Erfolgloses Dating: Bin ich womöglich beziehungsunfähig?

"Bin ich beziehungsunfähig?" – diese Frage beschäftigt nicht nur viele Langzeitsingles, sondern auch Redakteur Christopher Filipecki. © Adobe Stock
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Viele von uns kennen den Gedanken: Warum sind so viele Menschen aus der Babyboom-Generation – also diejenigen, die nun Mitte 50 bis Mitte 60 sind – vergeben, aber nur so wenige, die gegenwärtig zwischen 20 und 40 Jahre alt sind?

Warum war es früher so einfach, einen passenden Partner oder eine passende Partnerin zu finden? Warum bin ich trotz unzähliger Versuche immer noch Single und allein?

Nicht verwechseln: Alleinsein und Einsamkeit

Grundsätzlich muss eine Sache vorweggenommen werden: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen dem Alleinsein und dem Verspüren von Einsamkeit. Allein zu sein ist zunächst wertneutral.

Viele Menschen genießen es sogar, nicht permanent Leute um sich herum zu haben. Sie fliegen gerne ohne Begleitung in den Urlaub, brauchen Abende nur für sich, um sich vom stressigen Berufsalltag zu erholen. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung zum Alleinsein.

Schwieriger wird es, wenn das Alleinsein durch Außeneinflüsse geschieht. Wenn die Familie weit weg wohnt, der Ehepartner verstirbt, eine Krankheit einen ans Bett fesselt, man aus beruflichen Gründen keine Freundschaften mehr pflegen kann. Sobald dann das Gefühl des Alleinseins eintrifft, ist es oft schwer auszuhalten.

Es ist eine Entscheidung, die man nicht selbst getroffen hat. Etwas, was man sich anders wünscht. Erst dann spricht man von Einsamkeit. Wenn einem die sozialen Kontakte und der Austausch fehlen.

Mit sich im Reinen – und doch ohne Beziehung

Auf die Problematik der Einsamkeit wollen wir nun nicht weiter eingehen, da sie in großem Maße oft psychologische Unterstützung benötigt. Stattdessen konzentrieren wir uns auf den Misserfolg des Datings.

Sie sind erfolgreich in Ihrem Job, haben einen intakten Freundeskreis, um den Sie sich gern und häufig bemühen? Sie haben eigene Interessen und sind eigentlich recht zufrieden mit sich selbst? Ein Beweis dafür, dass Sie mitten im Leben stehen und sich mit sich und Ihrer Umwelt auseinandersetzen.

Und trotzdem haben Sie keine Beziehung. Das sogar schon ziemlich lange. Die Gründe dafür können vielfältig sein und sind doch oft dieselben. Häufig wird von der “Generation Beziehungsunfähig“ gesprochen – aber stimmt das?

Sind wir alle mittlerweile beziehungsunfähig? Wir kümmern uns doch um den guten Kontakt zu Freunden und der Familie. Wir werden gemocht. Irgendwas müssen wir somit auch richtig machen, oder?

Erster Check: Was kann ich ändern?

Dass man nicht in einer festen Beziehung ist, obwohl man gerne eine hätte, liegt zum Großteil an einem selbst. Ganz wichtig: Zum Großteil. Nicht ausschließlich. Lassen Sie uns aber erst einmal darauf schauen, was wir selbst ändern können. Es kann helfen, sich selbst ein paar kritische Fragen zu stellen:

    • Wie pflegen Sie Kontakte zu Ihren Liebsten?
    • Sind Sie die Person, die sich nach dem Wohlbefinden der anderen umhört?
    • Oder warten Sie eher ab, bis man mit Ihnen in Kontakt tritt? Socialising, also das englische Fachwort fürs Kontaktepflegen und -knüpfen, ist eine Fähigkeit, die man sich aneignen muss.

Interesse zeigen; das Handy in die Hand nehmen; Leuten schreiben, von denen man länger nichts gehört hat, aber auch mit denen im regen Austausch zu bleiben, die man regelmäßig sieht.

Natürlich kann nicht jeder das gleichgroße Stück Kuchen abbekommen, aber achten Sie darauf, sich um alle Ihre Kontakte zu bemühen. Dazu zählt auch, rechtzeitig zu antworten. Viel mehr: Überhaupt zu antworten.

