Bin ich Teil der LGBTQIA*-Community – und wie fühlt sich das an?

In seiner Kolumne erklärt Christopher Filipecki dieses Mal, wofür die Buchstaben LGBTQIA stehen – und warum das "Queer-sein" keine Frage einer Trendbewegung ist. © Adobe Stock/Filipecki
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Der Pride-Month ist vorbei, langsam verschwinden die Regenbogenfahnen von den Rathäusern und die Sneakers mit den bunten Farbstreifen aus der Internetwerbung. Dabei gilt exakt dasselbe wie für den Weltfrauentag: Dieselben Rechte für alle sollten 365 Tage im Jahr zählen und nicht nur an den Tagen, an denen der Fokus auf die jeweilige Thematik gelegt wird.

Aber wovon reden wir überhaupt beim Pride-Month? Warum liest man immer häufiger von den Buchstaben „LGBT“, besser noch „LGBTQIA*“, alternativ auch mit einem Plus geschrieben. Was oder wer verbirgt sich dahinter? Eine Minderheit oder gar die breite Masse?

Viel zu viele Buchstaben: LGBTQIA*

Das ist aus mehreren Gründen gar nicht so einfach zu beantworten. Deswegen sollten wir zunächst den Begriff klären. Die Buchstaben stehen für die englischsprachigen Begriffe „Lesbian“, „Gay“, „Bisexual“, „Transgender“, „Queer“, „Intersexual“ und „Asexual“. Manchmal wird in Deutschland statt dem G ein S verwendet, das dann für „Schwul“ steht. Diese Begriffe zeigen die gängigsten sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die von der Cis-Heteronorm abweichen.

Als „Cis“ bezeichnet man Menschen, bei denen das angeborene, biologische Geschlecht mit der Geschlechtsidentität, dem „Gender“ übereinstimmt. Das biologische Geschlecht wird bei der Geburt festgelegt. Bin ich dazu fähig, Spermien zu produzieren, gelte ich als männlich; produziere ich Eizellen, bin ich weiblich; produziere ich beides, bin ich hermaphrodit. Tendenziell entscheiden dann die Eltern, welches biologische Geschlecht dem Kind zugewiesen wird.

Sexuelle Präferenz ungleich Geschlechtsidentität

Klären wir im nächsten Schritt die oben schon genannten Hauptkategorien. Wir starten mit den Sexualitäten: Mit Begriffen wie lesbisch und schwul können die meisten Menschen vermutlich noch etwas anfangen. Doch es gibt noch viele weitere sexuelle und geschlechtliche Orientierungen.

Bisexuell sind diejenigen, für die sowohl männlich als auch weiblich gelesene Menschen infrage kommen oder für die generell einfach mehr als ein Geschlecht interessant ist. Als asexuell definieren sich diejenigen, die gar kein oder nur sehr wenig sexuelles Interesse an anderen Personen haben, was allerdings nicht bedeutet, dass sie sich nicht emotional zu anderen Menschen hingezogen fühlen können.

Intersexualität und Transgender sind eine andere Kategorie, da sie sich nicht mit der Sexualität, sondern mit dem Gender, also der Geschlechtsidentität befassen. Intersexuelle Menschen sind die, die oben bereits als hermaphrodit kategorisiert wurden. Nicht wenige bemerken in ihrem Leben, dass ihnen von ihren Eltern oder den Medizinern zwar ein Geschlecht zugeordnet wurde, sie sich aber nicht 100 Prozent damit wohlfühlen, eben weil sie auch Merkmale des anderen Geschlechts in sich tragen.

Als Transgender bezeichnet man diejenigen, bei denen das biologische Geschlecht und das Gender nicht übereinstimmen. Sie entscheiden sich häufig im Laufe ihres Lebens dazu, das Gender nach außen zu tragen und womöglich ihr biologisches Geschlecht anzupassen.

Man schätzt, dass circa ein Prozent der Menschen in Deutschland nicht cis sind. Wie schon gesagt, hat dies nichts mit der Sexualität zu tun. Ich kann also ein heterosexueller Transmann sein. Bedeutet: Ich war biologisch weiblich, mein Gender ist männlich, womöglich bin ich nun auch zum Mann umoperiert worden und stehe als Mann auf Frauen.

