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Hans-Jürgen Rohkämpers Suche nach Herausforderungen an der Grenze des Unmöglichen

dzDas Sportportrait

Der Extremläufer Hans-Jürgen Rohkämper treibt seinen Körper immer wieder an die Grenze des Machbaren. Der Schermbecker hat bereits eine neue Herausforderung gefunden.

Schermbeck, Dorsten

, 13.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Schermbecker Hans-Jürgen Rohkämper ist ein echter Extremläufer: Die 56 Kilometer ist er schon gelaufen, die 100 Kilometer auch schon. Auf der ständigen Suche nach seinen persönlichen Grenzen setzt er sich immer neuen Herausforderungen aus. Seine Laufabenteuer haben den 51-jährigen bis nach Südafrika und zum Indischen Ozean geführt.

Wenn er die Kilometer zusammenrechnet, die er im Training und Wettkampf zurückgelegt hat, kommt er auf rund 40.000 Kilometer. Den Erdball hat er damit schon längst einmal umrundet. Sein nächstes Ziel ist ein Lauf über 200 Kilometer. Doch von vorne. Was treibt einen Menschen an, sich solchen Grenzerfahrungen auszusetzen?

Wie alles begonnen hat

Begonnen hat für ihn alles 1978. Mit gerade einmal 11 Jahren trat er bei den Bundesjugendspielen an – und gewann auf Anhieb den 1.000-Meterlauf der fünften Klassen. Da hat ihn der, wie er sagt, „Laufbazillus“ gepackt. Drei Mal die Woche lief er danach regelmäßig mit einem Freund in der Hohen Mark. Später trat er in die Laufgruppe Dorsten-Lembeck um Manfred Korte ein.

Nach einem siebenjährigen Intermezzo im Tischtennissport begann Rohkämper 1988 wieder mit dem Laufen. Fünf Mal die Woche war er nun auf den hiesigen Wegen unterwegs. Bis 2002 lief der städtische Angestellte eigentlich nur aus Freude an der Bewegung und für sich selbst. Das änderte sich erst, als ihn ein guter Freund zum Start bei der Premiere des Münsterlandmarathons überredete.

"Ich dachte, ich würde gegen eine Wand laufen."
Hans-Jürgen Rohkämper, Extremläufer

Der 51-jährige setzte sich dabei nicht nur das Ziel, anzukommen, sondern wollte die Ziellinie auch vor seiner eigens gesetzten Zeit erreichen. "Ich wollte nicht später als nach 3:30 Stunden ins Ziel kommen", sagt Rohkämper. Am Ende war er sechs Minuten länger unterwegs.

Den berühmten "Hammer" bei einem Marathon bekam er bei Kilometer 32. "Ich dachte, ich würde gegen eine Wand laufen." Im Ziel angekommen war Rohkämper sich sicher: "Das mache ich wohl nie wieder."

Der Stolz überwog dann doch

Doch bereits auf der Heimfahrt, als die Gedanken wieder geordnet waren, überwog der Stolz, es geschafft zu haben. Und ihm kam ein gänzlich anderer Gedanke in den Sinn. Nämlich, das Erlebnis noch zu toppen. So erklomm er 2004 die nächste Laufstufe, als er an seinem ersten Ultralauf in Bottrop teilnahm. Zur Erklärung: Ein Ultralauf ist ein Lauf, der über die klassische Marathondistanz von 42,195 Kilometern hinausgeht.

Rohkämper kam beim Lauf gut über die Marathondistanz, musste aber danach sein Tempo reduzieren, um sicher ins Ziel zu kommen. Dort empfing ihn seine Frau im Scherz mit folgenden Worten: "Die drei vor dir waren schon wesentlich älter!" Rohkämper selber war restlos bedient. Bis 2014 hatte er mit 20 weiteren Marathons die Strecken in Deutschland weitestgehend abgegrast – und fühlte sich bereit für die ganz große Bühne der Extremläufer.

Der weltweit größte Ultralauf

2015 ging es für den Schermbecker bis nach Südafrika, wo er am "Comrades Marathon" teilnahm. Die Strecke über 87 Kilometer liegt in einer einzigen Berg- und Talbahn durch das "Land der tausend Hügel", von Durban nach Pietermaritzburg.

Dieser weltweit größte Ultralauf mit rund 21.000 Teilnehmern entstand in der speziellen Laufszene Südafrikas, wo die normale Marathonstrecke eigentlich kein relevantes Maß ist. Schon am Start spürte Rohkämper die besondere Atmosphäre – denn traditionell stimmen sich die einheimischen Starter etwa eine Stunde vor dem Start mit ihren Stammesgesängen auf den Lauf ein.

