Fabian Herbers über Corona und US-Sport: „Schwieriger zu koordinieren“

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Der Westfale ist Profi in der Major League Soccer und kann seinen Sport derzeit nicht ausüben. Er berichtet, welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Liga und seinen Alltag hat.

13.05.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aus den westfälischen Amateurklassen hat Fabian Herbers seinen Weg bis in die Major League Soccer (MLS) gemacht. Als Fußballprofi lebt und arbeitet der 26-Jährige in Chicago in Illinois – einem der Bundesstaaten mit den meisten Covid-19-Fällen der USA. Wie es ihm in der Corona-Zeit ergangen ist, welche Auswirkungen die Pandemie auf sein Team Chicago Fire, den US-Fußball und seinen Alltag hat, erzählte er uns im Interview.

Die Bundesliga in Deutschland soll am kommenden Wochenende wieder starten. In der MLS soll es frühestens am 8. Juni weitergehen. Ist das aus Ihrer Sicht ein realistisches Startdatum?
Schwer zu sagen. Allgemein ist so eine Liga in den USA natürlich schon schwieriger zu koordinieren als in Deutschland. Vor allem deshalb, weil jeder Bundesstaat ganz unterschiedliche Regelungen im Umgang mit Beschränkungen und Lockerungen hat. Während bei uns in Illinois noch bis mindestens 31. Mai die „Stay-at-Home-Order“ gilt, herrscht zum Beispiel in Georgia fast schon wieder der gewohnte Alltag. Generell soll die MLS in drei Schritten wieder geöffnet werden. Der erste ist, dass seit vergangener Woche das individuelle Training auf dem Vereinsgelände wieder möglich ist – allerdings auf freiwilliger Basis. Viele unserer Konkurrenten haben damit auch schon begonnen, während wir noch auf die Genehmigung der lokalen Regierung warten müssen. Erst wenn alle Teams wieder trainieren und es keine weiteren Fälle unter den Spielern gibt, folgen die nächsten Schritte.

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In Deutschland war die Zustimmung für die politischen Entscheidungen, auch im Profisport, anfangs groß. Im Laufe der Zeit kam teils auch Ungeduld auf. Wie ist das in den sportverrückten USA?
Ich würde sagen, dass die Entwicklung hier ganz ähnlich ist. Am Anfang hatten alle große Angst. Hier in Chicago zum Beispiel herrschte wirklich eine apokalyptische Stimmung, die Straßen waren leer. Damals war es allerdings auch noch sehr kalt hier. Seit das Wetter wieder besser ist, sieht man auch mehr Leute auf den Straßen. Weiterhin herrscht hier aber Maskenpflicht und das Social Distancing ist wichtig. Ich glaube schon, dass die Leute bald gerne wieder Sport sehen würden. Ich persönlich würde jetzt auch lieber auf dem Fußballplatz stehen statt in meinem Appartement zu sitzen. Aber solange das Virus noch aktiv ist und Menschenleben gefährdet sind, ist es besser, wenn gewisse Bereiche noch geschlossen bleiben.

Wie bewerten die Amerikaner in Ihrem Umfeld eigentlich die Auftritte von Präsident Trump im Zusammenhang mit dem Virus?
Das kann ich nicht wirklich beantworten, weil ich ja seit einiger Zeit im Grunde keine Leute treffe. In den Gesprächen mit meinen Mitspielern geht es eigentlich nie um Politik. Ich persönlich schaue mir aber Trumps Presse-Briefings schon an. Es ist oft absoluter Irrsinn, was er da von sich gibt. Das ist wirklich schwer nachzuvollziehen. Ich halte mich da lieber an die Aussagen des Bürgermeisters von Chicago oder des Gouverneurs von Illinois, die mehr Ahnung von der Sache haben.

Sie haben es angesprochen: Sie verbringen viel Zeit in Ihrem Appartement. Wie können Sie sich in der Coronakrise für die Rückkehr auf den Fußballplatz fithalten?
Zum einen bin ich jeden Tag einmal draußen, um laufen zu gehen. Zum anderen versucht der Klub sehr viel, um uns Spielern den Alltag interessanter zu gestalten. Einmal pro Woche findet online eine Yoga-Einheit statt, außerdem gibt es Ernährungscoachings. Die Videoanalysen über unsere Gegner gibt es auch weiterhin. Ansonsten bleiben mir nur Workouts und, wie gesagt, Läufe. Denn den Ball kann man hier nicht einfach irgendwo mit hinnehmen und ein bisschen dribbeln. Das ist in Parks oder auf anderen öffentlichen Flächen verboten.

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Sie leben allein in Ihrer Wohnung. Fällt Ihnen da nicht die Decke auf den Kopf?
Naja, ich denke, langweilig wird in dieser Zeit jedem ab und zu. Aber in Zeiten des Internets kann man sich die Tage ganz gut vertreiben. Ich telefoniere eigentlich täglich per Facetime mit meinen Eltern und auch oft mit meinen Kollegen zu Hause in Deutschland. Dann gibt es ja noch Netflix, FIFA an der Konsole und außerdem mache ich gerade auch meinen Master in Angewandter Ökonomie. Das hält mich auch geistig fit. Wenn man sich die Tage gut strukturiert, kriegt man sie auch ganz gut rum.

