125 Jahre: Ohne diesen Verein wäre der Fußball nicht nach Dortmund gekommen

dzFußball in Dortmund

Vom ASC 09 über den TuS Bövinghausen bis zu BW Huckarde: Ein Verein ist der Vater aller Dortmunder Fußball-Klubs - schon Reinhard Rauball kickte für den ältesten Dortmunder Fußball-Verein.

von Gerd Kolbe

Dortmund

, 10.05.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie waren bei den kleinen und großen Straßenfußballern Mitte der 1950er Jahre in aller Munde: Jupp Thater, Walter Schrimpf, Wilhelm Grote, Heinz Casper und Karl-Heinz Holzgräwe kickten aber nicht etwa für den BVB, sondern für den Dortmunder Sport-Club von 1895, den ältesten hiesigen Fußballverein. Auch BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball jagte dort einige Zeit später dem runden Leder hinterher.

Genau dieser DSC 95, ursprünglich Dortmunder Fußball-Club von 1895, wird am 10. Mai 2020 stolze 125 Jahre alt. Als er am 10. Mai 1895 gegründet wurde, war Fußball beileibe noch nicht die Nummer eins im Sport. Im Gegenteil: Die „Fußlümmelei,“ so ein Schimpfwort, fristete nach ihrem Import aus England 1874 zunächst lange ein Mauerblümchen-Dasein und war als unpädagogisch und unsportlich roh verschrien.

„Trotz alledem muss gewissenhaft registriert werden, dass das Fußballspiel Feinde hat, wie kaum ein anderer Sport. Es führt zu Raufszenen und verroht die Jugend, es ist reiner Muskelsport und bedingt keinerlei geistige Inanspruchnahme“ war damals keine Einzelmeinung.

Gründer des ersten Dortmunder Fußballvereins trafen sich heimlich

In Dortmund wurde seit 1890 gekickt, pardon „geklütet,“ wie es damals hieß. Die gut-bürgerlichen Schüler des Bismarck-Realgymnasiums an der Beurhausstraße waren die Ersten. Die Studierenden der Königlichen Maschinenbauschule in der Sonnenstraße stießen hinzu. Als Ergebnis dieser Liaison entstand der Dortmunder Fußball-Club.

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In einer historischen Vereinspublikation heißt es: „Nichtachtend der Anfeindungen, trotz aller Strafen, die ihnen, den heimlich Fußballbesessenen, seitens der Lehrer und Väter drohten, schlossen sich am 10. Mai 1895 16 junge Männer, vorwiegend ehemalige Schüler des Realgymnasiums, die in oder nach ihrer Schulzeit heimlich auf irgendeine Weise außerhalb der Wälle wieder „geklütet“ hatten, zum ersten Dortmunder Fußball-Club (DFC) zusammen. Am 6. Juli war zum ersten Mal in der örtlichen Presse von der Existenz dieses Fußballclubs zu lesen. Noch im Gründungsjahr konnte das erste Wettspiel ausgetragen werden, und zwar gegen eine heimlich spielende Mannschaft des Realgymnasiums. Es wurde 1:0 gewonnen.“

Ein Zeitzeuge beschreibt die damaligen ersten Gehversuche: „Als wir wieder einmal sonntags zur Radrennbahn kamen, war da was Neues los. Im Innenraum spielten etwa 15 Mann mit einem dicken Ball, und zwar mit den Füßen. Kurz und gut, es war der Dortmunder Fußballclub. Wir verstanden das noch gar nicht, kamen aber bald dahinter. Kleidung der Spieler war blaue Hose und ein weißes Trikot mit einem blauen Stern auf der Brust. Dazu die übliche Ausrüstung. Als Tor dienten zwei Stangen mit einer Schnur darüber.“

Benno Elkan brachte den Fußball aus der Schweiz nach Dortmund - und nach München

Zu den Vereinspionieren und -gründern gehörte gemeinsam mit Franz und Eduard Weymann, August Andernach, Fritz Beyer und Fritz Wahl auch der jüdische Jüngling Benno Elkan, der später zu einem weltberühmten Bildhauer werden sollte.

Elkan ist unter den Männern der ersten DFC-Stunden die herausragende Persönlichkeit. Er brachte den Fußball von einem Internatsaufenthalt in der Schweiz mit nach Dortmund und trug die Leidenschaft für den noch jungen Sport in unsere Stadt. Um seine künstlerischen Neigungen gezielt zu fördern, ging Elkan nach München auf die dortige Kunsthochschule. In Schwabing war er Ende Februar 1900 auch an der Gründung des FC Bayern beteiligt.

