal Bewusst machen, was wir da überhaupt geschafft haben.

„Vor allem das Essen war schon sehr gewöhnungsbedürftig und ist auf jeden Fall ausbaufähig.“
Marco Stiepermann

Sie leben seit zwei Jahren in England: Wie groß waren damals die Anpassungsschwierigkeiten?

Vor allem das Essen war schon sehr gewöhnungsbedürftig und ist auf jeden Fall ausbaufähig. (lacht) Man muss dann schon relativ viel selbst kochen, was wir aber auch sehr gerne machen. Und im Verein bekommen wir ja auch entsprechende Verpflegung. Aber wenn man hier Essen gehen will, würde man sich schon manchmal mal die Pizzeria von zu Hause um die Ecke wünschen.

Sie sind mit Ihrer Frau nach England gegangen. War sofort klar, dass Sie den Schritt dorthin machen wollen?
Wenn man verheiratet ist, trifft man so eine Entscheidung zusammen. Die Geburt unseres Sohnes stand ja auch kurz bevor. Aber wir waren uns beide relativ schnell einig, dass wir dieses Abenteuer angehen wollen. Und heute kann man sagen, dass wir alles richtig gemacht haben. Denn wir fühlen uns hier richtig wohl. Mein Sohn wurde dann noch in Dortmund geboren. Zwei Wochen später sind wir rübergegangen. Mittlerweile ist er auch fast schon ein richtiger Engländer. Wir ziehen ihn auch zweisprachig auf.

Wie lässt es sich denn in Norwich leben?

Sehr gut, sehr angenehm. Norwich ist eine kleine Stadt am Meer. Man hat dort alles, was man braucht. Natürlich ist es, gerade von der Größe her, nicht mit Dortmund vergleichbar. Aber man kann sich hier sehr wohl fühlen.

Norwich ist auch nicht gerade der typisch englische Klub. Seit Trainer Daniel Farke seit 2017 dort Trainer ist, wurde ein Transferplus von 50 Millionen Euro erwirtschaftet. Wie erklären Sie sich das Fußballmärchen, das der Verein gerade geschrieben hat?

Es geht viel über Fleiß und über gutes Scouting. Der Verein hat gezeigt, zu was man im Stande sein kann, wenn gute Arbeit geleistet wird. Wenn man, statt viel Geld auszugeben, gezielt Spieler sucht, die ins System passen und noch hungrig auf Erfolg sind. Daher kann man aus meiner Sicht durchaus von einem kleinen Wunder in England sprechen, weil viele Vereine wirklich sehr viel Geld ausgeben und dann hoffen, dass die Spieler einschlagen.

Wie erleben Sie die Situation in England mit diesen riesigen finanziellen Möglichkeiten?

Man bekommt selbst in der zweiten Liga mit, dass Vereine Ablösesummen von zehn Millionen Euro oder mehr für Spieler ausgeben und das als ganz normal angesehen wird. Das ist auf gewisse Weise schon kurios. Zumindest für deutsche Spieler. Für die Engländer ist das dagegen komplett normal.

„Der Verein hat gezeigt, zu was man im Stande sein kann, wenn gute Arbeit geleistet wird. “
Marco Stiepermann

Bei Norwich spielen viele frühere Bundesliga-Spieler, die in ihren Vereinen in Deutschland nicht mehr zum Zug gekommen sind. Prägt so etwas den Charakter einer Mannschaft?

Ich denke schon. Ansonsten hätten wir den Aufstieg wohl auch nicht erreicht. Die Mannschaft ist schon etwas Besonderes. Wir haben hier keine Egoisten, wir haben als Mannschaft immer zusammengehalten – auch die Spieler, die weniger gespielt haben.

Mit wem in der Mannschaft verbringen Sie die meiste Zeit?

Ich hänge tatsächlich mehr mit den Engländern in der Mannschaft ab als mit den Deutschen. Obwohl ich die natürlich alle mag. (lacht) Das passt menschlich einfach sehr gut, und ich konnte meine Sprachkenntnisse so einfach sehr verbessern. Da fällt es dann auch leichter, Freundschaften aufzubauen.