In Deutschland haben sich viele Fußballer die Zeit zu Hause mit verschiedenen Challenges vertrieben. Zum Beispiel mit Klopapier. Gab es sowas in den USA auch?
Also die Klopapier-Challenge habe ich tatsächlich auch gemacht (lacht). Am Anfang war es wirklich extrem, weil man jeden zweiten Tag in irgendeinem sozialen Netzwerk zu irgendeiner neuen Challenge eingeladen wurde. Zuerst war das ja noch ganz amüsant, aber irgendwann reicht es auch.

Im ersten Saisonspiel trat der Deutsche mit seinem Team beim Meister, Seattle Sounders, und Danny Leyva an.

Im ersten Saisonspiel trat der Deutsche mit seinem Team beim Meister, Seattle Sounders, und Danny Leyva an. © Chicago Fire

Die Saison in der MLS ist erst Anfang März gestartet und musste nach nur zwei Spieltagen unterbrochen werden. Sie hatten in beiden Spielen in der Startelf gestanden. Eigentlich lief es ganz gut für Sie…
Unser Team hat sich ja zu dieser Saison stark verändert, das musste sich erst mal alles finden. Alle haben sich voll reingehängt, ich natürlich auch, und war dann froh, dass der Trainer mir das Vertrauen geschenkt hat. Als Mannschaft sind wir dann ganz gut reingekommen. Beim Meister Seattle haben zwar knapp 1:2 verloren, dann bei unserem Konkurrenten New England einen Punkt geholt. Ich hätte das Momentum, auch für mich persönlich, gerne mitgenommen.

Chicago Fire ist ja zu dieser Saison in ein neues Stadion gezogen…
Ja, wir spielen jetzt im Soldier Field, wo auch die Chicago Bears ihre Heimspiele im Football austragen. Alle haben sich schon auf das erste Heimspiel nach den beiden Auswärtsspielen gefreut. Für das Spiel wurde gefühlt fünf Monate lang Werbung gemacht in der Hoffnung, dass wir vor vollem Haus mit 70.000 Zuschauern spielen können. Dann kam die Saisonunterbrechung, was natürlich sehr bitter war.

Sie sagen, dass der neue Trainer Ihnen das Vertrauen geschenkt hat. Raphael Wicky hat ja in der Bundesliga in Bremen und Hamburg gespielt und spricht Deutsch. Ist das ein Vorteil für Sie?
Das glaube ich nicht. Es kommt immer darauf an, was man auf dem Platz zeigt. Wenn ich keinen Pass an den Mann bringe, kann ich noch so gut Deutsch sprechen, und werde trotzdem nicht aufgestellt. Natürlich ist es immer schön, jemanden zu haben, mit dem man sich in seiner Muttersprache unterhalten kann. Ich verstehe mich auch gut mit dem Coach, werde aber sicher nicht bevorzugt.

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War in den USA eigentlich der Gehaltsverzicht von Profis mal ein Thema, so wie in Deutschland?
Nein, aber das liegt wohl daran, dass hier die Voraussetzungen ganz andere sind. Hier hat kein Klub Existenzsorgen. Alle Klubs werden von relativ reichen Besitzern geführt. Klar verlieren die Besitzer und die Liga derzeit relativ viel Geld, weil die Einnahmen nicht da sind. Aber hier ist es so, dass ein Milliardär im schlimmsten Fall ein paar Millionen verliert. Dass der Verzicht in Deutschland thematisiert wird, kann ich da schon besser nachvollziehen, einfach weil die Vereine ganz anders strukturiert sind.

Angenommen, die Corona-Krise wäre plötzlich vorbei – was würden Sie als Erstes tun?
Auf jeden Fall zum Frisör gehen. Meine Haare sind viel zu lang geworden, das kann ich überhaupt nicht gut haben.

Zur Person: Fabian Herbers

  • 1993 in Ahaus geboren, spielte Fabian Herbers in der Jugend für seinen Heimatverein FC Ottenstein, den SuS Stadtlohn, Twente Enschede und Preußen Münster. Als Senior lief er in Deutschland für Niederrhein-Landesligist VfL Rhede und Westfalenligist SpVgg Vreden auf.
  • Über ein Stipendium kam Herbes in die USA zum College-Fußball. Seinen ersten Profivertrag erhielt er 2016 bei Philadelphia Union. Seit 2019 läuft der Offensivspieler für Chicago Fire auf, wo er vergangene Saison neben Bastian Schweinsteiger spielte und dessen Abschied vom Profifußball miterlebte.
  • Bekanntheit hat Herbers in Deutschland außerdem über den Podcast „Gemischtes Hack“ mit wöchentlich über 500.000 Hörern erlangt, in dem er regelmäßig erwähnt wird. Die Macher Tommi Schmitt und Felix Lobrecht tauften den Ahauser einst „Fabi Herbers, Fußballgott“.
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