Nach Flutkatastrophe: Retter fühlen sich als Bittsteller

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Intensiver Austausch zwischen Politik und Katastrophenschützern des DRK. Moderator Dr. Sascha Rolf Lüder, Leiter des Verbindungsbüros des Deutschen Roten Kreuzes bei Landtag und Landesregierung von NRW, moderierte die Diskussionsrunde mit Daniel Wilms, Vorstand DRK-Kreisverband Lünen, Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, MdL Hartmut Ganzke, Innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Christine Scholl, Kreisgeschäftsführerin DRK-Kreisverband Unna, und Michael Makiolla, Vorstandsvorsitzender DRK-Kreisverband Unna. © Julia Schmidt, DRK
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Geht es um die Hochwasserkatastrophe vom Juli, dann zieht Heimat-Ministerin Ina Scharrenbach Parallelen zu den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001: „Auch damals gab es einen Paradigmenwechsel in der Politik, genau wie jetzt beim Katastrophenschutz“, erklärte sie bei einer Podiumsdiskussion, zu der der DRK-Kreisverband Unna in Kooperation mit dem DRK-Kreisverband Lünen eingeladen hatte.

„Pandemie, Hochwasser, Stromausfall – Wie ist die künftige Rolle des Katastrophenschutzes im Kreis Unna?“ lautete das Thema des Diskussionsabends – und alle Anwesenden in der Stadthalle Unna und an den Bildschirmen der digital übertragenen Veranstaltung stimmten wohl darin überein, dass er eine große Rolle spielen wird.

Podiumsdiskussion unter Pandemie-Bedingungen: In der Stadthalle Unna waren nur wenige Teilnehmer persönlich anwesend, doch durch das Hybrid-Format schauten etliche interessierte Ehrenamtliche vom heimischen Bildschirm aus zu. © Julia Schmidt, DRK

Die Katastrophenschützer selbst erhoffen sich vor allem dieses: eine Entlastung von der Bürokratie, die Anerkennung der Leistungsbereitschaft der Ehrenamtler und finanzielle Unterstützung in dem Sinne, dass sie an die Realität angepasst werde. „Haben Sie schonmal versucht, mit aktuell 3,81 Euro pro Quadratmeter Räumlichkeiten zur Unterbringung von Katastrophenschutzfahrzeugen zu mieten?“, fragte Kreisrotkreuzleiter Robert Wettklo rhetorisch.

Ehrenamtler aktuell in der Rolle der Bittsteller

Als Ehrenamtler in die Rolle des Bittstellers gedrängt zu werden, demotiviere die Einsatzkräfte, erklärte der Vorstandsvorsitzende des DRK-Landesverbandes, Dr. Hasan Sürgit, und kritisierte, dass man finanziell sogar bestraft werde, wenn einzelne Kräfte in Einsatzeinheiten fehlten, anstatt die auch so funktionierenden Teileinheiten einzusetzen. „Wir brauchen mehr Flexilibität in der Einsatzstärke. Und das ist nicht der Wunsch für die Zukunft, wir haben damit aktuell große Probleme“, betonte er.

Je höher die gestellten Anforderungen an Ehrenamtler wären, desto weniger Menschen wären bereit, sich für das Ehrenamt zu melden. „Und wir haben schon jetzt Personalmangel“, machte Sürgit deutlich.

Schadenslagen zeigten, was notwendig ist

Worte, die nicht nur Ministerin Ina Scharrenbach vernahm, sondern auch der heimische Landtagsabgeordnete Hartmut Ganzke, Innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. „Wir haben viele Dinge aufgenommen und werden sie gut auf den Weg bringen“, versprach er unter der nickend geäußerten Zustimmung Scharrenbachs.

Hoher technischer Aufwand und diverse Kameraeinstellungen: Sowohl Ministerin Ina Scharrenbach als auch MdL Hartmut Ganzke waren während ihrer Redebeiräge im Bild zu sehen. © Julia Schmidt, DRK

Der Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW sei aber „für die Zukunft nicht bange, denn die Schadensereignisse haben aufgezeigt, was nötig ist. “ So lobte Scharrenbach unter anderem, dass unlängst auch der Kreistag mit breitem politischem Konsens entschieden hat, einen Katastrophenschutzplan auf Kreisebene zu erarbeiten.

Schulungen für Führungsbeamte

Genau wie nach dem 11. September, so Scharrenbach, hätte man im Sommer nämlich festgestellt, dass Pläne nicht in die Schublade gehören. Scharrenbach erinnerte daran, dass zum 1. Januar 2016 das Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz (BHKG) sowie das Rettungsdienstgesetz in Kraft getreten wären. Doch viele dort festgeschriebene Inhalte seien nicht umgesetzt worden – oder Notwendiges nicht darin festgezurrt worden, sparte sie auch nicht mit Spitzen gegen den politischen Gegner, für den Vieles damals „nicht verhandelbar“ gewesen sei.

Doch die Katastrophe im Sommer habe gezeigt, worauf es ankomme – und darauf müsse man sich nun konzentrieren. Zudem forderte sie spezielle Schulungen für leitende Beamte in den Verwaltungen. „Jeder kann in ein politisches Amt gewählt werden“, erklärte sie, aber nicht jeder kenne und könne auch die Arbeit in den Stäben für außergewöhnliche Ereignisse (SAE). „Viele Bürgermeister ordneten sich im Sommer der Einsatzleitung der Feuerwehren unter, aber Führungsbeamte müssen SAE-Lagen beherrschen können. Sie sind diejenigen, die am Ende Verantwortung tragen“, so Scharrenbach.