In England ist in vielen Vereinen ein guter Brauch, ein Einstiegsständchen zu geben. Mussten Sie auch vor der Mannschaft singen?

Ja, die Neuen müssen auch bei uns immer singen. Da gab es auch für mich kein Vorbeikommen.

Was haben Sie zum Besten gegeben?

Truly Madly Deeply von Savage Garden. Das war schon ziemlich unangenehm, weil ich vieles, nur ganz sicher kein guter Sänger bin. Aber da muss man einfach durch. Und danach kann man dann ja auch über die anderen Spieler lachen (lacht).

„Das Singen vor der Mannschaft war schon ziemlich unangenehm, weil ich vieles, nur ganz sicher kein guter Sänger bin.“
MARCO STIEPERMANN

Gab es einen Moment in dieser Saison, als Sie wussten: Das kann tatsächlich klappen mit dem Aufstieg?

Anfang Februar, als wir bei Leeds United mit 3:1 gewonnen und die Tabellenführung übernommen haben. Das Stadion war ausverkauft, die Stimmung war super. Das war schon richtig geil.

Haben Sie die Atmosphäre in den Stadien allgemein anders wahrgenommen als in Deutschland?

Auf jeden Fall. Es gibt viel mehr Gesänge, die vom ganzen Stadion gesungen werden. Einzelne Spieler werden mehr gefeiert, und Spieler werden hier eigentlich gar nicht ausgepfiffen oder beschimpft.

Haben die Fans in Norwich auch schon ein Lied für Sie getextet?

Nein, dafür hat’s nicht gereicht in dieser Saison. (lacht)

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Welchen Anteil hat denn Ihr Trainer Daniel Farke am Erfolg?

Wenn man mit 91 Punkten auf Platz eins steht, hat man als Trainer dann auch alles richtig gemacht und einen sehr großen Anteil am Erfolg. Er gibt uns eine Philosophie vor, und die hat sehr gut funktioniert in diesem Jahr.

Er soll ja ein Freund des spanischen Fußballs sein. Wie würden Sie seine Philosophie beschreiben?

Es verbindet tatsächlich Elemente aus dem spanischen Fußball mit denen eines Jürgen Klopp. Wir wollen den Ballbesitz, spielen in der Regel von hinten heraus bis gefühlt in den gegnerischen Strafraum hinein. Wenn es geht, vermeiden wir lange Bälle und orientieren uns da eher an Mannschaften wie Barcelona und Manchester City, die ja für diese Art von Fußball stehen. Und wenn wir den Ball mal nicht haben, jagen wir ihn, ähnlich, wie es Jürgen Klopp in Liverpool handhabt. Dann wird’s wild.

„Es ist einfach unglaublich, dass man demnächst dann direkt auf einen Spieler wie zum Beispiel Paul Pogba trifft.“
MARCO STIEPERMANN

Wie ist Daniel Farke als Typ?

Er ist sehr ehrlich. Und er ist ein sehr lockerer Typ, mit dem man auch mal einen Spaß machen kann. Aber wenn zum Beispiel die Trainingsleistung nicht stimmt oder ihm etwas nicht passt, kann er auch auf den Tisch hauen.

Sie haben Manchester City angesprochen. Im kommenden Jahr spielen Sie selbst gegen solche europäischen Topteams. Wie groß ist die Vorfreude, auf die ganz großen Namen zu treffen.

Davon hat man ja immer geträumt. Gegen die ganz großen Stars zu spielen. Und von denen gibt es in England zum Glück viele. Das ist einfach unglaublich, dass man demnächst dann zum Beispiel direkt auf einen Spieler wie Paul Pogba trifft. Dazu kommen die Stadien wie Anfield, Old Trafford, die Stamford Bridge…

Auf welches Stadion freuen Sie sich besonders?

Old Trafford. Manchester United. Das ist einfach einer der größten Vereine der Welt. Wenn man ein Manchester-United-Wappen sieht, denkt man nur noch: Wow…

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