Die ewige Nummer zwei kann Mats Hummels erzählen, dass sie jetzt endlich spielt

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Er ist ein guter Kumpel von Mats Hummels und hat am Sonntag in der Meisterschaft ein richtig gutes Spiel gemacht. Dabei war der Dortmunder meist nur die Nummer zwei in seiner Karriere.

Dortmund

, 08.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein Lichtblick! Während der bislang oft so spielfreudige Dortmunder Fußballverein mit vielen Jungspunden am Sonntag gegen seinen Gegner so gar keine Fußball-Lust verbreitete, hielt ein Spieler mit seiner Mischung aus Ruhe, Präsenz und Erfahrung wenigstens den Punkt fest. Ein Porträt.

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Die Rede ist von Andreas Lichtner (37) vom Kirchhörder SC, der am Sonntag auf Firtinaspor Herne traf. Andreas Lichtner? Den Namen habe ich schonmal gehört, der war doch mal bei uns, werden sich Fußballfreunde vieler Dortmunder Vereine jetzt denken.

Und sie haben recht. Der Routinier macht aus seinem sportlichen Nomadentum gar keinen Hehl: „Aber ich kriege alle Vereine noch hintereinander“, sagt er. „Hombrucher SV, Phönix Eving, TuS Eving, FC Brüninghausen, BSV Schüren, TuS Holzen-Sommerberg, Kirchhörder SC und nebenher BVB-Traditionsmannschaft.“ Sollte in dieser Aufzählung versehentlich ein Verein fehlen, liegt es nicht am Torwart, sondern am Autor dieses Textes.

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Auffällig – und das ist auch kein Problem für Lichtner: Er war fast überall nur zweiter Torwart oder Standby-Schlussmann. Da er klug ist, baute er sich früh eine zweite Existenz auf und hatte auch immer das Potenzial, sein Wissen zu nutzen. Für die Fußballschule von Michael Rummenigge war er oft auf Achse. Viele Freunde erhielten, als sich Menschen noch Postkarten schickten, von der Lieblingsinsel der Deutschen, Sylt, schriftliche Grüße.

Später erfuhren seine vielen Bekannten dann per SMS und noch später per WhatsApp, dass ihr Kumpel mal wieder an der See ist. Mittlerweile arbeitet Lichtner für einen Pflegedienstleister.

Das führte dazu, dass Lichtner nicht so oft in Dortmund spielte, wie sich mancher Verein das bestimmt gewünscht hätte. Obwohl er sehr ehrgeizig ist, akzeptierte er die Rolle, nicht Nummer eins sein zu dürfen. Auf der anderen Seite wussten die Klubs in Dortmunds Norden und Süden, wenn Andreas Lichtner da ist, ist er es mit 100 Prozent.

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So einer kennt die Marotten und Spielweisen der Typen, mit denen er es zu tun hat. Schonungslos offen erklärt er „die drei Generationen, mit denen ich zusammengespielt habe“. Der junge Andreas Lichtner stand mit Frank „Keule“ Burmann und Detlef „Delle“ Bögershause auf dem Platz. „Die kamen damals fast nur über den Kampf und harte Arbeit.“

Später in Eving hütete er den Kasten hinter Typen wie Sascha Rammel und Francis Bugri. „Das war die Zeit der Techniker.“ Und mit der heutigen Generation musste sich der Dauerbrenner erst anfreunden: „Mir scheint, als seien Schuhe und deren Farbe oft wichtiger als der Erfolg. Aber ich mag die Jungs trotzdem.“

Wer sich in völlig unterschiedlichen Vereinen wohlfühlt, lernt auch, mit einer sich verändernden Fußballerwelt klarzukommen. „Ich bin ja jemand, der vielleicht nicht mit dem allergrößten Talent gesegnet war, aber dafür mit meiner Einstellung viel bewegt habe. Ich denke, dass ich heute auf die jungen Leute Ruhe und Stabilität ausstrahle.“

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Es wäre nicht fair, den Kirchhörder SC 2020 auf die Enttäuschung vom Sonntag zu reduzieren. Sascha Rammel, jetzt Lichtners Coach, hat vielmehr aus zahlreichen Talenten und einigen Routiniers wie Simon Rudnik, um die ihn viele andere Klubs beneiden, ein attraktiv und erfolgreich spielendes Team geformt.

Die verkürzte Vorsaison beendete der KSC auf dem dritten Rang, und wieder ist er mit immerhin zehn Punkten aus fünf Spielen Dritter, punktgleich mit der führenden Spielvereinigung Horsthausen und mit Lichtners Ex-Klub Hombrucher SV.

KSC-Keeper Andreas Lichtner zeigte am Sonntag eine starke Leistung.

