Fußballprofi erzählt: So ist das Leben in und außerhalb der Corona-Blase

dz2. Fußball-Bundesliga

Gökhan Gül ist Fußballprofi. Er kennt das Leben in der Corona-Blase. Aber er kennt auch das außerhalb: Zurzeit ist der Castrop-Rauxeler bei seinen Eltern. Er kuriert einen Bruch aus. Ein Interview.

Castrop-Rauxel

, 12.11.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für den 22-jährigen Habinghorster sollte es in diesem Sommer einen Neuanfang geben: Bei Fortuna Düsseldorf wollte Gökhan Gül endlich den Durchbruch in der 2. Liga schaffen. Doch dann das: Mittelfußbruch.

„Gökhan Gül hat sich im Training eine Fraktur im Mittelfuß zugezogen“, twitterte sein Verein aus der Landeshauptstadt am 24. September. Das hätten Untersuchungen von Mannschaftsarzt Dr. Ulf Blecker und der Radiologie-Praxis „Radios“ ergeben. „Gül wird bis auf Weiteres nicht am Mannschaftstraining teilnehmen können“, hieß es.

Das ist bis heute so. Der Innenverteidiger, der zuvor zwei Jahre zum SV Wehen-Wiesbaden ausgeliehen war, ist zu Hause bei seinen Eltern. Zu seiner Mannschaft darf er nicht: Die befindet sich in einer Corona-Blase, wird dauernd getestet und sollte sich ansonsten möglichst wenig mit anderen Leuten treffen. Gökhan Gül kennt dieses Leben, in der Blase und außerhalb, und hat eine klare Meinung zum Coronavirus-Theater in den vier Top-Ligen Deutschlands. Wir telefonierten am Mittwochvormittag (11.11.) mit ihm.

Woher kommt eigentlich Ihr Spitzname Pac-Man? So feierte der SV Wehen Wiesbaden nach der Verlängerung der Leihe im Sommer 2019 die neue Vereinbarung mit Ihnen auf Twitter…

Damals, in der Jugend, hat mich ein Jugendtrainer bei der U17 beim VfL Bochum so genannt. Christian Britscho war das. Er meinte, das passt, weil ich auf dem Platz alles wegfresse. Ich finde den Namen ganz nett und habe ihn dann auch weiter getragen. Nicht alle benutzen ihn immer, aber manchmal kommt das schon.

Was macht denn der Fuß? Sie leiden ja immer noch unter den Folgen des Mittelfußbruchs, den Sie sich im Training Ende September zugezogen haben…

Bis jetzt ist alles gut. Es ist noch nicht alles geheilt, aber ich bin auf einem guten Weg. In ein, zwei Monaten bin ich zurück auf dem Platz. Ich trage einen Entlastungsschuh und habe zweimal in der Woche Reha, mehr darf ich leider noch nicht machen. Das ist eher so etwas wie Massage und Mobilisierung, richtig laufen und belasten geht gerade noch nicht. Nur das, was dem Fuß nicht schadet.

Gökhan Gül im Trikot von Fortuna Düsseldorf im Januar 2018 bei einem Testspiel im Trainingslager in Marbella. Er hatte im September großes Pech: Er brach sich im Training den Fuß und ist seither raus aus der Profi-Blase.

Gökhan Gül im Trikot von Fortuna Düsseldorf im Januar 2018 bei einem Testspiel im Trainingslager in Marbella. Er hatte im September großes Pech: Er brach sich im Training den Fuß und ist seither raus aus der Profi-Blase. © picture alliance / Yorick Jansen

Das war ja nun die schlimmste Verletzung Ihrer Karriere. Wie empfinden Sie das?

Ja, das war schon das Schlimmste, aber es gibt Schlimmeres im Fußball. Was sich viel bewegt, geht eben auch mal kaputt.

Wie sieht denn ein Fußballer-Tag ohne Fußball aus?

Ich habe zurzeit viel Freizeit, kann diese Zeit mit der Familie aber auch genießen. In der Corona-Zeit sind viele Menschen zu Hause. Ich war ja viel weg von zu Hause in den vergangenen Jahren. Es ist aber auch schwer, jetzt so oft zu Hause zu sein. Ich muss hier auf die Ernährung achten, darf nicht alles essen, auf das ich Bock habe, damit ich nicht ein paar Kilo zunehme. Immerhin kann ich jetzt am Oberkörper schon wieder etwas in Sachen Training machen.

Schauen Sie viel Fußball im Fernsehen?

Klar. Ich gucke mir viel Fortuna an, schaue aber eigentlich alles in der 2. Liga. Aber auch Bundesliga, Champions League, Länderspiele – was auch immer gerade auf Sky und DAZN läuft.

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Viele Fans empfinden das große Fußballgeschäft gerade anders als früher: weniger emotional, so ohne die Fans. Sie auch?

Klar, ohne Fans im Stadion ist das auch nicht so meine Welt… Aber was will man machen? Das war für mich am Anfang echt schwer, das anzunehmen. Es war ein wenig schwieriger, sich da zu motivieren. Aber heute hat sich im Profigeschäft jeder daran gewöhnt. Es ist Normalität geworden, auch wenn das eigentlich niemand möchte. Wenn man dann die Bilder von früher mit den Fans sieht, das ist schon krass anders.

Wie ist es denn eigentlich, ohne Fans in den Stadien zu spielen? Was macht das mit einer Profimannschaft? Hat man die gleiche Motivation wie ohne?

