Heinz Lorig bringt Jugendliche zum erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung

dzAusbildungsbegleitende Hilfen

Schwierigkeiten bei der Ausbildung, keine Lust auf Lernen, und Mathe ist auch zu schwer: Dann kann Heinz Lorig der Richtige sein, der den Jugendlichen hilft. Das Rentnerleben kann warten.

Legden

, 07.06.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nein, eigentlich soll niemand hinein in sein Büro. Aber das wäre wirklich zu schade. Überall verraten Fotografien, Objekte, Zeichnungen, wie vielseitig das Leben von Heinz Lorig ist. Die teuer gewandete Puppe verweist auf Japan, das Poster von Elvis Presley auf Memphis, beides Orte, die für Heinz Lorig früher beruflich wichtig waren. Und Fan des Sängers, so erzählt der ehemalige Gesellschafter und Geschäftsführer der Ahauser Firma Polywest, ist er auch.

Und dann sind da jede Menge Aktenordner. Sie stehen für die Gegenwart, für seinen „neuen“ Beruf. „Dozent“ steht auf der Visitenkarte des 72-jährigen Legdeners. Rentner, das Wort fehlt im Wortschatz von Heinz Lorig. Seit 2014 unterrichtet er als Honorarkraft für die Kreishandwerkerschaft Borken Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Ausbildung Probleme haben.

Schlechte Noten, zu lange „keinen Bock“ gehabt, bei Migranten Probleme mit der Sprache – es gibt viele Gründe, warum junge Menschen nicht klar kommen in der Ausbildung. Heinz Lorig kennt sie alle. Und manchmal, so erzählt er, liegen die Defizite ganz woanders, als es die erste Einschätzung in der Berufsschule ergeben hat.

„Sie müssen lernen zu lernen“

Da sitzen angehende Landschaftsgärtner, Bäcker oder Konstruktionsmechaniker vor ihm. „Sie haben alle ein Problem“, sagt Heinz Lorig, „sie müssen lernen zu lernen.“ Da ist der Legdener richtig. Er war 22 Jahre geschäftsführender Gesellschafter der Firma Polywest in Ahaus, die er mitbegründet hat, war 18 Jahre im Vorstand des Unternehmensverbands AIW. Ausbildung war für ihn immer Thema. Lorig: „Ich musste mein Leben lang Mitarbeiter motivieren.“

Viele der Jugendlichen, die zu ihm kommen, haben Schwächen in Mathematik. Manchmal aber hat das einen ganz anderen Grund: „Sie können die Aufgabe nicht lesen“, sagt Heinz Lorig und fragt sich, „wer hat da was nicht erledigt in der Bildung?“ Große Wissenslücken stellt er auch im Bereich Politik fest. Die Allgemeinbildung lässt bei vielen zu wünschen übrig. „Wofür muss ich das lernen?“, fragen sie ihn oft.

Das Handy bleibt aus

Ein Tag unterrichtet er in Borken, einen zweiten in Stadtlohn. Bis zu elf Leute kommen an einem Schultag zu ihm, zwischen 14 Uhr und nach 20 Uhr. Die Verfahrensmechaniker Heizung Klima sind oft im Ruhrgebiet unterwegs und kommen erst spät wieder zurück. Dann geht es für sie eben erst abends los. Egal wann, immer bekommen die Jugendlichen intensive Nachhilfe in den prüfungsrelevanten Berufsschulfächern, bereiten Klassenarbeiten vor oder machen einfach mit der Hilfe von Heinz Lorig ihre Hausaufgaben. Das Handy bleibt übrigens in dieser Zeit aus. „Das ist ganz schrecklich für sie“, sagt er lächelnd.

Heinz Lorig ist kein Einzelkämpfer. Insgesamt 50 Honorarkräfte werden kreisweit für die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) eingesetzt. „Sie kümmern sich um 800 junge Menschen“, informiert Gregor Hochrath, Geschäftsführer Berufsintegrationsförderung bei der Kreishandwerkerschaft Borken. Die Förderung hat über die Jahre stark zugenommen. „Die Nachwuchsqualifizierung brennt der Wirtschaft unter den Nägeln“, sagt Hochrath.