KSC-Keeper Andreas Lichtner zeigte am Sonntag eine starke Leistung. © Schaper

Lichtner wäre aber nicht Lichtner, würde er sich die Punkteausbeute auf seine Fahnen schreiben. Er schätzt seine Leistung und somit seinen Anteil am Erfolg realistisch ein: „Ja, ich freue mich über die Komplimente für das Spiel gegen Herne. Ich gebe zu, dass mir das Lob sehr guttut. Und wenn mein Sohn von meiner Frau meinen Namen aus der Zeitung vorgelesen bekommt und nicht immer nur den von seinem Patenonkel Mats Hummels, freut sich der Kleine riesig. Das macht mich dann noch glücklicher.“ Lichtner ist privat sehr gut mit dem BVB-Profi befreundet.

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Der stolze Papa Lichtner erklärt, warum es so gut, aber nicht immer gut läuft: „Nachdem ich in diesem Sommer gefühlt zum ersten Mal in meiner Karriere eine komplette Vorbereitung mitgemacht habe, bin ich gut drauf. Ich weiß aber auch, dass ich zuvor an der 2:5-Niederlage, unserer ersten in dieser Saison, nicht ganz unschuldig war. Da habe ich nicht gegengesteuert. So ehrlich bin ich schon.“

Lichtner will sich Respekt verschaffen

Der Blick zurück auf diesen Sonntag ist gestattet, wenn es um seine Leistung geht. Ansonsten richten sie in Kirchhörde als Team den Blick wieder nach vorne. Während sich zehn Rot-Weiße deutlich am Sonntag beim Erler SV steigern müssen, braucht Lichtner nur an seine Leistung anknüpfen. Ganz egal, wie der Tabellenzwölfte aus Gelsenkirchen auftritt – der Torwart will sich wieder Respekt verschaffen, mit seiner gegen Firtinaspor eingangs erwähnten erfolgreichen Mischung aus Ruhe, Präsenz und Reflexen.

„Da hilft mir meine Erfahrung.“ Und den Stab über die junge Kirchhörder Generation bricht er dann auch nicht: „Die Jungs sind schon in Ordnung, sie haben Spaß am Fußball. Uns fehlt allerdings momentan etwas der Leader auf dem Platz. Es ist nun aber auch so, dass wir älteren Spieler auf die jüngeren zugehen. Die Jungen suchen von sich aus nicht mehr so den Rat.“

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Gilmar Veigas Mendes und Mustafa Yüksel, die derzeit an allen Ecken und Ende fehlen, seien solche Typen, die den Mund aufmachen und die Jungen motivieren. „Simon Rudnik, ein Super-Fußballer, zählt eher zur ruhigeren Sorte.“ Andreas Lichtner ist jetzt ganz Führungsspieler, wenn er sagt: „Ich versuche natürlich auch, auf die jüngere Generation einzuwirken. Wir wissen doch alle, dass wir es bessermachen können. Und ich glaube, wenn jeder aus seinen Fehlern lernt, erleben wir am Sonntag wieder einen ganz anderen KSC.“

Lichtners Karriereende ist noch nicht abzusehen

Einen Andreas Lichtner, wie er leibt und Fußball lebt, werden sie definitiv in Erle und noch viele weitere Sonntage erleben. Ein Ende der Karriere sei nicht abzusehen, wohl aber das der ewigen Wanderschaft. „Der Kirchhörder SC ist ein toller Verein mit einem tollen Umfeld und einer der besten Anlagen in Dortmund. Dass ich meinen älteren Sohn hier angemeldet habe, zeigt doch, wie wohl sich die Lichtners hier fühlen.“

Seine Frau, die natürlich ihren Andreas liebend gerne öfter zu Hause sähe, drückt ein Auge zu. „Sie respektiert, dass Sport für mich immer auch ein wichtiger Ausgleich ist.“

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Respekt ist ein gutes Schluss-Stichwort. Der ewige Lichtner wird vielleicht eines Tages nur noch in der BVB-Traditionsmannschaft im Tor stehen. „Wenn ich sehe, wie fit die alten Haudegen Frank Mill oder Michael Lusch sind, drücke ich gerne meine Hochachtung aus. Selbst ich habe so noch Vorbilder.“ Respekt vor der Fitness im Alter! Die wünscht sich Lichtner für seine Zukunft auch.

Dass er sich im etwas jüngeren, aber schon gesetzteren Fußballer-Alter selbst über Wertschätzung und Lob aller Generationen richtig freuen kann wie ein kleiner Junge, aber immer seine Achtung vor anderen Sportlern behält, verdient am Ende auch wieder Respekt.

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