Diese Schleudersitze haben Regen- statt der üblichen Fallschirme. Peter Gorschlüter gefällt´s, denn das Ganze fährt sogar auf Schienen im Kreis. Das Spiegelei als Tisch in der Mitte weist daraufhin, dass Martin Kippenberger das Ei in der Kunst unterrepräsentiert fand. © Bettina Jäger
Auf 1300 Quadratmetern

Essen ehrt berühmten Dortmunder Künstler mit sensationeller Ausstellung

Eine bemerkenswerte Kippenberger-Schau wäre am Wochenende im Essener Folkwang-Museum eröffnet worden. Wir haben die Riesen-Installation im Wartestand schon gesehen.

Unglaublich, gigantisch, spektakulär! Die Ausstellung der riesigen Kunst-Installation „The Happy End of Franz Kafka´s ‚America‘“ (das glückliche Ende von Franz Kafkas „Amerika“) von Martin Kippenberger im Essener Folkwang-Museum ist das alles und noch viel mehr. Denn jedes Möbelstück, jeder Zierrat hat hier Witz und Bedeutung.

Doch erst einmal ist der Besucher überrascht vom bunten Durcheinander, sorgsam platziert auf einem 20 mal 23 Meter großen Sportplatz. 50 Kombinationen, meistens aus einem Tisch und zwei Stühlen, stehen in der auf 1300 Quadratmeter verkleinerten, stützenlosen Halle. Während die Besucher die Fläche nicht werden betreten dürfen, lässt sich die Ausstellung von zwei Tribünen aus erforschen – in Ruhe und mit Übersicht.

Balinesische Wasserträger

„Aus der Vogelperspektive sieht es aus wie ein dreidimensionales Bild“, sagt Museumsdirektor Peter Gorschlüter, der auch noch die abenteuerlichsten Kleinigkeiten perfekt erläutern kann. Die beiden Skulpturen, die sich gegenüber sitzen? „Das sind balinesische Wasserträger.“ Der prächtige umgestürzte Tisch? „Stammt aus der Villa Hügel. Die Installation bietet Möglichkeiten zur Ergänzung.“

INFOS

  • Die beiden Ausstellungen „2 x Kippenberger“ eröffnen erst, wenn es die Pandemie-Bestimmungen erlauben.
  • „The Happy End of Franz Kafka´s ‚America‘“ ist dann bis 2. Mai im Essener Folkwang-Museum zu sehen. Dieses Datum gilt auch für die zweite Kippenberger-Schau, nämlich „Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel“.

Eine Art Schreibtisch hat Kippenberger aus Spanplatten gebaut, die im Köln-Müngersdorfer Stadion auf dem Boden lagen, als Johannes Paul II. dort 1987 Edith Stein heiligsprach. „Kippenberger hat immer gesagt, das sind vom Papst geweihte Platten.“ Ein rot gepolsterter Stuhl von Designer Aldo Rossi hat seltsame Löcher. „Die symbolisieren Knieschuss, Kopfschuss und Streifschuss.“

Mit schrägem Humor

Also: Der Humor des Bildhauers und Aktionskünstlers Kippenberger war ganz schön schräg. Außerdem stecken in der Installation Arbeiten anderer Künstler, etwa von Reinhard Mucha und Donald Judd.

Vier Wochen dauert der Aufbau der Installation. Als Material für die Fläche wählte das Museum einen grünen Tanzboden.
Vier Wochen dauert der Aufbau der Installation. Als Material für die Fläche wählte das Museum einen grünen Tanzboden. © Bettina Jäger © Bettina Jäger

Aber was ist, wenn der Museumsdirektor das nicht vor Ort erklärt? „Wir werden ständig Cicerones in der Ausstellung haben, also Mitarbeiter, die alle Details kennen“, betont Gorschlüter. Auch ein informatives Faltblatt mit dem Grundriss der Installation wird es geben.

Katalog erscheint im April

Im April erscheint dann ein Katalog mit Fotos der Essener Raumsituation. Denn das Besondere dieser Installation ist, dass sie zum ersten Mal wieder im Originalmaß präsentiert werden kann, so wie bei der Premiere 1994 in Rotterdam. Heute gehört das Ganze einem internationalen Sammler, der sie in mehreren Containern geschickt hatte.

Vier Wochen hatte der Aufbau mit Hilfe von Kippenbergers ehemaligem Assistenten Ulrich Strothjohann und von Galeristin Gisela Capitain, die den Nachlass des Künstler betreut, gedauert.

Fotostrecke

Ausstellung von Martin Kippenberger in Essen

Doch was will uns die Installation eigentlich sagen? Das Romanfragment „Amerika“ von Franz Kafka (1883-1924) erzählt vom Einwanderer Karl Roßmann, der sich in den USA beim „Naturtheater von Oklahoma“ bewirbt. Die Installation scheint das Machtgefüge solcher Einstellungsgespräche zu symbolisieren – so steht zum Beispiel ein hoher Lehnstuhl einer Holzpuppe auf einem mickrigen Stühlchen gegenüber.

In Dortmund stiefmütterlich behandelt

Aber es geht nicht nur um Entlassungen und Demütigungen wie im Roman, die Situationen sind auf viele Bereiche übertragbar. Auch eine Designgeschichte lässt sich hier und dort ablesen, etwa an den Holzsesselchen der Firma Thonet.

Martin Kippenberger wurde 1953 in Dortmund geboren und ist in Essen aufgewachsen, 1997 starb er in Wien an Lebenkrebs. Dortmund hat den heute weltweit berühmten Künstler stiefmütterlich behandelt, einen „Kippenbergerweg“ gab es erst nach Diskussionen.

Eine Überblicksausstellung fand nicht im Dortmunder Museum Ostwall, sondern 2019/20 in Bonn statt. Wann wird wohl die Stadt Dortmund ihren berühmten Bürger vernünftig ehren?

Zusätzliche Schau

  • Martin Kippenberger liebte Plakate und seine selbst entworfenen Bücher. Sie bilden mit Titeln wie „Der Eiermann und seine Ausleger“ in der Essener Villa Hügel eine höchst amüsante zusätzliche Ausstellung.
  • Schon den Titel der Ausstellung „Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel“ haben die Kuratoren Tobias Burg und René Grohnert einem der Bücher entlehnt.
  • Insgesamt sind 120 Bände zu sehen, die zur vornehmen Bibliothek der Familie Krupp einen frechen Kontrast ergeben.
  • Die Bände enthalten Kalauer, Reiseberichte, tiefe Einsichten in zwei Zeilen und Kommentare zur Kunstwelt.
  • Im Obergeschoss hängen 100 unkonventionelle, oft provokante oder absurde Plakate aus der bemerkenswerten Sammlung des Museums Folkwang.
Über die Autorin
Kultur-Redaktion
Kultur ist eine Reise ins Abenteuer, und ich verstehe mich als Ihr Reiseführer. Welche Ausstellung in der Region ist super? Vor welchem Theaterstück muss ich warnen? Da nützt ein Magisterabschluss in Germanistik und Kunstgeschichte von der Ruhr-Uni Bochum nur bedingt. Mir hilft mehr, dass ich seit 1990 Journalistin und ein 1963 in Essen geborener Ruhrgebiets-Fan bin. Mein Ziel: Dass Sie mit unseren Tipps ihre Freizeit gut gestalten.
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