Eine absolute Selbstverständlichkeit für Beziehungen ist nämlich Zuverlässigkeit. Kann man sich auf Sie nicht verlassen, werden Sie auf Dauer verlassen. So einfach ist das.

Ihr äußeres Erscheinungsbild

Wenn Sie Freunde haben, die Sie schätzen und mit denen es schon lange gutgeht, ist die Grundvoraussetzung schon mal erfüllt. Schauen wir auf den nächsten Anteil: Ihre Optik. Das klingt unglaublich oberflächlich, aber leider macht das Äußere einiges aus, um die Aufmerksamkeit der potenziellen Partner zu ergattern.

Sie brauchen jetzt nicht anzufangen, sich komplett aufzubrezeln oder durchtrainiert zu sein. Dann wären Sie wahrscheinlich nicht mehr sie selbst. Wirken Sie einfach gepflegt und zeigen Sie sich so, dass Sie zumindest eine Minute darüber nachgedacht haben, was Sie anziehen.

Der Türöffner: Ein Lächeln. Wirken Sie freundlich? Gehen Sie mit guter Laune durch den Alltag? Damit ziehen Sie automatisch auch Gutes an. Wir sprachen schon mal in einer anderen Kolumne von einem positiven Mindset – sind Sie gut drauf, ist Ihr Gegenüber unterbewusst dazu manipuliert, mitzumachen. Einfach ausprobieren. Kostet doch nichts.

Hand aufs Herz: Wie viel investieren Sie?

Sie kümmern sich bereits um sich selbst und um andere, aber seien Sie mal ehrlich: Wie viel probieren Sie? Den Wunsch, dass plötzlich die Traumpartnerin oder der Traumpartner an der Tür klingelt, haben wir alle. Wenn wir uns aber alle nur wünschen, dass die anderen aktiv werden, wird es am Ende niemand. Werden Sie also selbst aktiv.

Nutzen Sie Dating-Apps, um flirten zu lernen. Gehen Sie mit einer guten Freundin oder einem guten Freund am Wochenende raus und versuchen Sie mit fremden Menschen zu plaudern. Es muss nicht immer die Person sein, für die Sie sich interessieren. Die Übung, generell mit Fremden zu sprechen, hilft ungemein.

Waren Sie schon einmal bei einem Speeddating? Auch eine witzige Idee, da der Rahmen so schon vorgegeben ist. Hier wollen nämlich alle dasselbe. Jeder möchte flirten, Sie funken mit allen Teilnehmern auf derselben Welle.

Der Endgegner: Ihr Selbstwertgefühl

Das größte Problem überhaupt ist oft aber, wie wir uns selbst sehen. Wir wissen, dass wir ein toller Freund für andere sind. Wir wissen, dass wir angenehm wirken, auf der Arbeit gut angesehen werden – aber am Ende sind wir eben allein. Und das frustriert. Sehr sogar. Warum zur Hölle will mich denn keiner? Bin ich so eine schlechte Partie?

Die Abwärtsspirale in eben solchen Gedankenkreisen kann dazu führen, dass sich Ihr Selbstbild permanent verschlechtert und Sie irgendwann stark an sich zweifeln.

Eine Kette von vielen Negativerfahrungen – der andere hat unerwartet den Kontakt eingestellt , Sie werden von Ihrem potenziellen Partner belogen und hintergangen, viele vorherige Beziehungen sind bereits gescheitert – und führt dazu, dass man den Glauben verliert und an sich selbst zweifelt.

Zweiter Check: Was kann ich nicht ändern?

…und hier gehen wir nun bei unserem kleinen „Beziehungsfähigkeitscheck“ auf die zweite Ebene: Bevor Sie anfangen, sich selbst herunterzumachen, trennen Sie eindeutig, woran Sie selbst etwas ändern können und woran nicht.

Sich über eine Dating-App kennenzulernen, gleicht einer Katalogbestellung. Man blättert über die „Kleidungsstücke“ hinweg, die einen so gar nicht interessieren, bleibt aber meistens an mehr als nur einem hängen. Deswegen bestellt man mehrere unterschiedliche, einige in zwei Größen, um zu schauen, welche besser sitzt.

