Unglück, Verzweiflung, Qualen: Mit blutenden Knien erreichte Triathlet sein Ziel

dzTriathlon

Der Triathlet und Arzt Stephan Petrasch nahm unverhofft beim Ironman in Estland teil. In seiner Altersklasse erreichte er gar einen Erfolg. Doch dafür musste er richtige Qualen erleiden.

Schermbeck

, 18.09.2020, 07:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anfang September fand in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, der erste „Ironman“ nach dem Corona-Lockdown statt. Unter den rund 900 Teilnehmern war auch der Schermbecker Arzt und Triathlet Stephan Petrasch. Mittlerweile in der Altersklasse 65 bis 69 startend freute er sich trotz vieler Qualen über einen so nie zu erwartenden dritten Podiumsplatz. „Ich habe den Start nicht bereut und bin stolz auf das Ergebnis“, sagte er.

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Petrasch, der in diesem Jahr aufgrund des Coronavirus‘ überhaupt nicht mehr mit einem Wettkampf gerechnet hatte, wurde von seinem Vereinskamerad beim DSV Duisburg, Sven Wies, auf einen überraschend frei gewordenen Startplätz angesprochen. Da war die Entscheidung zur Teilnahme schnell gefallen. Allerdings stellte sich Petrasch die Frage, „ob es überhaupt möglich wäre, nur auf Basis des Grundtrainings einen Ironman zu finishen“? Richtig im Training war der Triathlet nämlich nicht.

Alle Register wurden gezogen

In Estland, einem der Länder mit den wenigsten Coronafällen, wurden in punkto Sicherheit alle Register gezogen. So herrschte in dem weitläufigen Veranstaltungsbereich Maskenpflicht bis zum Eintritt in ein großes Gesundheitszelt, wo Temperatur und Puls gemessen wurde. Erst wenn alles in Ordnung war, durften sich die Teilnehmer in den vier sauber gestaffelten Startreihen mit Abstand aufstellen, denn auch der sonst übliche, spektakuläre Massenstart wurde vom Veranstalter gestrichen.

Kurz vorm Eintauchen in das gerade mal 16 Grad kalte Wasser des Harku-Sees ging Petraschs Adrenalinspiegel in die Höhe. Im Wasser zwang er sich, sich zunächst im Neo zu akklimatisieren, aber auch um der üblichen Starthektik zu entgehen. Erst danach nahm er mit gleichmäßigen und sauberen Schwimmzügen Tempo auf. „Auf der Schwimmstrecke kam ich trotz starker Brandung gut zurecht“, erklärte er.

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Gut zurecht kam der Arzt auch auf der Radstrecke. Sie führte die Sportler in der ersten 90 Kilometerrunde auf asphaltierten, sehr gut befahrbaren Straßen hinaus in die estnischen Wälder, entlang der Ostsee und wieder zurück. Petrasch fuhr permanent etwas unterhalb seiner persönlichen Leistungsgrenze und war begeistert von der wunderbaren Natur. „Mit dem Rad komme ich sicher nach Hause“, dachte er sich auf dem Rückweg.

Bei noch bei angenehmen Außentemperaturen begann für Petrasch gegen 16 Uhr mit dem abschließenden Marathonlauf der letzte Teil seines Abenteuers. Auf vier Runden mit rund zehn Kilometern führte der Kurs die Läufer vom Hafen durch die historische Altstadt und wieder zurück.

Als er auf der ersten Runde von einem wolkenbruchartigen Starkregen überrascht wurde, dachte er, dass er das nie schaffen könnte. Mental stellte er sich schon darauf ein, es nicht zu schaffen. Der Regen blieb den Sportlern erhalten. Das noch 30 Kilometer weite Ziel lag in schier unendlicher Entfernung.

Petrasch ereilte echtes Unglück

Doch mit seiner körperlichen Stärke und den Erfahrungen aus vielen Wettkämpfen konnte er zunächst noch dagegen halten. Doch zu Beginn der dritten Runde ereilte ihn ein echtes Unglück. Beim Überlaufen der Zeitmatte in der Kontrollzone rutschte er auf dem glitschigen Unterboden aus, verlor die Kontrolle und stürzte schwer frontal auf den rauen Asphalt.

Dabei zog er sich starke Prellungen und blutende Verletzungen an Händen und Knien zu. Sein erster Gedanke war: „Hoffentlich kann ich wieder aufstehen und weiter machen.“ Als er sich wieder aufgerappelt hatte, konnte er zum Glück die Hilfe der herbeigeeilten Sanitäter freundlich ablehnen und setzte sich gehend wieder langsam in Bewegung.

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Nach etwa einem Kilometer freute er sich über die ersten vorsichtigen Laufschritte und nahm danach wieder Tempo auf. Aber das Leiden nahm für ihn kein Ende. Kurze Zeit später bekam er starke Schmerzen in den schon längst überlasteten Oberschenkeln. Jetzt wurde es richtig hart. Jeder weitere Schritt war eine echte Qual und Petrasch schaltete komplett auf die mentale Schiene um: „Ich wollte auf jeden Fall ankommen. Der Wunsch war stärker als die Schmerzen“, sagte er.

Zwei weitere kurze Gehphasen machten später die Beine zwar wieder schmerzfrei, doch jetzt wirkte die ihn umgebende Einsamkeit bedrückend. Hoffnung brachte erst der nächste Wendepunkt, an dem er sah, dass es doch noch Teilnehmer hinter ihm gab. Und auf der letzten Runde stellten sich dann endlich auch verstärkt die positiven Gefühle eines Einlaufenden ein.

Aufgeben war keine Option

Aufgeben war nun kein Thema mehr, und als er im Lichterschein eines Feuerwerks, was bei Nacht für jeden im Ziel entzündet wurde, nach 13:20:50 Stunden über die Linie sprintete, dachte er nur noch: „Ich bin so stolz, es auch dieses Mal bis zum Ende geschafft zu haben.“

Als Highlight nennt Petrasch trotz aller Strapazen die wunderbare Natur und das urbane Laufen durch den hellerleuchtenden Hafen und die historische Altstadt Tallinns und sagt rückblickend: „Dieses tolle Gefühl wird noch lange anhalten und ich werde bestimmt weiter machen.“

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