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Tanzen bis der Absatz bricht: Wulfener Ehepaar Kruschinski erobert das Parkett

dzTanzen

„Wenn die Kinder groß sind, wollen wir ein gemeinsames Hobby haben“, sagten Kristina und Andre Kruschinski vor sechs Jahren. Mittlerweile trainiert das Ehepaar zwölf bis 14 Stunden die Woche.

Wulfen

, 14.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Am Anfang stand die Geselligkeit. „Das Treffen mit anderen Leuten war das Wichtigste“, erinnert sich Andre Kruschinski. Doch dann schauten der 41-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau 2013 auch mal bei einem Tanzverein vorbei. „Nur so als Test.“ Sie schauten einmal, sie schauten zweimal, sie schauten dreimal. „Dann hatte es uns gepackt“, sagt Kruschinski. Entscheidend für sie: das Feedback, das sie beim TC Royal Oberhausen von den Trainern bekamen.

„Beim Quickstep hieß es schon nach einer halben Runde: ,Andre, halt den Kopf weiter oben‘“, erzählt Kruschinski. Andere hätten sich bei derlei Gegenwind vielleicht schnell vom Parkett gemacht, doch die beiden Wulfener sogen die Tipps der Trainer regelrecht auf. Und freuten sich über „drei bis vier solcher Verbesserungshinweise pro Trainingseinheit“.

Bis zum ersten Turnierstart dauerte es nicht lange. In der D-Klasse der Senioren I mussten die Kruschinskis pro Runde drei Standardtänze zeigen. Für sie schon damals keine große Herausforderung mehr. „In der D-Klasse geht es darum, dass du nicht nur stehst, ab der C-Klasse musst du dich dann schon richtig bewegen“, sagt Andre Kruschinski.

Erster Aufstieg nach nur sechs Monaten

Nach nur sechs Monaten stiegen Kristina und er in ebendiese C-Klasse auf, anderthalb Jahre später ging es hinauf in die B-Klasse. „Da haben wir dann ein bisschen länger gebraucht“, erzählt Kristina Kruschinski. Die beiden wollten erst die neuen Folgen richtig lernen und tanzten so zunächst nur wenige Turniere. In den ersten 15 Monaten nach dem Aufstieg gingen sie nur viermal an den Start.

Doch dann zündeten die zwei den Turbo: Bei 42 Turnierstarts landeten sie 31-mal auf dem Treppchen, holten neunmal Gold, 13-mal Silber und neunmal Bronze, wurden nordrheinwestfälischer Vizemeister und gewannen 2016 den NRW-Pokal. Anfang Juni 2017 durften sie bei „Hessen tanzt“, dem weltweit größten Amateurturnier, mit ihren mitgereisten Fans auf den Aufstieg in die A-Klasse anstoßen.

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Das Feiern war allerdings nur eine Momentaufnahme, dann ging das Training weiter. Fünf bis sechs Einheiten stehen jede Woche auf dem Programm. Zweimal gehen die Eheleute joggen, fünf bis sieben Kilometer, für die Kondition. Einmal geht‘s zum Krafttraining beim TSZ Royal Wulfen und zwei bis dreimal zum eigentlichen Tanztraining nach Oberhausen. Das dauert in der Regel zwei Stunden, samstags aber auch schon mal dreieinhalb. Als er dieses Wochenpensum aufzählt, blickt Andre Kruschinskis seine Frau an. „Eigentlich gruselig, Tina“, sagt er und lacht.

Zweimal den NRW-Pokal gewonnen

Denn die Kruschinskis haben den Spaß an ihrem Hobby nicht verloren. Und Erfolge gibt‘s auch. Bei den NRW-Meisterschaften 2018 wurden die Wulfener im März in Solingen Vierter. In der Turnierserie um den NRW-Pokal sicherten sie sich mit drei ersten und einem zweiten Platz zum zweiten Mal in ihrer Karriere den Gesamtsieg, und längst gehen die Eheleute auch bei Weltranglisten-Turnieren erfolgreich an den Start.