Der Dortmunder Sportclub wurde 1956 Westfalenmeister.

Der Dortmunder Sportclub wurde 1956 Westfalenmeister. © privat

1935 emigrierte er auf der Flucht vor den Nazis nach England. In seinem Londoner Exil schuf er 1950 als Auftragsarbeit für Arsenal London den berühmten „Fighting Cockerel“, das Emblem von Tottenham Hotspur, als 43 Zentimeter große silberne Skulptur. Seine berühmteste Arbeit ist die weltberühmte fünf Meter hohe „Große Menorah“, die als offizielles Geschenk Großbritanniens an Israel vor der Knesset in Jerusalem steht.

Dortmunder war Mitbegründer des Westfälischen und Westdeutschen Fußballverbandes

Der frisch gegründete DFC wurde gemeinsam mit Witten 1892 in ganz Westfalen zum Wegbereiter des Fußballs. Aber: Woher Gegner nehmen und nicht stehlen? Gut, man spielte hier und da gegen Turnbrüder verschiedenster Couleur, wenn diese sich mal unbeaufsichtigt fühlten.

Trotzdem: Der DFC dümpelte mehr schlecht als recht vor sich hin. Gemeinsam mit dem Berliner Karl Lüdecke reaktivierte der sportbegeisterte Walter Sanß kurz vor der Jahrtausendwende die 95er und festigte die Club-Strukturen.

Walter Sanß im Jahr 1910.

Walter Sanß im Jahr 1910. © privat

Walter Sanß, genannt der „Flieger“, war ein sportliches und organisatorisches Multitalent: Er kam von der Leichtathletik, spielte später Fußball, war international renommierter Schiedsrichter, einer der ersten Sportreporter überhaupt, geschätzter Dolmetscher bei internationalen Sportkongressen, Mitbegründer des Westfälischen und Westdeutschen Fußballverbandes, Schriftführer des DFB und ab 1910 erster DFB-Geschäftsführer mit „eigener“ Geschäftsstelle, die sich ab 1910 in der Gutenbergstraße 48 befand.

DSC hatte im Stadion Rote Erde bis zu 10.000 Zuschauer

Der Spielbetrieb des DFC wurde durch Sanß` Initiativen durch die Disziplinen Schlagball und Faustball ergänzt. Später kamen die äußerst erfolgreichen Leichtathleten hinzu. Dr. Karl Dickel, Arthur Donath, Otto Röhr, Rudolf Sanß und (in den 1950er Jahren) Karl-Heinz Wegmann, die wichtige nationale und internationale Erfolge im Weitsprung, Hürdenlaufen, über die Mittelstrecken und im Kugelstoßen errangen, seien hier beispielhaft erwähnt. Otto Röhr war es auch, der 1919 im Hürdensprint den ersten deutschen Meistertitel in der Geschichte der Sportstadt Dortmund überhaupt errang!

Da man kein reiner Fußballclub mehr war, änderte man auch den Namen und nannte sich ab 1919 Dortmunder Sportclub 1895 (DSC 95). Die „Südlichen“ von der Flora wurden Dortmunds erster Renommierclub. Der erste wirklich nachhaltige Erfolg für die DSC-Fußballer folgte 1921 mit der Ruhrgaumeisterschaft. Nach einer Fusion mit Sportfreunde 06 durfte man 1934 in der neuen Gauliga antreten - und scheiterte. Die „Sportehe“ wurde wieder aufgehoben. Deutlich erfolgreicher waren jetzt Arminia Marten und der BVB.

Richtig freuen konnte man sich der DSC erst wieder Mitte der 1950er Jahre. 1955/56 errang man die Westfalenmeisterschaft, ab 1956 spielten die Thater, Schrimpf und Co. in der 2. Liga West. Der DSC 95 war in dieser Zeit die zweite Kraft des Fußballs in Dortmund und zählte bei seinen Meisterschaftsspielen im Stadion Rote Erde gut und gern mal bis zu 10.000 Besucher. Damit war die Fußball-Geschichte der Pioniere von der Flora allerdings auch schon so gut wie abgehakt. Nach der Fusion mit Eintracht Dortmund nennt man sich seit 1969 nämlich TSC Eintracht 48/95 und ist nunmehr ein Teil des renommierten Dortmunder Großvereins.

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