Wenn Sie das Spiel mitspielen wollen, seien Sie sich stets bewusst, dass sie nicht die einzige Person sind, die zur Auswahl steht.

Die Angst vor Verbindlichkeit und Enttäuschung

Die große Auswahl an möglichen Partnern erleichtert die Suche nur vermeintlich. Ein Gegenentwurf zu der Generation unserer Eltern, die viel weniger Möglichkeiten beim Kennenlernen hatten – aber auch aus wirtschaftlichen Gründen viel mehr auf einen Partner angewiesen waren.

Mit Sicherheit schätzen Sie Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit, nicht wahr? Sie hinterfragen mehr, sind selbstbestimmter, reagieren auf Negativsignale und brauchen eine Beziehung nicht zwangsläufig. Das ist verdammt gut.

Dass man nur einen Klick vor dem größeren Hauptgewinn entfernt ist, bringt viele dazu, niemals zufrieden zu sein. Aber daran können Sie nichts ändern. Leider. Sie können sowieso nicht daran rütteln, wie sich das Gegenüber Zweisamkeit vorstellt.

Deswegen lohnt es sich, wenn Sie wirklich auf der Suche nach etwas Festem sind, genau solche Dinge möglichst schnell zu klären.

Suchen Sie beide etwas Festes? Wie stehen Sie zu Monogamie? Haben Sie beide dieselbe Einstellung zu Kindern und Heiraten? Haben Sie ähnliche Ziele und Werte im Leben? Sind Sie mit sich im Reinen?

Natürlich werden Sie damit einige abschrecken, aber die sind dann eh nicht der passende Gegenpol. Bevor etwas Emotionales entsteht, was aber rational überhaupt nicht zueinander passt, besser die Sache beenden.

Was Sie am Anfang nicht so schön finden, wird Sie in einem Jahr richtig nerven. Deswegen sollte sich die erste Zeit einfach gut anfühlen. Der Alltag und die damit einhergehenden Unstimmigkeiten kommen früh genug.

Behauptet das Gegenüber, es möchte gerade keine Beziehung oder sei angeblich beziehungsunfähig, steckt meist eine bittere Wahrheit dahinter: Diese Person möchte mit Ihnen keine Beziehung. Niemand lässt jemand anderen sausen, der eigentlich perfekt zu ihm passt. Sie sind dann in den Augen des anderen nicht die Person für eine gemeinsame Zukunft.

Sind wir denn nun beziehungsunfähig oder nicht?

Fazit: Nein, wir sind nicht beziehungsunfähig. Jeder regelmäßige Kontakt ist Beziehung. Wir führen sie somit alle permanent. Einige sind jedoch weniger bemüht als andere. Einigen ist eine Beziehung weniger wichtig als den anderen. Und wiederum andere können sich einfach noch nicht entscheiden, was sie wollen.

Schauen Sie, dass Sie und Ihre Auserwählte oder Ihr Auserwählter ähnlich ticken. Wenn Sie von sich behaupten können, dass Sie verlässlich sind und bereit sind etwas zu investieren, dann haben Sie exakt dasselbe auch zurückverdient.

Sie müssen Ihre Ansprüche nicht herunterfahren, nur weil viele Personen nicht zu Ihnen passen. Sie sollten stattdessen noch besser aussortieren, Rückschläge weniger persönlich nehmen und gezielter suchen. Ein Stück weit gehört auch immer etwas Glück dazu.

Zum Schluss noch ein Tipp an alle langfristig Vergebenen: Bitte zeigen Sie nicht permanent Ihr Mitleid für Ihre Singlefreunde. Wenn Ihre Singlefreunde Redebedarf haben, in Ordnung.

Aber gehen Sie nicht grundsätzlich davon aus, dass es den Singles im Umfeld schlechter geht. Einige haben diesen Lebensstil bewusst gewählt und genießen die Vorteile des Singledaseins. Die sind nämlich exakt genauso vorhanden wie die Nachteile. Eben so wie in einer festen Beziehung auch.