Das Wunderheilmittel der Läufer

Das Ziel war ein mit 25.000 Zuschauern voll besetztes Cricketstadion, das jeden Läufer im Ziel lautstark begrüßte. Bei angenehmen zehn Grad trat Rohkämper um 5:30 Uhr morgens an die Startlinie, profitierte zu Beginn noch von seinem intensiven Vorbereitungstraining und war für ihn überraschend gut unterwegs.

Der 51-Jährige blieb immer in Bewegung, absolvierte Steilanstiege von über zehn Prozent im schnellen Gang und bekam erst bei etwa 70 Kilometer leichte Magenprobleme. Mit einer Flasche Cola, dem Wunderheilmittel der Läufer, ging es aber weiter – und so lief er aufrecht unter dem Jubel der Zuschauer ins Stadion ein. Rohkämper erlebte just in diesem Moment ein tiefes persönliches Glücksgefühl.

Besonders im Gedächtnis blieb dem Läufer eine markante Passage des Extremlaufes: Am Wegesrand stand eine Schule für behinderte Kinder. Wie alle Läufer hielt Rohkämper an, um die Kinder im Rollstuhl kurz zu begrüßen. Ein Akt der Menschlichkeit, den Rohkämper nie vergessen wird.

Ein weiteres Mal in Südafrika

Im Jahr darauf suchte er bei der Deutschen Ultratrail-Meisterschaft im Rahmen des Bilstein-Marathons den direkten Vergleich mit den stärksten Läufern Deutschlands. Die 64 Kilometer spulte er in 6:17 Stunden ab und freute sich am Ende über Gesamtplatz 49 von über 190 Finishern.

2017 zog es ihn erneut nach Südafrika, wo er am Two-Oceans-Marathon in Kapstadt teilnahm. Besonders beeindruckt hat ihn dabei die atemberaubende Kulisse entlang des indischen Ozeans auf einem Teilstück der Distanz über 56 Kilometer.

100 Kilometer als Ritterschlag

Den „Ritterschlag“ der nicht-professionellen Ultras holte sich Rohkämper dann im vergangenen Jahr bei der„Tortur de Ruhr“. Für dieses besondere Rennen, bei dem die Teilnahme nur auf Einladung des Veranstalters erfolgt, trainierte der Extremläufer rund 12 Wochen lang, unter anderem auch auf Teilen der späteren Laufstrecke.

Er meldete für den Lauf über 100 Kilometer an, der von den Hardcore-Läufern aber lediglich „Bambinistrecke“ genannt wird. Neben der "kleinen Runde" hätte Rohkämper auch über 100 Meilen (160 Kilometer) oder 230-Kilometer an den Start gehen können.

Start war der Pfingstsonntag, um 4 Uhr morgens. Rohkämper hatte sich die Strecke des Ruhrtal Radwegs gedanklich in viele kleine Teilsegmente zerlegt, die er konzentriert mit einem Schnitt von etwa 5:30 Minuten pro Kilometer ablaufen wollte. Mit Carsten Klein-Bösing vom SV Schermbeck und Sonja Flohr begleiteten ihn zwei Freunde auf dem Fahrrad, die auf Rohkämpers Tempo und Verpflegung achteten.

Neuer Mut

Seine wichtigste Devise lautete: "Nur nicht bis zum Ende zu denken." Bei rund 70 Kilometern erlebte er dann seinen schlimmsten Moment: Die letzten Reserven schienen aufgebraucht, da erreichte er den letzten Verpflegungspunkt. Die ersten Gedanken, aufzuhören, kamen ihm in den Sinn. Doch dann bekam er die Info, dass er auf Platz drei liegend auf einem guten Weg sei.

Daraus schöpfte der 51-Jährige neuen Mut und mentale Energie. Besorgt blickte er nach hinten, überholt werden wollte er nun auf keinen Fall mehr. Und das wurde er auch nicht, dennoch kam er als Vierter ins Ziel. Die Information am Verpflegungspunkt war falsch, am Abend zeigte er sich über den verpassten Podiumsplatz enttäuscht.

Hans-Jürgen Rohkämpers Suche nach Herausforderungen an der Grenze des Unmöglichen

Nach seinen 100 Kilometern bei der "Tortur de Ruhr" war Rohkämper völlig erschöpft, aber auch enttäuscht. Den Podiumsplatz verpasste er nur knapp. © Privat

Doch das ist alles längst vergessen. Mit einem speziellen Etappenlauf in Bhutan hat sich Rohkämper für 2020 bereits ein neues Ziel gesetzt, eines, das ihm nochmals höhere Grenzen aufzeigen soll.

Denn dann versucht sich der Extremläufer an einer 200-Kilometer-Strecke. Die 10.00-Höhenmeter werden für ihn eine völlig neue Grenzerfahrung sein. Doch so sind die Extremsportler: immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, die sie an die Grenze des Unmöglichen bringen.

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