So können Verlierer auch aussehen, nämlich lässig wie Rockstars, die für ein Albumcover posieren: Christiane (Jane McKinnon, 3.v.l.) steht selbstbewusst inmitten ihrer Freunde. Stella ist dabei (Lena Urzendowsky, l.), Babsi (Lea Drinda, 2.v.r.), dazu Alex, Benno, Michi (v.l.). © Amazon Prime Video
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Neu bei Amazon: Krampfig cooler Heroin-Chic in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

1981 zog Uli Edels „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Millionen Zuschauer an. Bei Amazon läuft nun eine modernisierte Serie gleichen Namens, die mit Buch und Vorgängerfilm nicht viel gemein hat.

Klar ist „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ eine Marke, obwohl sich eher die Alten an Bestseller und Film erinnern. Auf diese Bekanntheit könnte man draufsatteln, haben wohl Annette Hess (Chefautorin), Philipp Kadelbach (Regie) und Oliver Berben (Produzent) gedacht, als sie den Stoff zur Serie umfrisierten, die nun bei Amazon Prime Video läuft.

Es ist eine Drogenballade in acht Folgen. Der Erzählstoff wurde kräftig gestreckt, manches verwässert, anderes dazu erfunden. Und alles in eine nicht näher definierte Moderne gehievt – in eine Zeit nach der Wende und vor dem Handy: 90er- oder frühe Nuller-Jahre dem Soundtrack nach. Musik ist wichtig, wenn man ein junges Publikum ins Visier nimmt, was die Serie tut.

Lässige Checker, die rauchen und in die Disko gehen

Aber der Reihe nach. Die erste Folge heißt „Welpen“, was sich auf die Hundezucht von Christianes Vater bezieht und auf die Kinder, die später zu einer Clique fröhlicher Drogenknaller heranwachsen. Christiane (Jane McKinnon, Jahrgang 1999) geht zur Schule und möchte gern zu den lässigen Checkern gehören. Zu denen, die rauchen und in die Disko pilgern.

Bald ist sie Teil der Clique um Stella (Lena Urzendowsky), Benno (Michelangelo Fortuzzi), Axel (Jeremias Meyer), Michi (Bruno Alexander), die auch Babsi (Lea Drinda) adoptiert. Erste Liebe, erste Drogen. Die Clique wird Ersatzfamilie, die Disko ein Wohnzimmer, das Leben zum Rausch. Wobei die ausgestellte Heroinsucht ein Anachronismus ist. Party People, die zu House und Clubsounds tanzen, nehmen andere Muntermacher.

Babystrich: Hauptsache, die Kohle stimmt

Weil die echte Christiane an der Nadel hing, müssen die Jungspunde der Serie ihr nacheifern, egal wie wahrscheinlich das ist. Die Fixerei sorgt für emblematische Suchtbilder, ihre Rausch-Metaphern hat die Regie bei „Trainspotting“ abgekupfert. Die Figuren sind auf dem absteigenden Ast, noch behaupten Bilder von ihnen einen krampfig coolen Heroin-Chic à la Kate Moss und einen Rest von Stolz.

Der schwindet, als Jungs und Mädels sich prostituieren. Obwohl noch eine Szene folgt, wo das Mädchen-Trio viel Spaß hat auf dem „Babystrich“. Alles easy, Hauptsache, die Kohle stimmt. Das wirkt verlogen, trotz der späteren Elendsmomente.

Uli Edels Film war ein Melodram, die Serie ist ein „Coming Of Age“-Bilderbogen, der nicht wirklich unter die Haut geht. Ja, es wird gekotzt und gestorben, Freier werden befriedigt. Doch als balsamischer Kokon legt sich immer wieder Musik (melancholischer Dream Pop) penetrant über das Geschehen und puffert die meisten Härten ab.

Ins Klischee verrutscht

Es dominieren Optik und Oberfläche, während die Charakterporträts ins Klischee verrutschen. Babsi ist ein armes „rich kid“, Christianes Papa ein Taugenichts, der viel zu viel Raum bekommt. Mit dem Buch hat das wenig zu tun.

Weil die Macher aber an „Bahnhof Zoo“ festhielten, blamieren sie sich auch noch beim Versuch, David Bowie in die Story zu integrieren. Alexander Scheer gibt einen Bowie, der mit einem Plakat der „Diamond Dogs“-Phase (1974) in den 90ern auf Tour geht: Unstimmig – wie vieles andere auch.

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