Förderung ist kostenlos

Für die Jugendlichen ist die Förderung kostenlos. Die Kosten trägt das Jobcenter im Kreis Borken. Und die sind gut eingesetzt. Fast alle Jugendlichen, so Gregor Hochrath, schaffen ihre Ausbildung, und wenn es im zweiten Anlauf ist.

„Sie müssen es selbst schaffen, ihre Aufgaben zu lösen.“
Heinz Lorig

Das gilt auch für die jungen Menschen, die Heinz Lorig betreut. Gregor Hochrath betont die „riesige Berufserfahrung, Fachwissen, Empathie“ des Legdeners. „Er ist sehr außergewöhnlich und ein großer Gewinn.“ Heinz Lorig, so spürt man im Gespräch, macht es einfach Spaß, mit den jungen Menschen zu arbeiten, herauszubekommen, wo gerade der Haken sitzt, wie man den Jugendlichen erreicht. „Sie müssen es selbst schaffen, ihre Aufgaben zu lösen“, nennt er eines seiner Prinzipien. Und ja, manchmal sei das ein harter Kampf. Wenn dann jemand seine Ausbildung schafft und in seinem Beruf Fuß fasst, ist das eine starke Motivation für den 72-Jährgen.

abH

  • In den ausbildungsbegleitenden Hilfen bekommen Jugendliche individuelle Förderung. Und das drei bis acht Unterrichtstunden in der Woche.
  • Dafür ist die Kreishandwerkerschaft Borken in Zusammenarbeit mit der Berufsbildungsstätte Westmünsterland (BBS) zuständig.
  • abH ist für die Teilnehmenden und Unternehmen kostenlos.
  • Informationen haben die Kreishandwerkerschaft oder das Jobcenter.

Kontakt beim Neujahrsempfang in Legden

Außerdem, so sagt er lächelnd, ist er auch überhaupt nicht der Typ, der plötzlich zuhause rumhängt. So traf es sich gut, dass er nur wenige Wochen, nachdem er endgültig aus „seiner“ Firma Polywest ausgestiegen war, beim Neujahrsempfang 2014 der Gemeinde Legden von einem Vertreter der Kreishandwerkerschaft angesprochen wurde, ob er sich nicht vorstellen könne, für die ausbildungsbegleitenden Hilfen aktiv zu werden.

„Muss ich mich denn bewerben, ich bin doch schon wer“, hat er damals gesagt, so erinnert er sich und lacht: „Aber natürlich musste ich mich bewerben.“

Seitdem büffelt er mit den jungen Menschen. Zuhause in seinem Büro bereitet er den Unterricht vor, da kommt noch manche Stunde zu den 19 Präsenzstunden dazu. Manchmal, das verrät die kleine Werkbank, dürfen auch einige der insgesamt neun Enkel dabei sein und spielen. Die Vorbereitung ist wichtig. Nicht nur, dass sich die Berufsbilder und Anforderungen im Laufe seines Berufslebens stark verändert haben. Irgendwann saß ein angehender Pferdewirt vor ihm in der Klasse. Und da musste Heinz Lorig auch selbst noch mal büffeln.

Zur Person

  • Heinz Lorigs Wurzeln sind in Weißenthurm am Rhein.
  • Er hat eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker und später Maschinenbau und Kunststofftechnik studiert.
  • 1980 kam er der Arbeit wegen nach Heek. Die Kunststoffindustrie begann damals erst, in der Region Fuß zu fassen. Auch entsprechende Ausbildung fehlte damals noch. Auch dafür hat sich Heinz Lorig eingesetzt.
  • Er selbst hat früh eine Ausbildungseignungsprüfung absolviert. In 30 Jahren hat Lorig mehr als 100 Menschen ausgebildet.
  • Mehr durch Zufall kam Heinz Lorig mit seiner Familie nach Legden. Sie waren eine der ersten, die im Egelborger Feld bauten.
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