Schwierigkeiten bei der Statistik

„Man schätzt“ ist übrigens eine sehr wichtige Formulierung. Natürlich kann die Statistik nur Personen berücksichtigen, die sich offiziell zu ihrer Sexualität und ihrer Geschlechtsidentität bekehrt haben, Neudeutsch „geoutet“ haben.

Insgesamt zur LGBTQIA*-Community zählen sich rund 10 Prozent der Deutschen, Tendenz steigend. Warum diese Gruppe an Menschen immer größer wird, liegt nicht daran, dass es gerade „in“ ist, sondern weil sich immer mehr Menschen trauen, ihre Zugehörigkeit offenzulegen.

Seitdem Lebensformen außerhalb der Cis-Heteronorm besser akzeptiert werden – zum Beispiel durch die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, die Kostenübernahme der Krankenkasse bei Geschlechtsanpassungen und so weiter – fällt es vielen zunehmend leichter, sich zu outen.

Trotzdem ist die Dunkelziffer selbstverständlich entschieden höher, da es immer noch genug Diskriminierung gibt. Es fehlt sehr vielen weiterhin an Mut, zu zeigen, wer sie sind oder sein möchten. Eine schöne Entwicklung: Unter Menschen, die jünger als 30 Jahre alt sind, liegt der Anteil laut aktuellen Schätzungen bei 20 Prozent – einfach, weil sie in einer Zeit und in einem Umfeld aufwachsen, in denen der Umgang damit lockerer ist.

„Queer“ & mehr

Fehlt noch die Erklärung zum Begriff „Queer“. Der wird heutzutage gern als Sammelbegriff für alle Kategorien abseits der Cis-Heteronorm verwendet. Wer sich nicht eindeutig definieren mag oder sich noch unsicher ist, kann von sich selbst sagen, dass er oder sie „queer“ ist.

Das Sternchen oder das Pluszeichen hinter „LGBTQIA“ soll verdeutlichen, dass es neben den aufgezählten noch viele weitere Sexualitäten oder Geschlechtsidentitäten gibt. Besonders bekannt sind hier die „Non-Binäre-Geschlechtsidentität“, die zeigt, dass sich eine Person weder als eindeutig weiblich noch als männlich sieht oder das binäre System – also das Denken in zwei Geschlechtern – komplett für sich ablehnt.

Außerdem erwähnenswert ist die Pansexualität, welche in eine ähnliche Richtung geht: Pansexuelle Menschen teilen ihre Sexualpartner und -partnerinnen nicht in männlich oder weiblich ein. Für sie ist das Geschlecht egal, sodass sie auch Transgender, Intersexuelle und Non-Binäre nicht ausschließen und auch nicht getrennt voneinander betrachten.

Wie gehe ich mit Menschen der Community um?

Ein ganzer Batzen Theorie. Sie finden sich nicht wirklich zurecht in dem Wirrwarr von Möglichkeiten? Man kann es Ihnen nicht verübeln. Was man Ihnen allerdings verübeln kann, ist, wenn Sie nicht offen sind für die Entscheidung Ihres Gegenübers und diese nicht respektieren.

Ihr Gesprächspartner definiert sich als Frau, obwohl Sie ihn als Mann erkennen? Damit wären wir bei dem sehr modernen Attribut „gelesen“. Für Sie ist die Person eindeutig männlich. Vielleicht hat diese Person aber für sich herausgefunden, dass sie trans oder non-binär ist, aber sich noch nicht allen Leuten gegenüber geoutet?

Sprechen Sie hingegen von einer „männlich gelesenen Person“, ist damit gemeint, dass Sie die Person als männlich wahrgenommen haben, beziehungsweise sie viele oberflächlich männliche Merkmale mit sich bringt. Durch die Formulierung zeigen Sie aber Feingefühl und Toleranz.

Welche Sexualität oder welche Geschlechtsidentität der Mensch, den Sie gerade neu kennenlernen hat, geht Sie zunächst nichts an – es sei denn, Sie haben ein Date. Dann betrifft es Sie persönlich.

