Reinhold Spohn vom FLVW: „Ich habe kein Verständnis für das Vorgehen in Bayern“

dzFußball

Seit dem 9. Juni steht unumstößlich fest, dass in Westfalen die Fußball-Saison abgebrochen wird - und ohne Absteiger sowie mit mehr Aufsteigern als geplant gewertet wird. An der Lösung des Problems mit dem Saisonausgang wirkte der Herner Reinhold Spohn maßgeblich mit.

Castrop-Rauxel

, 11.06.2020, 05:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Mitglieder des Verbands-Fußball-Ausschusses (VFA) im Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen (FLVW) arbeiten zum Teil schon seit Jahren zusammen. Sie sind also ein eingespieltes Team, das keine Zeit mit Kennenlernen verbringen muss, sondern direkt mit der Arbeit starten kann. Das war jetzt wieder Gold wert. Denn der VFA legte mit seiner Handlungsempfehlung den Grundstein für den Abbruch sowie die Wertung der Saison 2019/20. Sportredakteur Jens Lukas sprach mit dem aus Herne stammenden Ausschuss-Vorsitzenden Reinhold Spohn über die vergangenen Wochen sowie die reguläre Arbeit seines Gremiums.

Hallo Herr Spohn, die vergangenen Wochen müssen recht intensiv gewesen sein. Wie oft treffen Sie sich normalerweise mit Ihrem Ausschuss?

In der Regel haben wir fünf oder sechs Sitzungen pro Jahr. Und weitere, wenn Bedarf besteht. Jetzt hatten wir jede Menge Videokonferenzen. Ich selbst war bei etwa 40 solcher Konferenzen dabei. Bis zu drei pro Tag. Darunter waren auch einige Treffen außerhalb unseres Gremiums. Wir haben ja auch Konferenzen mit Staffelleitern und Vereinsvertretern durchgeführt, um sie über den Stand zu informieren.

Videokonferenzen hatten wegen der Corona-Krise auch in anderen Bereichen Hochkonjunktur. Mussten Sie sich dafür mit neuer Computer-Technik ausstatten?

Nein. Das hat auch so funktioniert, da mein Laptop mit einer Webcam ausgestattet ist.

Vielen Fußballern ist nicht bekannt, was das Aufgabengebiet des Verbands-Fußball-Ausschusses ist. Wie würden Sie es ihnen erklären?

Unser Ausschuss ist die spielleitende Stelle für die überkreislichen Herren- und Frauen-Ligen. Wir teilen die überkreislichen Staffeln ein, legen die Auf- und Abstiegsregelungen und auch die Durchführungsbestimmungen fest. Wir erstellen auch die Rahmenterminkalender für jede Saison. Und nicht zu vergessen: Der VFA ist zugleich die spielleitende Stelle für die Westfalenpokal-Wettbewerbe der Herren und Frauen.

Mit welchen Neuerungen konnten Sie in der jüngeren Vergangenheit – vor der Corona-Krise – den Fußball in Westfalen verändern?

Eine der Änderungen betraf die Möglichkeit von vier Einwechslungen bei Pokalspielen. Auch haben wir die DFB-Regelungen mit einem Spiel Sperre nach der 5. Gelben Karte in unsere Durchführungsbestimmungen aufgenommen. Diese gab es bis zur Saison 2014/15 nur im Profibereich – bis zur Regionalliga.

Stichwort „5. Gelbe Karte“. Hier nutzen einige Kicker vor dem Totensonntag oder der Winterpause ein Schlupfloch. Sie holen sich bewusst die 5. Karte ab und sitzen die Sperre in der spielfreien Zeit ab. Sind also nicht wirklich bestraft. Wollen Sie dem künftig entgegenwirken?

Nein. Damit müssen wir leben – so wie es ist. Die Spieler sollten damit aber vorsichtig sein. Ich habe von einem Fall gehört, in dem der Schiedsrichter davon Wind bekommen hat und es zu einem Verfahren gegen einen Spieler gekommen ist, weil er eine Gelbe Karte provoziert hat.

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Aufgrund der Corona-Krise und der anfangs unsicheren Situation, ob die Saison weitergeht, waren einige Vereinsverantwortliche in Aufruhr. Haben sich dadurch viele Clubs an Sie gewandt und Ihnen zum Beispiel offene Briefe geschrieben?

In der Hinsicht ist nicht viel passiert. Es gab lediglich einen Verein, der nach Verbandsunterstützung gefragt hat. Diese Anfrage haben wir an das Präsidium des FLVW weitergeleitet. Dieses hat daraufhin die Verbandsabgaben für alle Clubs ausgesetzt und somit für eine Lösung gesorgt.

