Vielen Kirchhellener Kaufleuten ist ein Teil des Weihnachtsgeschäftes durch den erneuten Lockdown Mitte Dezember verloren gegangen. © Manuela Hollstegge
Einzelhandel

Zwischen Hilflosigkeit und Kreativität – Einzelhändler im Lockdown

Sehr unterschiedlich geht es den Kirchhellener Kaufleuten im aktuellen Lockdown. Manche fühlen sich hilflos und können nichts tun, andere versuchen, neue Wege zu gehen.

Erst vor knapp anderthalb Jahren – im Juli 2019 – hat sich Jessica Praß selbstständig gemacht, das Friseurgeschäft „Haarock“ an der Kirchhellener Hauptstraße 9 übernommen und das Projekt „Die Haarwerker“ gestartet. Nach wenigen Monaten machte Corona alle bisherigen Pläne obsolet.

„Ich hatte kaum mehr als ein halbes Jahr, um in die Sache reinzuwachsen – dann kam Corona. So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt“, erzählt die 32-Jährige. Zwar sei die erste Soforthilfe schnell bei ihr angekommen, ihr sei aber von vornherein klar gewesen, dass sie diese würde zurückzahlen müssen. Die laufenden Kosten seien nicht so hoch gewesen, dass das gepasst hätte. Also nahm sie das Geld, um die aktuelle Schließung finanziell zu überbrücken.

Zum Verhängnis sei ihr auch geworden, dass sie und ihr Team nach dem ersten Lockdown extrem viel gearbeitet und somit auch relativ hohe Einnahmen gehabt hätten. „Wir haben teilweise bis zu 60 Stunden in der Woche gearbeitet, damit wir unsere Kunden alle möglichst schnell bedienen konnten“, erzählt Praß.

Kirchhellener Friseurin fühlt sich hilflos

Mitte Dezember musste sie dann erneut ihren Laden schließen. „Wir waren da schon alle sehr traurig. Wir wollen arbeiten. Man fühlt sich so hilflos, wenn man nichts tun kann. Wir Friseure sind außerdem ja recht kommunikativ und wir brauchen Menschen um uns herum“, erzählt die 32-Jährige. Ihr fehlten die Kunden und die zahlreichen Gespräche. Ein großer Teil des Weihnachtsgeschäft sei zudem durch den Lockdown verloren gegangen. Für die Kunden gekaufte Weihnachtsgeschenke habe man nicht überreichen können.

Jessica Praß (unten Mitte) und ihr Team vom Kirchhellener Friseursalon „Die Haarwerker“ vermissen ihre Arbeit. © privat © privat

Ganz untätig seien sie und ihr Team zwar nicht – so besuchten sie Online-Weiterbildungsseminare für Friseure – „aber das ist doch nicht dasselbe wie die Arbeit und der Kontakt zu Kollegen und Kunden“. Praß glaubt, dass es für ihre Branche schwer wird, sich von der Krise zu erholen. Vor allem was die Ausbildungssituation angeht, sieht die Selbstständige schwarz: „Viele können es sich aktuell nicht leisten auszubilden.“

Privatbesuche kommen für Friseurin nicht in Frage

Manche Kunden wird Praß wahrscheinlich auch für immer verlieren. Denn für sie und ihr Team kommt es nicht in Frage, während des Lockdowns zu den Kunden nach Hause zu fahren, um dort die Haare zu schneiden. „Wir bekommen schon viele solcher Anfragen und ich kann das ja auch verstehen. Mir sind aber einerseits meine Freizeit und mein Handwerk zu schade, um beides unter Wert zu verkaufen. Andererseits haben wir auch alle Familien und wollen uns und sie gesundheitlich schützen“, sagt sie. Einige Kunden hätten dafür kein Verständnis, aber das sei ihr egal. „Solche Kunden brauchen wir dann später auch nicht mehr im Laden.“

Werbegemeinschaft Kirchhellen
Steffen Dietz (2.v.l.) ist 2. Vorsitzender der Kirchhellener Werbegemeinschaft und bittet die Kirchhellener, weiterhin vor Ort einzukaufen. Stephan Kückelmann (r.) ist 1. Vorsitzender und hofft, bald wieder für den Einzelhandel die Werbetrommel rühren zu können. © Julian Schäpertöns (A) © Julian Schäpertöns (A)

Im Gegensatz zu Jessica Praß ist Steffen Dietz von der Kirchhellener Goldschmiede Dietz nicht dazu verdammt, die Hände in den Schoß zu legen. „Wir sind per Mail, WhatsApp und telefonisch erreichbar und Ware kann bei uns vor Ort abgeholt werden“, sagt er. Kundenwünsche für ein spezielles Schmuckstück könnten so aufgenommen und Entwürfe zugesandt werden.

Kirchhellener müssen sich noch an neue Wege gewöhnen

Seine Schaufensterware hat Dietz nummeriert. So können Kunden die Ware angeben, die sie haben wollen und dann am Geschäft abholen. Einige Kunden würden davon schon Gebrauch machen, viele – besonders die älteren – müssten sich jedoch erst noch daran gewöhnen. An die Kirchhellener richtet er einen dringenden Appell: „Es gibt Wege, lokal hier bei uns in Kirchhellen einzukaufen. Man muss sich nur ein bisschen bemühen. Bestellt nicht in Online-Shops, bestellt bei uns!“

Darum bittet auch Stephan Kückelmann, Vorsitzender der Kirchhellener Werbegemeinschaft. Die Stimmung unter den Kaufleuten im Dorf sei sehr unterschiedlich gerade. „Manche dürfen öffnen und profitieren vielleicht sogar vom Lockdown, andere können gerade gar nichts machen. Mancher will keinen Online-Shop einrichten, ein anderer war darin vielleicht vorher schon fit und nutzt Corona jetzt dafür, das noch stärker auszubauen“, erklärt er.

Werbegemeinschaft sind die Hände gebunden

Die letzte Aktion der Kirchhellener Werbegemeinschaft – der virtuelle Adventskalender mit Aktionen der Gewerbetreibenden – sei ganz gut angekommen. „Jetzt sind uns aber die Hände gebunden. Aktionismus bringt uns gerade nicht weiter. Sobald Lockerungen in Aussicht sind, rühren wir wieder für uns die Werbetrommel, vorher nicht“, so Kückelmann.

Auch er selbst als Eventmanager plant gerade nichts. „Ich könnte jetzt Bottroper Stadtfeste planen oder das Kirchhellener Dorffest. Aber im Zweifelsfall plane ich für die Tonne und die Zeit bezahlt mir keiner“, sagt er. Dass in den nächsten Monaten irgendwo Veranstaltungen stattfinden könnten, hält er für unwahrscheinlich. Alles liege auf Eis – es gebe zwar oft keine Absagen für Veranstaltungen, es würde aber auch nicht dafür geworben.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Ich bin gebürtige Dorstenerin, lebe und arbeite hier. Dorsten und vor allem die Menschen der Stadt liegen mir sehr am Herzen. Wichtig sind mir jedoch auch die Kirchhellener. Seit mehreren Jahren darf ich über den kleinen Ort berichten und fühle mich daher sehr mit dem Dorf verbunden. Menschen und ihre Geschichten, Bildung und Erziehung – das sind Themen, die mir wichtig sind. Und das liegt nicht nur daran, dass ich zweifache Mutter bin.
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Manuela Hollstegge

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