Apotheker im Stress: Lieferengpässe, Run auf Desinfektionsmittel und viele Sorgen der Kunden

dzCoronavirus

Schlangen vor den Türen, besorgte Menschen, die ihre Medikamentenvorräte aufstocken wollen und viele Sorgen haben – die Apotheken der Region haben keine Stoßzeiten, sondern Stoßtage.

Legden, Heek

, 19.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Gibt es mein Medikament noch? Haben Sie Desinfektionsmittel? Was ist mit Ibuprofen? Und was ist mit dieser und jener Nachricht aus dem Internet? Mit solchen Fragen kommen die Menschen in die Apotheken in der Region. Wir haben nachgefragt bei Petra Hruby in der Hubertus-Apotheke in Legden und Marion Krächting in der Ludgeri-Apotheke in Heek. Sie haben Antworten.

Eigentlich hat Petra Hruby nicht viel Zeit für ein Gespräch. „Das Arbeitsaufkommen hat sich verdoppelt“, sagt die Apothekerin aus Legden, die auch Bezirksvorsitzende des Apothekerverbands ist. Zeitweise bilden sich Schlangen „quer über die Straße“, manchmal hat sie schon an der Haustür Medikamente herausgegeben. Denn in der Hubertus-Apotheke an der Hauptstraße sollen nicht so viele Kunden auf einmal sein.

Lieferengpässe gibt es bereits seit Monaten

Die Legdener Apothekerin erzählt: „Die Patienten kommen mit ihren Sorgen, Nöten und Fragen zunächst in die Apotheken vor Ort oder informieren sich bei uns telefonisch. Wir haben Hochbetrieb. Wir beruhigen, informieren, klären auf.“

„Wir beruhigen, informieren, klären auf.“
Apothekerin Petra Hruby

Sind also Lieferengpässe zu befürchten? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Denn Lieferengpässe, so Petra Hruby, bestehen bereits seit Monaten. „Aktuell gibt es laut Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte für etwa 300 Arzneimittel in Deutschland Lieferprobleme (ohne Impfstoffe).“ Ob sich da der Ausfuhrstopp aus Indien oder Produktionsausfälle in China bereits niedergeschlagen haben, sei schwierig zu sagen.

Der Apotheker-Verband Westfalen-Lippe schreibt dazu auf Anfrage: „Wegen der Lungenerkrankung Covid-19 hat Indien die Ausfuhr einer Reihe von Wirkstoffen sowie Zubereitungen daraus beschränkt, zum Beispiel für Paracetamol. Viele Wirkstoffe werden in China produziert, dort kommt es wegen der Corona-Epidemie derzeit allerdings zu Produktionsausfällen. Aufgrund des Kostendrucks im Gesundheitssystem gibt es weltweit nur noch wenige Hersteller für Wirkstoffe; die meisten Wirkstoffe werden in Asien, insbesondere in China produziert. Der Produktionsausfall in China kann also nicht ohne Weiteres aufgefangen werden. Indien hat nun zum Beispiel den Export von Paracetamol gestoppt.“

Vera Meyer Kollenberg hat viel zu tun in der Ludgeri-Apotheke in Heek.

Vera Meyer Kollenberg hat viel zu tun in der Ludgeri-Apotheke in Heek. © Markus Gehring

Petra Hruby befürchtet, dass sich die Situation in nächster Zeit verschärfen könnte. Bisher allerdings sind die Probleme gering, so ihre Heeker Kollegin Marion Krächting. „Zu einem sehr hohen Prozentsatz finden wir eine Lösung. Manchmal müssen wir beim Arzt nach einem Medikament aus der gleichen Wirkstoffgruppe nachfragen, das klappt dann gut.“

Hamsterkäufe sollten vermieden werden

Um Lieferengpässe nicht zu befeuern, so Petra Hruby, sollten Hamsterkäufe vermieden werden. Das versuchen allerdings einige Kunden, so Marion Krächting. „Viele kommen mit mehreren Rezepten“, erzählt sie, dass viele Heeker ihren Vorrat an Medikamenten für alle Lebenslagen komplettieren wollen. Auch hier klären sie und die Kollegen in den Apotheken der Region auf.

„Wir raten auch von Unnötigem ab, wie etwa Mundschutz-Masken“, sagt Petra Hruby. Und wenn es um Desinfektionsmittel geht, will sie eine faire, am Patientenbedarf orientierte Verteilung der knappen Desinfektionsmittel sicherstellen.

Die Hubertus-Apotheke in Legden.