Alles ganz individuell

Menschen, die heterosexuell oder cis sind, müssen sich nie outen oder erklären. Geben Sie also Ihrem Gegenüber den Raum, darüber zu sprechen, wann er oder sie es möchte. Wirkt die Definition auf Sie befremdlich, ist das Ihre Baustelle – nur weil Sie es nicht nachvollziehen können, wie Ihr Gegenüber sich definiert, heißt das noch lange nicht, dass es Blödsinn ist. Seien Sie einfach offen, fragen Sie nach und freuen Sie sich darüber, wie viel Vertrauen Ihr Gegenüber Ihnen schenkt.

Ist die LGBTQIA*-Bewegung einfach nur ein Trend?

LGBTQIA* zu sein ist kein Trend. Trends kommen und gehen. Es gab allerdings schon immer Menschen, die sich gerne optisch anders präsentiert haben als ihre gleichgeschlechtlichen Kollegen und Kolleginnen oder die mit Menschen ihres eigenen Geschlechts ihr Bett teilen wollten. Das zeigt die Geschichte.

Da mindestens 10 Prozent der Menschen also zur LGBTQIA*-Community gehören, beweist, dass es sich so gar nicht um eine Minderheit handelt. Mindestens jeder zehnte im Raum gehört dazu.

Sie eventuell auch? Wussten Sie, dass Sexualität ein Spektrum ist? Auf einer Skala von 0 bis 10, bei der 0 für „Ich interessiere mich ausschließlich für Menschen meines Geschlechts“ und 10 für „Ich interessiere mich ausschließlich für das andere Geschlecht“ steht, sind nur die allerwenigsten Personen ihr Leben lang eine 0 oder eine 10. Sexualität verändert sich mehrfach. Vielleicht können Sie das auch bei sich beobachten?

Ein mutiger Schritt: das Outing

Womöglich haben Sie durch das präsente Thema und die Aufklärung hinter dem Pride-Month für sich herausgefunden, dass Sie auch keine 0 oder 10 sind und etwas ausprobieren wollen. Man spricht dabei von einem inneren und einem äußeren Outing.

Das innere Outing ist die Akzeptanz, sich selbst gegenüber, nicht hetero oder cis zu sein – das äußere Outing ist das Mitteilen dieser Erkenntnis gegenüber dem Umfeld. Blöd: In der heutigen Gesellschaft müssen Sie sich fast täglich irgendwie outen. Menschen gehen erstmal davon aus, dass Sie heterosexuell und cis sind, einfach, weil es die Norm ist.

Wann Ihr äußeres Outing passiert, bleibt Ihnen überlassen. Wichtig ist, dass es passiert. Ob es ganz laut und aktionistisch geschieht oder nur ganz leise bei denjenigen, die es auch betrifft, bleibt Ihnen überlassen.

Bedenken Sie aber, dass Sie mit ihrem äußeren Outing andere, die sich bisher nicht trauen, bestärken können. Je mehr Menschen ihre Zugehörigkeit zur LGBTQIA*-Community offenlegen, desto größer wird sie, desto häufiger werden intolerante Ansichten infrage gestellt, desto geringer wird der Anteil derjenigen, die LGBTQIA*-Personen ablehnen.

Sie haben keine Lust darauf, einer klar abgesteckten Kategorie anzugehören? Dann seien Sie eben „queer“ oder eine weitere Facette des Sternchens. Die vorher erklärten Kategorien sind ebenso nur ungefähre Vorgaben und stets ein wenig individuell zu betrachten.

Gemeinsam stark

Mit Sicherheit werden Sie nicht mehr den Moment miterleben, in dem Diskriminierung ausstirbt, aber Sie können Ihren Teil dazu beitragen, dass das Aussterben womöglich irgendwann mal geschieht. Auch als heterosexuelle Cis-Person können Sie helfen.

Der Großteil der LGBTQIA*-Community hat eine lange Zeit des Leidens durch und kann oft von Mobbingerfahrungen berichten. Das Suizidrisiko unter Personen der Gemeinschaft ist ums Dreifache höher als bei heterosexuellen Cis-Menschen, bei Transpersonen schätzt man, dass fast die Hälfte bereits Selbstmordgedanken hatte. Eine erschreckende Zahl.

Treten Sie also auch für LGBTQIA*-Rechte ein! Dann sind Sie nämlich ein oder eine „Straight Ally“, auf Deutsch ein „hetereosexuell Verbündeter“ beziehungsweise eine „Verbündete“. Damit liegen Sie übrigens auch im Trend, und das sogar ganz zeitlos.