Jeder hat eine andere Motivation, alle dieselbe Sportart: Die Judofamilie Stachowiak

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Beim Judo wird man auf die Matte geworfen, man rangelt auf derselben und man lässt viel Schweiß: Nicht unbedingt das, worauf man mit über 40 Lust hat. Familie Stachowiak sieht das anders.

Castrop-Rauxel

, 16.03.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Simon hat den Anfang gemacht. Er ist den Weg gegangen, den viele Kinder gehen: Mit sechs Jahren hat er Gefallen am Judosport gefunden und ist fortan dabei geblieben. Mittlerweile ist er 15 und hilft beim Kindertraining aus: „Ich finde das gut, wenn ich mein Wissen weitergeben kann“. Wettkämpfe seien jedoch nicht sein Ding. Er bereitet sich aktuell lieber auf die Prüfung zum schwarzen Gürtel vor. Im Laufe der Jahre haben sich nicht nur seine jüngere Schwester, sondern auch Mama und Papa zu ihm auf die Matte gesellt.

„Der Verein hat ein Weihnachtstraining mit den Eltern angeboten“, erinnert sich Papa Heiko Stachowiak. Und damit hatten sie ihn. Aus der einmaligen Sache vor sieben Jahren wurden regelmäßige Trainingsbesuche an der Schillerstraße. „Ich habe bei dem Weihnachtstraining gemerkt, das meine Kondition nicht mehr gut ist, aber es hat Spaß gemacht und mich so motiviert, das ich dabei geblieben bin“, erinnert sich der 48-Jährige. Als Kind war er erfolgreicher Ringer, doch mit 18 stieg er ins Berufsleben ein, der Sport hatte das Nachsehen. Er gründete eine Familie und beschäftigte sich viel mit seinen Kindern. Zeit für Sport blieb kaum.

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Papa und Sohn fuhren also regelmäßig zum Training, da wollte die jüngere Schwester Sofia natürlich dabei sein. Mit sechs Jahres band sie ebenfalls den Judogürtel um und begann ihre Partner auf die Matte zu legen. Mittlerweile fährt sie zwei mal in der Woche nach Witten zum Leistungsstützpunkt. Mit ihren elf Jahren ist sie vor wenigen Wochen Bezirksmeisterin in der nächst höheren Altersstufe U15 geworden. Für die 36-Kilo-Kämpferin stehen die Wettkämpfe im Vordergrund. Darauf bereitet sie sich vor, darauf fiebert sie hin.

Und ihre Eltern unterstützen sie. Fahren regelmäßig die 20 Kilometer nach Witten und begleiten sie zu den Wettkämpfen. Heiko Stachowiak selbst juckt es auch schon ein bisschen in den Fingern. „Als Ringer habe ich viel Wettkampferfahrung gesammelt, aber jetzt will ich mich nicht verletzten“, erklärt er.

Ich bin konditionstechnisch besser geworden und fühle mich auch einfach besser.
Heiko Stachowiak

Der CTV hat eine Kampfgemeinschaft mit dem Judoclub Linden in der Bezirksliga. In der Gewichtsklasse bis 100 Kilo wäre Stachowiak dort sofort im Team. „Man hört von anderen, dass die sich überschätzt und dann doch verletzt haben, das will ich nicht“, so Heiko Stachowiak. Freitags nimmt er beim CTV am Zirkeltraining und mittwochs am Techniktraining teil. „Ich bin konditionstechnisch besser geworden und fühle mich auch einfach besser.“

Und so gesellte sich auch die letzte im Bunde dazu: Mama Kathrin. Vor drei Jahren fing sie mit dem Zirkeltraining an, kam so zum Judo und will jetzt ihre Prüfung zum gelb-weißen Gürtel ablegen. Dafür muss sie und auch ihr Mann Heiko, der dann seinen orange-grünen Gürtel machen will, neue Würfe und Haltegriffe lernen. Die Motivation von Kathrin Stachowiak regelmäßig zum CTV zu fahren liegt hauptsächlich darin, etwas mit ihrer Familie zu machen, mit den Kindern gemeinsam auf der Matte zu stehen.