Die Hubertus-Apotheke in Legden. © Markus Gehring

In der Hubertus-Apotheke werden, wenn denn die Grundstoffe vorrätig sind, Desinfektionsmittel selbst hergestellt. Als sich das in der vergangenen Woche rumgesprochen hatte, kamen sogar Kunden aus Stadtlohn und Ahaus nach Legden. Petra Hruby: „Auch das müssen wir den Patienten erklären und um ihr Verständnis werben, denn vorrangig sind nun mal: Ärzte, Kliniken, Pflegedienste und Patienten mit schweren Erkrankungen.“

Seit März dürfen Apotheker selbst Desinfektionsmittel herstellen

Seit Anfang März dürfen in den Apotheken Händedesinfektionsmittel hergestellt und in den Verkehr gebracht werden. Zuvor gab es rechtliche Hürden. „Allerdings hat es anfangs auch Engpässe bei den Grundstoffen gegeben. Wir haben zum Beispiel keine Flaschen bekommen, in die wir die Mittel abfüllen konnten“, so die Legdener Apothekerin. „Die meisten Apotheken arbeiten trotz der momentan sehr hohen Nachfrage nach Arzneimitteln und belastenden Arbeitssituation daran, ausreichend nach zu produzieren.“

In Heek wird die Ludgeri-Apotheke immer wieder mal mit Desinfektionsmitteln beliefert, die sie dann abfüllt. Auch hier bekommt sie nicht jeder. Pflegepatienten gehören dazu.

Für den Apotheker-Verband Westfalen-Lippe zeigt die aktuelle Situation einmal mehr, wie wichtig es ist, dass es ein solides Netz von Apotheken vor Ort gibt mit Laboren und qualifiziertem Personal.

„Im Internet wimmelt es von Fake-News“

Im Internet oder den sozialen Medien finden sich immer wieder Tipps, wie sich beispielsweise Desinfektionsmittel selbst herstellen lassen. Was sagt die Apothekerin dazu? Oft sind es Falschinformationen, so Petra Hruby. „Niemand sollte sich selbst zuhause ein Desinfektionsmittel aus frei verfügbaren Zutaten zusammenrühren, denn das kann gefährlich werden. Hochprozentiger Alkohol kann sich entzünden. In zu geringen Konzentrationen ist er nicht gegen Coronaviren wirksam. Die Anleitungen, die im Internet kursieren, sind ungeprüft. Ob sie gegen Viren wirken, ist ungewiss. Im Internet wimmelt es von „Fake News“.

Und sie ergänzt: „Gesunde brauchen auch eigentlich keine Desinfektionsmittel. Regelmäßiges Händewaschen ist nach wie vor das Mittel der Wahl. 20 bis 30 Sekunden lang. Hinterher gründlich abtrocknen.“

Und was ist jetzt mit Ibuprofen? Seit die WHO am Dienstag empfohlen hat, bei Corona-Erkrankungen eher Paracetamol als Ibuprofen einzusetzen, ist auch in Legden und Heek die Nachfrage nach Paracetamol groß. „Dabei gibt es keine wissenschaftlich belegte Studien“, sagt Marion Krächting. Patienten, die Ibuporofen wegen der entzündungshemmenden Wirkung vom Arzt verschrieben bekommen haben, sollten das auch weiter nehmen, sagt die Apothekerin. „Auch hier beruhigen wir die Patienten.“ Am Donnerstag kam dann die Meldung von der WHO, dass die Warnung zurückgenommen wurde.

Bereits vor der Tür der Ludgeri-Apotheke wird informiert.

Bereits vor der Tür der Ludgeri-Apotheke wird informiert. © Markus Gehring

Was wird vor Ort noch gemacht? In den Apotheken wird auch den richtigen Abstand geachtet. Auch in der Ludgeri-Apotheke soll demnächst eine Plexiglasscheibe eingesetzt werden. Die Heeker Apotheke hat außerdem den Fahrdienst verstärkt, damit Patienten möglichst nicht in die Apotheke kommen müssen. Sozialkontakte zu reduzieren - auch das ist eine Empfehlung der beiden Apothekerinnen.

Großer Kraftaufwand für Mitarbeiter in den Apotheken

Petra Hruby spricht als Vertreterin der Apotheken im Bezirk Borken auch über die Situation der Apotheker. „Das ist selbstverständlich, dass wir Apotheker in dieser Situation unserer Berufung folgen und helfen. Aber das ist auch für Inhaber, Leiter und die Mitarbeiter ein großer Kraftaufwand.“ Mit annähernd 90 Prozent sei der Frauenanteil in den Apotheken sehr hoch. Viele von ihnen hätten Kinder, die nun betreut werden müssen, weil Schulen und Kitas geschlossen sind.

Petra Hruby: „Zugleich arbeiten viele Teams aufgrund des enormen Fachkräftemangels und am Ende der Erkältungs- und Grippesaison ohnehin bereits am Limit.“ Denn ganz normale Erkältungen, Magen-Darm-Erkrankungen und die Grippe - die gibt es eben auch in dieser Zeit.

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