Eine technische Herausforderung: Auch die Inszenierung „Reich des Todes“ mit Burghart Klaußner (4.v.l.) ist nach Mülheim eingeladen. Regisseurin Karin Beier hat im Hamburger Schauspielhaus die Riesen-Bühne komplett genutzt. Die Mülheimer Bühnen haben deutlich bescheidener Ausmaße. © Declair/Schauspielhaus Hamburg
„Stücke“

Mülheimer Theatertage sollen stattfinden – notfalls mit Schnelltests

Die Mülheimer „Stücke“ würde es in diesem Jahr zum 46. Mal geben, wenn es sie denn geben darf. Der Kulturdezernent der Stadt bringt einen ungewöhnlichen Vorschlag ins Spiel.

Traditionell teilen die Macher des Theaterfestivals „Stücke“ bei einer Pressekonferenz ihr Programm vor Ort in Mülheim mit. Am Freitag (5.2.) war alles anders. Die Sprecher der Jurys erläuterten ihre Auswahl für die 46. Mülheimer Theatertage in einer Online-Konferenz.

Dabei war die größte Überraschung das Grußwort des Mülheimer Kulturdezernenten Peter Vermeulen. „Es gibt Anzeichen, dass es gelingen könnte“, sagte er über das Festival. Man könne eventuell mit Corona-Schnelltests den Besuch ermöglichen.

„Dann stellen wir uns eben an die Tür und machen einen Schnelltest“

Der Hintergrund ist seinen Angaben nach, dass Theater und Medien neuerdings zur „kritischen Infrastruktur“ gehören. Sven Ricklefs als Moderator der Online-Pressekonferenz reagierte spontan: „Dann stellen wir uns eben an die Tür und machen einen Schnelltest.“

Die Stücke, der traditionsreiche Wettbewerb um den besten deutschsprachige Theatertext des vergangenen Jahres, sollen diesmal vom 8. bis 29. Mai über die Bühne gehen. Doch ganz sicher kann niemand sein, ob die sieben ausgewählten Inszenierungen für Erwachsene (plus fünf Kinderstücke) wirklich im Theater an der Ruhr oder in der Stadthalle Mülheim zu sehen sein werden.

7 Stücke kämpfen um 15.000 Euro

Stephanie Steinberg als Festivalleiterin nannte „absagen, umplanen oder digitalisieren“ als letzte Möglichkeiten. Deshalb wird das Team mit der Veröffentlichung der Termine und mit dem Verkauf der Karten so spät wie möglich starten.

Ein Scheitern wäre schade. Denn die Auswahl der Jury um die bekannte Kritikerin Eva Behrendt ist beeindruckend. Diese sieben Theater-Gastspiele kämpfen um den Mülheimer Dramatikerpreis, der mit 15.000 Euro dotiert ist:

1) Ewelina Benbeneks „Tragödienbastard“ erzählt von drei Frauengenerationen einer Familie: Die Oma lebt in Polen, die Eltern schufte im deutschen Niedriglohnsektor, die Tochter studiert. Aber ist sie darum freier als die anderen? Inszeniert von Florian Fischer am Schauspielhaus Wien.

2) Mülheim-Stammgast Sybille Berg porträtiert mit „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ eine Bombenattentäterin, die sterbend im Krankenhaus liegt. Harter und sarkastischer Stoff, inszeniert von Regie-Star Sebastian Nübling am Gorki-Theater Berlin.

3)Stummes Land“ von Thomas Freyer lässt vier ehemalige Schulfreundinnen um die 40 über Flüchtlinge sprechen – und das geht bis zum Rassismus. Von Tilman Köhler für das Staatsschauspiel Dresden inszeniert.

4) Der dreimalige Mülheim-Gewinner Rainald Goetz steigt mit „Reich des Todes“ hinab in die US-Demokratie nach den 11. September.

5) Eine moderne Aschenputtel-Variation hat Rebekka Kricheldorf mit „Der goldene Schwanz“ geschrieben. Komplex, lustig und inszeniert von Schirin Khodadadian am Staatstheater Kassel.

6) Der Autor Boris Nikitin hat sein Stück „Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder“ selbst fürs Staatstheater Nürnberg inszeniert. Die Gespräche stammen aus „Big Brother“, das er als „Fundament populistischer Querdenkerei“ (Eva Behrendt) sieht.

7) Auch Christine Umpfenbach hat ihr Stück „9/26 – Das Oktoberfestattentat“ selbst in den Münchener Kammerspielen auf die Bühne gebracht. Sie rekonstruiert die Tat aus der Perspektive der Opfer.

Insgesamt 89 Stücke plus 20 Kinderstücke hatten die beiden Jurys gesichtet – wegen der Corona-Pandemie teils auf Videos oder in Geisterpremieren.

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Kultur-Redaktion
Kultur ist eine Reise ins Abenteuer, und ich verstehe mich als Ihr Reiseführer. Welche Ausstellung in der Region ist super? Vor welchem Theaterstück muss ich warnen? Da nützt ein Magisterabschluss in Germanistik und Kunstgeschichte von der Ruhr-Uni Bochum nur bedingt. Mir hilft mehr, dass ich seit 1990 Journalistin und ein 1963 in Essen geborener Ruhrgebiets-Fan bin. Mein Ziel: Dass Sie mit unseren Tipps ihre Freizeit gut gestalten.
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