Als der FC Rhade das Maß der Dinge war

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Vor genau 50 Jahren machte die A-Jugend des FC Rhade ein Kunststück perfekt, das nicht vielen gelingt: Je einen Kreispokalsieg in Borken und Recklinghausen. Zum Jubiläum erinnerten sie sich.

von Niklas Berkel

Rhade

, 22.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Lebhaft erinnern sie sich an das Endspiel. Elf ältere Männer, die Haare – wenn noch vorhanden – sind weiß, sitzen um einen ovalen, hölzernen Tisch. Erregt sprechen sie wie wild durcheinander. Ihre Wortmeldungen sind kaum zuzuordnen. „Wisst ihr noch?“, fragt einer in die Runde und nippt an seinem Glas mit Bier, „wir waren überwiegend Jungjahrgang.“ „Und nicht nur das“, schallt es vom anderen Ende des Tisches, „wir hatten sogar einen B-Jugendlichen dabei.“ „Der hatte nicht einmal ein einheitliches Trikot getragen“, sagt ein weiterer lachend. Die Erinnerung an die alten Zeiten zaubert neues Leben in die mittlerweils doch recht faltigen Gesichter.

Als der FC Rhade das Maß der Dinge war

Sie trafen sich zum Jubiläum (v.l.) Willi Loick, Theo Strotmann, Johannes Loick, Johannes Jackisch, Dieter Hense, Georg Lammers, Reinhardt Hilfert,Theo Niehüsener, Hugo Huxel, Alfons Windbrake und Alfons Schwering. © Leistner, Andreas

Vor genau 50 Jahre gewann die A-Jugend des FC Rhade den Kreispokal in Recklinghausen. Knapp, aber verdient setzten sich die damals jungen Erwachsenen mit 2:1 gegen Germania Datteln durch. Zu diesem und einen weiteren Anlass trafen sie sich in der Gaststätte Pierick in Rhade. Hannes Jackisch und der damalige Spielführer Theo Niehüsener haben zur Feier eingeladen. „Ich dachte mir“, sagt Jackisch, „solch einen Erfolg müssen wir würdigen.“

Zwei Pokalsiege binnen sechs Wochen

Die A-Jugend des FC Rhade war damals – Ende der 60er-Jahre – das Maß der Dinge in Recklinghausen. Denn nicht nur den Kreispokal in Recklinghausen gewann das Team, sondern auch den Kreispokal in Borken. Sechs Wochen nach dem ersten Endspiel stand das Team erneut im Finale, gegen den TuS Velen machten es die Rhader diesmal deutlicher: 6:0 zeigte die Anzeigetafel nach Abpfiff an.

„Für so ein kleines Dorf“, sagt Jackisch, „war das eine Sensation.“ Rhade hatte damals 2000, 3000 Einwohner, erinnern sich die ehemaligen Fußballer. „Letztens habe ich einen alten Bekannten vom TSV Marl-Hüls getroffen“, erzählt Jackisch. „Der sagte mir noch, dass wir damals in der Umgebung als die beste Jugendmannschaft galten.“ Insgesamt war der FC Rhade Ende der 60er-Jahre für seine starke Jugend bekannt. Im Jahr 1969 gewann nicht nur die A-Jugend zwei Kreispokale, auch die B-Jugend und D-Jugend waren im Kreis Borken nicht zu schlagen.

“Mit neun Mann im Ford“

„Wenn wir uns an die vielen Erfolge erinnern, die wir eingefahren haben“, sagt Theo Strotmann, ein Mann mit Bart, etwas längerenm, noch leicht bräunlichen Haaren und Brille, „dann müssen wir auch sehen, wie diese Erfolge entstanden sind.“ Strotmann nennt drei Personen: „Zum einen müssen wir Heinz Schwering gedenken.“ Schwering war lange Jahre Jugendleiter in Rhade. „Zu ihm konnten wir immer kommen“, sagt Jackisch, „er tat alles für uns.“ Die Männer um den Tisch erinnern sich an Autofahrten zu Auswärtsspielen. „Mit neun Mann saßen wir in seinem Ford, wisst ihr das noch?“, fragt Strotmann und lautes Gelächter erfüllt den Saal. „Heute wäre so etwas nicht mehr vorstellbar.“

Als zweite Person nennt Strotmann Alfons Windbrake. Windbrake war der Betreuer der Mannschaft. Und manchmal Schiedsrichter. Er sitzt mit am Tisch. „Du warst der einzige, der sogar seine eigenen Spieler vom Platz gestellt hat“, ruft einer in die Runde, die Augen hat er zusammengezogen. „Was kann ich denn dafür, wenn ihr solche Rüpel wart?“, fragt Windbrake mit ernster Tonlage zurück. Wenige Augenblicke schauen sie ernst in die Runde, dann ziehen die Mundwinkel nach oben, bis schließlich lautes Lachen den Saal wieder erfüllt.

Der Trainer war der Vater des Erfolgs

Die dritte Person ist wohl die wichtigste, der Vater der Erfolg. „Das alles“, sagt der Organisator des Treffens, Hannes Jackisch, „wäre ohne ihn nie möglich gewesen.“ Hans Gaebler, der Trainer der Jungs. „Er war ein super Trainer“, sagt Jackisch. „Er und unser Jugendleiter Schwering waren als Team unschlagbar.“ Plötzlich sprechen sie nicht mehr wie wild durcheinander. Die Erinnerung an Gaebler lässt nur noch einen sprechen: Jackisch. „Vom Typ her war Hans Gaebler klasse. Er war der schnellste Postbote in Dorsten. Und wenn er um 12 Uhr seine Post rausgebracht hatte, dachte er nur noch an seine Mannschaft“, erinnert sich Jackisch.

Der Organisator erzählt eine Anekdote, die ein Bild von einem Trainer zeichent, den wohl jeder gerne gehabt hätte. „Wir waren damals in der Schule, da fuhr er mit seinem Auto in der Pause vor. Der Kofferraum stand voller Fußballschuhe. Die waren damals ja ein Luxusgut. Meist haben wir in Straßenschuhe gespielt. Gaebler sagte: ‚Kommt ihr nachmittags zum Training nach Rhade, bekommt ihr ein paar Schuhe.‘ Und so stellte er sich seine Mannschaft zusammen.“

Stundenlang saß die ehemalige A-Jugend des FC Rhade bei Pierick noch zusammen. Um den hölzernen, ovalen Tisch mit einem Bier in der Hand. Und erinnerten sich an die alten Zeiten. An alte Autofahrten, erfolgreiche Spiele und vom Platz gestellte Spieler. Auch wenn es nur Erinnerungen waren, so kehrten sie für einige Stunden in die Gegenwart zurück.

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