„Das ist für uns von NRW aus günstig, denn viele dieser Turniere finden in Belgien oder den Niederlanden statt“, erklärt Andre Kruschinski. Doch es stehen auch weitere Fahrten auf dem Programm. Mit dem „Blauen Band der Spree“ in Berlin, „Hessen tanzt“, der Wuppertaler „danceComp“ und den „German Open Championships“ in Stuttgart stehen die vier größten deutschen Turniere auf dem Startzettel der Wulfener. „Das ist wie die vier Grand-Slam-Turniere im Tennis“, sagt Andre Kruschinski. „Bis wir da etabliert sind, dauert es bestimmt ein Jahr“, meint er. „Eher fünf“, glaubt seine Frau.

25.000 Tänzer betreiben ihr Hobby in Deutschland leistungsorientiert

Dabei können die zwei auf das Erreichte schon stolz genug sein. Vier Jahre noch, dann können sie bei den Senioren II starten. „Senioren I“, sagt Andre Kruschinski, „ist schon sportlich.“ Will heißen: Hier tummeln sich zuhauf Paare, die schon 20 und mehr Jahre tanzen und den beiden Wulfenern dementsprechend viel Erfahrung voraus haben. Kein Wunder. Immerhin gibt es in Deutschland 7500 Paare mit einer Startlizenz für Einzelwettbewerbe im Standard- oder Lateinbereich. Von den 225.000 Mitgliedern der über 2100 deutschen Tanzsportvereine betreiben 25.000 das Tanzen als Leistungssport, während die überwiegende Mehrheit als Hobby- und Breitensportler unterwegs ist.

Tanzen bis der Absatz bricht: Wulfener Ehepaar Kruschinski erobert das Parkett

2016 und 2018 gewannen Kristina und Andre Kruschinski den NRW-Landespokal der Senioren I Standard A. © Privat

Kristina und Andre Kruschinski haben beide Seiten kennengelernt. Aus den Anfängen im Breitensport ist für sie längst mehr geworden. Die meisten Amateurfußballer dürften weniger trainieren als das tanzende Ehepaar. Doch den Spaß an ihrem Hobby haben die beiden nicht verloren. Selbst, wenn mal etwas schief geht, wie beim Weltranglistenturnier am Pfingstsonntag dieses Jahres.

Die Kruschinskis mussten in den Hoffnungslauf

Im niederländischen Almere traten die Kruschinskis beim Vermeer-Cup in einem kleinen Feld von elf Paaren an. Allein vier davon gehörten zu den Top 50 der Weltrangliste und qualifizierten sich direkt fürs Finale. Die Kruschinskis mussten dagegen mit sechs anderen Paaren in den Redance, den Hoffnungslauf.

Hier war entsprechend viel Platz auf dem Parkett, und die beiden Wulfener nutzten das, um ihre Choreographie fehlerfrei zu präsentieren. Alles lief bestens, bis im vierten Tanz - dem Foxtrott - der Absatz von Kristina Kruschinskis rechtem Schuh an einer Verlegekante des Parketts hängen blieb und abbrach. Was tun?

Eine Verschnaufpause gab es nicht, und der letzte Tanz kam unerbittlich näher. In ihren ersten Jahren hätte die Situation die Eheleute wahrscheinlich überfordert. Doch jetzt reagierten sie wie zwei ganz alte Hasen. „Zum Glück war es nur halb so schlimm“, meint Andre Kruschinski mit einer Gelassenheit, die man kaum teilen mag. Seine Begründung: „Der letzte Tanz war der Quickstep, und der wird sowieso zum Großteil auf dem Fußballen gehüpft.“

Und so hüpften sie mutig weiter und waren am Ende mit Platz acht hochzufrieden.

Inzwischen sind die Kruschinskis in der Weltrangliste auf Platz 148 der rund 500 Paare ihrer Klasse gelistet, und das Tanzen hat sogar Einfluss auf ihre Urlaubsplanung. „Im Sommer haben sie in Bayern doch glatt geschaut, wo es in der Nähe ein Turnier gibt“, erzählt Andres Mutter Margret. Die beiden wurden fündig, tanzten mit und gewannen. Sie sind ein Standardpaar - und doch wieder keins.

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