Verwandtenbesuch im Legdener Seniorenheim mit strengen Regeln

dzAltenwohnhaus St. Josef

Das Altenwohnhaus St. Josef hat am Wochenende wieder Besucher zugelassen. Nach Wochen, in denen die Bewohner keine Gäste haben durften. Unsere Reporterin Anna-Lena Haget berichtet.

Legden

, 12.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Abstand halten!“ Diese eindringliche Warnung begegnet mir mehrmals auf dem Weg zum Eingang des Altenwohnhauses St. Josef in Legden. Es ist das Muttertagswochenende. Das erste Mal seit Wochen, dass das Seniorenheim sich behutsam wieder nach außen öffnet.

Ich bin mit Heimleiter Wilhelm Winter zum Interview verabredet. Dieser Pressetermin geht mir persönlich nahe, denn mein Vater ist hier untergebracht und wartet sehnlichst darauf, meine Mutter und mich wiederzusehen.

Reglementierte Besuche

Unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse unterhalten sich zwei Männer. Beide tragen Mundschutz und sitzen sich gegenüber, getrennt durch einen großen Tisch. Sie sind Vater und Sohn, wie ich später erfahre. Das Seniorenheim hat neun solcher Treffpunkte eingerichtet, wo die Bewohner bis zu zwei Gäste gleichzeitig pro Tag empfangen können.

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Mein Blick geht nach oben. Hinter einem der Fenster im oberen Stockwerk liegt mein Vater in seinem Pflegebett und schaut wahrscheinlich gerade nach draußen. Er kann nicht hinaus auf die Terrasse kommen, um uns beide zu treffen. Da auf dem Zimmer nur ein Besucher pro Tag erlaubt ist, lasse ich meiner Mutter den Vortritt.

Eintritt nur mit Schutzkleidung

Die stellvertretende Wohnbereichsleiterin Sarah Scheipers hilft ihr, die Schutzkleidung für den Besuch anzulegen. Vorher muss meine Mutter sich die Hände desinfizieren, trägt sich in eine Liste ein und muss Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten.

Heimleiter Wilhelm Winter hat uns entdeckt. Er kommt hinzu und erklärt ihr die Sicherheitsmaßnahmen. Die elektrischen Schiebetüren schließen sich. Ich muss draußen bleiben und sehe durch die Scheibe, wie meine 70-jährige Mutter in Begleitung der Pflegerin den Weg zu meinem Vater antritt. Ein merkwürdiges Gefühl, da ich in das Seniorenheim eigentlich als ein Haus der offenen Tür kennengelernt habe, das Besucher willkommen heißt.

„Es läuft gut“

Wilhelm Winter kommt nach draußen und wir setzen uns, ohne Begrüßungshandschlag, an einen Gartentisch. Er scheint gelöst und recht zufrieden nach dem organisatorischen Stress der vergangenen Tage. „Es läuft gut. Besser als erwartet. Die Angehörigen haben alle gut mitgemacht“, berichtet er. 60 bis 70 Gäste seien bereits dagewesen, auch wegen des Muttertags.

„Ich denke, das hat sich schon eingespielt. Es haben sich alle Besucher telefonisch angemeldet. Wenn wir das nicht gemacht hätten, hätten wir die sicher alle pünktlich um 14 Uhr hier stehen gehabt“, sagt Winter. Um die Situation zu entzerren, mussten einige Besuchstermine jedoch nach hinten verlegt werden.

An der Eingangstür des Altenwohnhauses St. Josef weisen Warnschilder auf die Gefahr hin.

An der Eingangstür des Altenwohnhauses St. Josef weisen Warnschilder auf die Gefahr hin. © Anna-Lena Haget

Dass das Heim mit der langsamen Öffnung ein Risiko eingeht, ist dem Heimleiter bewusst. „Wir versuchen, es so klein wie möglich zu halten, aber irgendwo geht man immer ein Risiko ein“, sagt er. Auch der Bewohnerbeirat habe kritisch nachgefragt, ob man damit dem Coronavirus nicht im wahrsten Sinne des Wortes Tür und Tor öffne.

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Winter nimmt diese berechtigte Skepsis ernst. Auch seine Mitarbeiter sind angehalten, die strengen Sicherheitsvorschriften zu befolgen. „Und sie müssen jeden Morgen zuhause in sich kehren, ob sie sich krank fühlen oder Kontakt zu Corona-Erkrankten hatten“, ergänzt der Heimleiter. Das gleiche gelte für Handwerker, die in der jetzigen Zeit ins Haus kommen.

Besuche wurden vermisst

Trotz allem freut er sich für die Bewohner, die endlich wieder ihre Angehörigen sehen können. „Ich finde es eigentlich ganz gut so. Die Bewohner hatten das auch vermisst, als sie keinen Besuch bekommen haben“, erklärt Wilhelm Winter.

Über mir klopft es ans Fenster. Da oben steht meine Mutter in ihrer Schutzausrüstung und winkt mir zu. Schneller als erwartet ist die Besuchszeit schließlich vorbei. Sarah Scheipers hat auf deren Einhaltung geachtet. Sie gibt meiner Mutter Bescheid und schickt sie wieder herunter, auch wenn mein Vater sich sicherlich gerne noch länger mit ihr unterhalten hätte.

Behutsame Öffnung vorbereitet

Die Pflegekraft und ihre Kollegen haben die behutsame Öffnung mit vorbereitet. „Wir hatten uns schon am Mittwoch zusammengesetzt und das geplant. Weil die Chefs am Wochenende auch vor Ort waren und sich gekümmert haben, hatten wir nicht mehr Arbeit“, sagt sie.

Die Bewohner hätten sich über den Besuch sehr gefreut, obwohl auch etwas Unsicherheit zu spüren gewesen sei. Eine Mitschuld dafür gibt sie der gegensätzlichen Berichterstattung der Medien. „Wir hatten auch Anrufer, die besorgt angefragt haben“, sagt die stellvertretende Wohnbereichsleiterin. Als sie erfahren hätten, dass sie die alten Menschen nach Wochen nicht einmal in den Arm nehmen dürfen, seien sie natürlich etwas enttäuscht gewesen.

Unsichtbarer Gegner

Auf dem Weg zurück nach Hause bleibt ein seltsames Gefühl zurück. Meine Gedanken sind bei meinem Vater und all den anderen Menschen, die im Altenwohnhaus St. Josef leben.

Dass sie große Angst vor dem Corona-Virus haben, kann ich verstehen. Aber ich bin nun auch sicher, dass die Pflegekräfte alles tun, was in ihrer Macht steht, um den unsichtbaren Gegner aus dem Seniorenheim heraus zu halten. Auch wenn das bedeutet, dass manches nicht mehr so laufen kann wie vorher.

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