Letztlich hat aufgrund der Empfehlung Ihres Gremiums der Verbandstag den Abbruch der Saison ohne Absteiger und mit mehr Aufsteigern als vor der Saison geplant beschlossen. Wie ist in Ihrem Ausschuss das Modell dazu entstanden?

Vor unserer Empfehlung standen mehrere Möglichkeiten im Raum. Der Meister der Tabelle des Abbruchs könnte aufsteigen. Oder der Hinrunden-Meister, weil er ja gegen alle Mannschaften in seiner Liga einmal gespielt hat. Wir haben nach dem gerechtesten Modell gesucht und uns daher für die Kombination der Optionen entschieden. Ich persönlich empfinde es als die gerechteste Lösung. Härtefälle gibt es dennoch immer. Aber jetzt sind es so wenige wie möglich.

Reinhold Spohn aus Herne führt seit 2010 den Verbands-Fußball-Ausschuss an.

© FLVW

Viele Funktionen in Herne und im Fußballverband

  • Der heute 66-jährige Reinhold Spohn gehört seit dem Jahr 2004 dem Verbands-Fußball-Ausschuss (VFA) im Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen (FLVW) an und ist seit 2010 der Vorsitzende des Gremiums.
  • Der Rentner gehört BW Börnig an. Als aktiver Fußballer kickte er für den ESV Herne, den BV Herne-Süd und den SV Sodingen.
  • Als Funktionär bekleidet Reinhold Spohn das Amt des Vorsitzenden des Fußballkreises Herne/Castrop-Rauxel und ist hier auch Pokal-Spielleiter. Im Stadtsportbund Herne hat er den Posten des 2. Vorsitzenden inne und gehört dort dem Sportausschuss an.
  • In der höchsten westfälischen Spielklasse, der Oberliga, ist der Herner zudem der Staffelleiter.

Direkt nach dem Entscheid des außerordentlichen Verbandstages wurde bekannt, dass alle Landesliga-Zweiten zusätzlich aufsteigen. Wie kam es dazu?

Wir hatten zunächst 33 Mannschaften für die beiden Westfalenligen. Durch die Rückzüge des SV Spexard und des SC Roland Beckum in den vergangenen Tagen lagen wir mit 31 Teams allerdings unterhalb der Soll-Zahl von 32. Gemäß der Auf- und Abstiegsregelung spielen die Tabellenzweiten der vier Landesliga-Staffeln eine Relegation um freie Plätze in der Westfalenliga aus, falls die Sollstärke nicht erreicht wird. Durch Corona ist dieses aber nicht möglich. Daher haben wir beschlossen, dass alle Teams aufsteigen: also der SC Peckeloh, die Spvg Hagen 1911, der TuS Bövinghausen sowie SV RW Deuten aus dem Kreis Recklinghausen und der SV Mesum aus dem Münsterland aus der Staffel 4. Jetzt kommen wir auf 36 Mannschaften und starten mit zwei Westfalenliga-Staffeln zu je 18 Mannschaften..

Sie sprechen indirekt den Saisonstart an. Wann glauben Sie wird die Saison 2020/21 angepfiffen werden?

Warten Sie kurz. Ich schaue in meine Glaskugel. Scherz beiseite. Wir wären froh, wenn wir Mitte September beginnen könnten. Aber jemand, der sagt, dass das realistisch ist, handelt unseriös. Wir müssen einfach abwarten, wie die Politik in der Corona-Krise weiter vorgeht.

Haben Sie auf der Suche nach einer Lösung für Westfalen auch auf andere Fußballverbände geschaut. Wie etwa nach Bayern, wo die aktuelle Saison im Frühjahr 2021 weitergespielt werden soll?

Ehrlich gesagt habe ich kein Verständnis für das Vorgehen in Bayern. Ein Abbruch der Saison war zwingend erforderlich. Und mit Ausnahme von Bayern und Thüringen habe ich durchweg nur von Entscheidungen mit Abbruch gehört. Man muss doch an die Vereine denken. Und diese brauchen Planungssicherheit. Einige von ihnen haben doch Vertragsspieler, deren Verträge zum 30. Juni auslaufen und die danach bei einem anderen Club sein könnten. Diese Spieler stehen bei einer Saison-Fortsetzung nicht mehr zur Verfügung. Ich bin froh, dass sich auch die mit uns als Regionalverbände verbundenen Mittelrhein und Niederrhein für einen Saisonabbruch entschieden haben. Somit musste für uns im Westdeutschen Fußballverband nicht die Spielordnung geändert werden.

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