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Johannes Karsch, Lehrbeauftragter für den Judosport an der Sporthochschule Köln weiß, dass Papa und Mama die Techniken viel langsamer lernen werden als ihre Kinder. Noch ist Heiko Stachowiak seinem Sohn überlegen, das liegt aber daran, dass er das Doppelte wiegt. „Wenn Simon noch kräftiger wird, hab ich keine Schnitte mehr, er ist technisch besser.“

Zwischen acht und zwölf im goldenen Lernalter

Johannes Karsch erklärt, dass Kinder zwischen acht und zwölf Jahren im goldenen Lernalter sind. Das Gehirn entwickelt sich, knüpft die ganze Zeit neue Verbindungen und kann somit das neu Erlernte schnell umsetzen. Timing und Feinmotorik seien für Ältere schwieriger zu lernen.

Da Heiko Stachowiak als Kind Ringer war, sind laut Karsch einige Verbindungen noch da und müssen nur wieder erweckt werden. „Die Sachen, die ähnlich sind, kann er wieder abrufen. Dinge, die er noch nie erlebt hat, wie die einzelnen Würfe, sind für ihn schwieriger zu lernen als für seine Kinder“, so Karsch.

Judo als gezieltes Ganzkörpertraining

Der Sportwissenschaftler würde auf keinen Fall davon abraten mit über 40 noch eine neue Sportart anzufangen. Viele denken vielleicht in dem Alter eher an Joggen, Schwimmen oder Yoga, aber Judo sei als gezieltes Ganzkörpertraining absolut empfehlenswert - wenn man ein paar Dinge beachtet:

  • Fallschule: Wie bei allen Judoka muss die Fallschule sitzen. „Das kann im Alter sehr relevant sein, da man eine besondere Verletzungsprophylaxe hat, wenn man die entsprechenden Reflexe abrufen kann“, erklärt Karsch.
  • Aufwärmen: Je älter der Sportler, desto wichtiger die Erwärmung. Karsch empfiehlt: „Langsam und intensiv, mindestens 45 Minuten.“ Der Bewegungsapparat sei nicht mehr so flexibel und elastisch wie bei Kindern und die Maximalkraft sei höher, somit auch das Verletzungsrisiko.
  • Wettkämpfe: Statt der klassischen Wettkämpfe, die es im Judosport auch in den höhren Altersklassen gestaffelt gibt - Ü40 beispielsweise - empfiehlt Karsch sich auf Gürtelprüfungen zu konzentrieren. Auch in dem Bereich gibt es Wettkämpfe, sogenannte Kata-Meisterschaften. Dabei kommt es nicht darauf an den anderen auf die Matte zu legen während der sich dagegen wehrt, sondern bestimmte Techniken besonders akurat auszuführen.
  • Medizinischer Check-Up: Man kann vor dem „Karriere-Start“ einmal zum Arzt gehen. Karsch: „Aber beim Techniktraining ist das Verletzungsrisiko nicht höher als in anderen Sportarten. Es kommt hauptsächlich auf den Trainer und die Ausrichtung des Trainings an.“ Schaden könne der medizinische Check-Up dennoch nicht.

CTV ist zum Heimatverein geworden

Für die Stachowiaks ist der Castroper TV zum Heimatverein geworden. „Der Zusammenhalt in der Truppe ist schön“, findet Heiko Stachowiak. Zu Hause hänge man schonmal im Judogriff, wenn man sein Kind einfach nur in den Arm nehmen will.

Seine Kinder fänden es auch nicht uncool, dass ihre Eltern mit auf der Matte stehen. „Ich trainiere einfach weiter“, erklärt Simon. In den Ferien geht das nicht, da ist kein Training und da hängt der Haussegen manchmal schief. Heiko Stachowiak: „In den Ferien wünschen wir uns das Judotraining herbei, damit die Kids ausgeglichener sind.“ Man merke, dass den Kindern dann etwas fehle. Stachowiak: „In den Ferien kompensieren wir mit anderen Unternehmungen die zusätzliche Zeit.“

Jeder hat eine andere Motivation, alle dieselbe Sportart: Die Judofamilie Stachowiak

Beim CTV sind viele Familien auf der Judomatte - die Kinder haben ihre Eltern animiert, oder aber die Eltern haben als Kind Judo gemacht, dann Elterzeit und später sind sie mit ihren Kindern wiedergekommen. Auf dem Foto von links: Familie Golata, Stachowiak, Stevens, Smolka, Hannemann, Nimz, Scheibel und Stiller. © Iris Müller

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