Ausländischer Fußballklub in Dortmund spricht Klartext: „Türkspor ist kein Vorbild“

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Ein ausländischer Dortmund Fußballverein ist sich seiner Position genau bewusst. Die Kicker wollen kleine Brötchen backen und sich riesige Projekte von anderen Klubs nicht zum Vorbild nehmen.

Dortmund

, 11.11.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sind die Konstante unter den ausländischen Vereinen in Dortmund. Ihr Revier ist die B- und die A-Liga, nach mehreren Jahren jetzt wieder die höchste Kreisliga. Der Schuster im Kreuzviertel bleibt bei seinen Fußball-Leisten. Er sieht sich als Projekt, aber nicht als Leuchtturmprojekt. Ganz in der Versenkung verschwand der Verein aber auch nie.

Was Sarajevo Bosna anpackt, soll Hand und Fuß haben. Der 2. Vorsitzende und Geschäftsführer Muhamed Ahmeckovic stellt den Verein mit, wie der Name auch nahelegt, bosnischen Wurzeln im Interview vor.

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Muhamed Ahmeckovic, Sie bauen keine Luftschlösser, haben aber eine Burg, die von innen und außen stabil hält. Trifft dieser Eindruck zu?

Ja, so könnten Sie das formulieren. Wir wissen, was wir haben. Aber ja, wir haben auch Ziele, sind auch sehr froh, nach vier Jahren B-Liga wieder in der A-Liga zu sein.

Euphorie ist Ihre Sache nicht. Wenn Sie von Projekten sprechen, haben Sie also eher nicht eins wie Türkspor im Auge?

Genau, unser größter Wunsch ist es, irgendwann einmal überkreislich zu spielen. Das kann der Verein schaffen, aber selbst die Bezirksliga wäre verdammt schwierig. Ich denke nicht, dass wir mehr stemmen können und wollen. Das ist eine finanzielle und eine personelle Frage. Um höher zu spielen, brauchen wir mehr Leute, die sich ehrenamtlich engagieren. Und wir merken ja jetzt auch, dass Aufsteigen leichter ist als dann in der neuen Liga klarzukommen.

Haken wir doch die, wie es durchklingt, etwas unbefriedigende sportliche Situation ab, ehe wir mehr über Ihren Verein erfahren. Sechs Punkte aus sechs Spielen sind Ihnen zu wenig?

Ja, wir haben uns das schon anders vorgestellt und hätten mehr haben können. Das ist auch unser Anspruch. Ich blicke schon leicht neidisch in Richtung VfL Hörde, die mit uns aufgestiegen sind und jetzt mit acht Siegen ganz oben stehen.

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Immerhin waren es nach der abgebrochenen Vorsaison nur drei Zähler Rückstand auf die Hörder, jetzt sind es nach sechs Bosna-Spielen und acht von Hörde schon 18 Punkte. Was fehlt Ihrer Mannschaft?

Personal! Wir haben einfach nicht den Kader wie der VfL. Zwei Ausfälle wie die von Innenverteidiger Dzenis Dzelilovic und seinem eventuellen Vertreter Edin Jusic machen sich bei uns schon enorm bemerkbar. Unser Kader ist nicht sonderlich groß. Wir haben vielleicht 18 bis 20 Mann.

Sollte die Saison eine Fortsetzung finden, hätten Sie dann Hoffnung, unten rauszukommen?

Ja, wir haben anhand unserer Ergebnisse schon gesehen, dass wir nicht nur mithalten, sondern auch Ausrufezeichen setzen können. Da ist alles dicht beieinander. Ein Beispiel: Wir haben Anfang Oktober Eintracht Dorstfeld geschlagen. Die haben eine Woche später gegen das Topteam TSC Eintracht gewonnen. Wir haben zwei sehr engagierte junge Trainer gefunden. Arnel Sahbazovic und Mirsel Zahirovic machen das richtig gut. Wir sind mit deren Arbeit sehr zufrieden.

Sie wissen, wovon Sie sprechen. Sie haben nicht nur zwei Vorstandspositionen, sondern sind auch Spieler. Sagt das etwas über die Personalsituation in Ihrem Verein aus?

Ja, das zeigt doch, dass wir gerne mehr Leute hätten. Aber sie müssen auch zu uns passen. Ich denke aber, wir spielen, falls wir dürfen, noch eine ordentliche Saison.

Alles in allem klingt das sehr realistisch. Sie sagten, Sie sind ein wenig neidisch auf den VfL Hörde. Kommen wir also zurück zur Eingangsfrage. Wäre der Weg von Türkspor oder früher Fatih, wo ausländische Spieler zusammenhalten, nicht auch ein Vorbild?

Nein, Sie sagen es, wir sind realistisch. Vor vier Jahren, als wir aus der A-Liga abstiegen, hatten wir zum ersten Mal in unserer 26-jährigen Vereinsgeschichte gemerkt, dass der Ertrag dem hohen Aufwand nicht gerecht wurde. Wir waren kurz ganz unten, haben uns Schritt für Schritt in der B-Liga wieder nach oben gearbeitet. Nur so kann es jetzt auch weitergehen.

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Reichtümer lassen sich bei Bosna also nicht verdienen?

Nein, überhaupt nicht. Wir hatten das ja, wie gesagt, vor unserem Abstieg einmal versucht. Das ist aber nicht unserer Weg. Wir haben viele gute bosnische Fußballer in Dortmund. Für sie wollen wir eine sportliche Heimat und eine sehr gut funktionierende Gemeinschaft bieten. Aber ich schiebe gleich nach, dass wir für alle Nationalitäten offen sind. Wir sind zwar balkanorientiert, haben aber auch Tunesier und Marokkaner und mal einen Deutschen. Das Gros unserer Mannschaft besteht aus bosnisch- und kroatisch-stämmigen Spielern.

Wie beschreiben Sie Außenstehenden Ihren Verein?

Auf unserem Sportplatz im Kreuzviertel ist alles sehr familiär. Wenn wir unseren Gastmannschaften eine Herausforderung stellen, dann soll sie immer eine sportliche sein. Wir haben gute Kontakte zu den anderen A-Liga-Klubs. Ich denke, sie kommen gerne auf unsere Anlage.

Ihr Verein ist sehr jung. Ist alles mitgewachsen, beispielsweise eine Juniorenabteilung?

Ein sehr wichtiges Thema, das wir irgendwann angehen wollen. Aber es ist auch hier verdammt schwer, einen solchen Bereich für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Uns fehlen Leute im Verein, die mitmachen. Und für den Nachwuchs gibt es im Fußball und außerhalb des Fußballs so viel Konkurrenz, dass wir schon eine sehr gute Jugendarbeit anbieten müssten. Ich sage: Wir wollen das irgendwann. Ich sage aber auch: In den kommenden zwei, drei Jahren ist es nicht realistisch. Selbst für aufstrebende Vereine wie Türkspor und TuS Bövinghausen ist es nicht gerade einfach, eine Jugendabteilung auf die Beine zu stellen.

Dann haben Sie nicht die Diskussion im Verein, ob Junioren oder Senioren in Coronazeiten trainieren sollen. Wie ist die Stimmung in Ihrem Klub?

Die ist natürlich äußerst bescheiden. Aber das geht ja nicht nur uns so. Wir hoffen, bald wieder erfolgreich Fußball spielen zu dürfen.

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