Logisch, das peitscht einen schon noch mal mehr an, wenn man Fans im Hintergrund hat. Das ist schon etwas anderes. Aber im Team hat man sich wie gesagt daran gewöhnt. Man pusht sich nun einfach gegenseitig so, als wären die Fans dabei.

Gökhan Gül (2.v.r.) am Sportplatz beim Spiel SV Fortuna Herne II - Eintracht Ickern (hellblau/weiß): Er ist immer noch verbunden mit den Amateurkickern in seiner Heimatstadt.

Gökhan Gül (2.v.r.) am Sportplatz beim Spiel SV Fortuna Herne II - Eintracht Ickern (hellblau/weiß): Er ist immer noch verbunden mit den Amateurkickern in seiner Heimatstadt. © Marcel Witte

Corona ändert das Profi-Leben ja ohnehin kolossal, oder?

Ja. Ich darf zurzeit zum Beispiel gar nicht bei der Mannschaft sein, auch nicht bei Spielen. Das ist bei Langzeitverletzten so. Ich muss Abstand halten von den Leuten, weil ich immer zu Hause und in der Reha bin und damit andere Menschen treffe. Das ist schon schade.

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Klar, denn Sie sind ja auch neu bei Fortuna im Team…

Ich konnte die Vorbereitung voll mitmachen, hatte mich auch schon eingelebt. Der Abstand jetzt ist natürlich doof, aber ich mach mir da keinen Kopf, ich werde mich da schon schnell wieder ins Team integrieren.

Wie oft sind Sie denn schon auf Corona getestet worden? Wie ist da die tägliche Routine, wenn man dabei ist?

Zweimal die Woche gibt es einen Abstrich für die, die dabei sind. Das war in Wiesbaden so, das ist auch bei Fortuna so. Vormittags sind die Tests, nachmittags gibt es dann die Ergebnisse: Der Doc oder der Teammanager melden sich dann.

Zur Person

Das ist Gökhan Gül

  • Gökhan Gül wurde am 17.7.1998 geboren. Er begann mit dem Fußball bei den Minikickern von Arminia Ickern.
  • In der U8 wechselte der talentierte Sohn von Erkan Gül zum VfL Bochum. Als 15-Jähriger trainierte er dort erstmals im Profikader mit und spielte seit der U15 für diverse U-Nationalmannschaften des DFB.
  • Im November 2014 unterschrieb Gökhan Gül, damals 16 Jahre alt, seinen ersten Profivertrag.
  • Zweimal stieg er in den vergangenen Jahren auf: Mit dem SV Wehen Wiesbaden zuletzt im Mai 2019 von der 3. in die 2. Liga. Ein Jahr zuvor stieg er mit Fortuna von der 2. in die 1. Liga auf.

Waren Sie da jedes Mal aufgeregt vorher wegen des Ergebnisses?

Anfangs vielleicht, aber das war schnell Routine, man hat das schon fast vergessen.

Gibt der Verein Ihnen klare Anweisungen, was Sie zu Hause tun dürfen und was nicht?

Man kann nicht alles verbieten, aber der Verein sagt schon, dass wir uns an Regeln halten müssen. Nicht in Menschenmengen gehen zum Beispiel. Jeder trägt am Ende aber selbst die Verantwortung für sich. Jeder wirklich professionelle Fußballer wird sich an diese Maßnahmen aber halten.

Viele Profis anderer Klubs haben auf Gehalt verzichtet. Ist das bei Fortuna auch so? Finden Sie das in Ordnung?

Wir haben das bei Wehen Wiesbaden damals gemacht, ja. Bei Fortuna wurde das im Frühjahr auch gemacht, in dieser Saison wurde bislang noch nicht darüber gesprochen. Ich finde das auch in Ordnung, denn das Virus betrifft ja die ganze Gesellschaft, und eben auch den Profifußball.

Es gibt Kritik, dass der Profifußball so anders behandelt wird als die Amateure oder andere Veranstaltungen. Es scheint nur dort so zu sein, als wäre Corona kaum da. Was sagen Sie zu Kritikern?

Man wird viel getestet, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist eher gering. Wenn jemand positiv getestet worden ist, wird er direkt rausgenommen, ist sofort in Quarantäne. Die Mannschaft wird auch direkt noch mal getestet, der ganze Staff macht das Ganze auch mit.

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Aber dass so viel getestet wird, ärgert doch viele Menschen, die meinen, dass Test-Kapazitäten anderswo besser aufgehoben wären.

Das ist doch auch verständlich. Wir reden innerhalb der Mannschaft immer wieder über andere Berufssparten, zum Beispiel über die Gastronomie. Das ist schon bitter für die Unternehmer, die da schließen müssen. Deshalb muss man auch verstehen, dass wir glücklich darüber sind, unseren Beruf weiter ausüben zu dürfen.

Wie denken Sie über die Kollegen Amateure unterhalb der vier oberen Ligen?

Klar hab ich Kontakt zu den Jungs aus Castrop und kriege mit, wie schade die Situation für sie ist, mitten in der Saison, kein Training, alles dicht. Aber was soll man machen? Wollen wir hoffen, dass es für sie bald weiter gehen kann.

Von Wehen-Wiesbaden zur Fortuna: Was ist Ihr Ziel für dieses bisher doch etwas verkorkste Fußball-Jahr?

Ich sehe das eigentlich relativ positiv: Ich hatte mich in Düsseldorf echt gut eingelebt, habe mich wohlgefühlt und war topfit. Ich komme nach der Verletzung im Winter positiv zurück. Ich hoffe, dass ich im Frühjahr meine Chance bekomme. Wenn eine Tür sich schließt, öffnen sich anderswo mehrere neue – so ist das Fußball-Geschäft.

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