Dieses Fohlen wurde in der Nacht zu Freitag (19.2.) auf dem Hof Dieckmann geboren. Die Kirchhellener Weidetierhalter machen sich Sorgen. © privat
Wolfsgebiet Schermbeck

Weidetierhalter und Pferdebesitzer: Angst vor dem Schreckgespenst Wolf

Die Temperaturen steigen, das Frühjahr steht in den Startlöchern und bei den Kirchhellener Weidetierhaltern zeigen sich Sorgenfalten. Denn: Die Angst vor dem Wolf ist allgegenwärtig.

Bald werden erste Lämmer, Kälber und Fohlen geboren und die sollten so schnell wie möglich draußen die Sonne genießen dürfen. 150 Kirchhellener Weidetierhalter sehen dieser Zeit kritisch entgegen, fürchten auch in 2021 weitere Wolfsübergriffe und bangen um ihre mehr als 1.500 weidenden Tiere. Und jetzt fordern Vertreter von NABU Wesel und Bottrop verkürzte Weidezeiten. Vermutlich wird sich der Wolf auch daran nicht halten.

Ein schönes Bild, eigentlich: Mutterkühe grasen mit ihren Kälbern auf Kirchhellener Wiesen, Schafe verschiedenster Rassen mit ihren Lämmern, Kinder reiten mit Ponys und Islandpferden aus, Freizeitpferde und hochpreisige Zuchtpferde stehen mit ihrem Nachwuchs auf den Weiden und erfreuen Groß und Klein. Große Milchviehbetriebe erhalten heute eine Weideprämie von ihren Molkereien und Mutterkuhhalter erhalten eine Prämie vom Bund.

„Das widerspricht für mich jedem klaren Menschenverstand“

„Naturschutz wurde noch nie so großgeschrieben wie heute. Prämien für weidende Tiere, Naturschutz mit weidenden Schafen, die Deiche und die Grün- und Heidelandschaften gesund halten“ und eine verhaltensauffällige Wölfin treibe sich weiter mit ihrem Rudel in Kirchhellen und Umgebung herum. „Das widerspricht für mich jedem klaren Menschenverstand“, kritisiert Bernhard Steinmann, Altlandwirt eines Betriebs An der Dringenburg.

Auch um ihre Schafe machen sich die Weidetierhalter Sorgen.
Auch um ihre Schafe, hier auf dem Hof Janinhoff, machen sich die Weidetierhalter Sorgen. © Maria Dehling © Maria Dehling

Mathias Dierichs hat seine Schafe abgeschafft. 25 Tiere liefen bei ihm auf einer Wiese in der Kirchhellener Heide/Grenzgebiet Gahlen. Er war Hobbyzüchter mit Leib und Seele. Doch der Wolf war zweimal bei ihm zu Besuch und hat Schafe gerissen. „Das macht mürbe und schürt Ängste. Schafe und Pferde sind Fluchttiere, nach Angstattacken verlammen sie. Ich möchte nicht wissen, was ausgerissene Schafe und Pferde auf einer stark befahrenen Straße oder der Autobahn anrichten. Und wer trägt dann die Schuld?“

Pferdehalter und Stallbesitzer teilen die Sorgen

Auch die Pferdehalter und Stallbesitzer sehen mit großer Sorge in die beginnende Weidesaison. „Eigentlich ist es die schönste Zeit des Jahres, endlich wieder draußen, frisches Gras, laufen und springen, wie es den Vierbeinern gefällt. Die ersten Fohlen kommen zur Welt und die müssen einfach auf die Wiesen – mit ein, zwei Stunden Weidegang ist das nicht abzutun“, sagt Bettina Behrendt, Einstallerin auf dem Hof Rottmann an der Gahlener Straße.

Pferdehalter und Stallbesitzer sind ebenfalls in großer Sorge.
Pferdehalter und Stallbesitzer sind ebenfalls in großer Sorge. © Maria Dehling © Maria Dehling

In Kirchhellen bedeutet Pferdehaltung nicht nur Freizeitspaß, sie ist für viele Betriebe auch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Die teils sehr großen Weideflächen jetzt nach neuen Forderungen, zum Beispiel mit Litzenzäunen und entsprechenden Höhen einzuzäunen, sei finanziell kaum zu stemmen.

„Das würde zudem bedeuten, dass Rot- und Damwild sich auch darin verfangen und Pferde sich erheblich daran verletzen können. Ich denke auch an Freizeitreiter, die sich eine artgerechte Unterbringung für ihr Pferd wünschen. Der NABU Wesel und Bottrop fordert verkürzten Weidegang, was ein Rückschlag für die artgerechte Pferdehaltung ist. Sie würden Ihren Hund auch nicht 18 Stunden am Tag in einen kleinen Raum sperren“, ist sich Bettina Behrendt, Einstallerin auf dem Rottmann, sicher. „Pferde, die den ganzen Tag in der Box stehen müssen, entwickeln so viel Power. Sie sind kaum noch im Zaum zu halten, von Kindern und Jugendlichen schon gar nicht.“ „Ob tagsüber oder bei Dunkelheit, ob menschenleer oder auf belebten Höfen, der Wolf hält sich nicht an Zeiten, nicht an Tag oder Nacht“, ergänzt Frank Rottmann.

Verbände aller Weidetierhaltungen sprechen eindeutige Sprache

Die Reiterliche Vereinigung spricht vom „Schreckgespenst Wolf“. Landwirte und Stallbesitzer investieren seit Jahren in neue Haltungsformen. So sind Pferde heute vermehrt ausgestallt und sollen so neue Lebensräume erhalten. Jetzt wird gefordert, Pferde und Ponys in den Ställen zu belassen und wenige Stunden Weidezeiten einzuräumen.

Der Verband der Mutterkuhhalter sieht den Erhalt von Grünlandgebieten mit niedrigem Ertragspotenzial gefährdet. Hinzu kommt, dass Mutterkuhhalter wirtschaftlich oft am Existenzlimit arbeiten, neue Einzäunungen sind für sie nicht tragbar. Mutterkühe kalben zudem häufig im Freien ab und ziehen ihre Jungtiere ganzjährig auf Weideflächen auf.

Das bedeute leichte Beute für den Wolf. Der Verband der Deutschen Schafzüchter weist daraufhin, dass Wolfsübergriffe trotz Herdenschutzes eine große emotionale Belastung für die Schäfer darstellen. Insbesondere seien „Problemwölfe“, wie Gloria, ein besonderes Ärgernis.

Aktuelle Studie verspricht einen Funken Hoffnung

Eine soeben veröffentliche Studie der Uni Freiburg und der Hochschule Geisenheim stellt detailliert vor, dass sich die Ausbreitung des Wolfes negativ auf rechtlich verbindliche Naturschutzziele auswirken könnte. Nebenerwerbslandwirte und Hobbyhaltungen seien wichtige Partner des Naturschutzes, doch zurzeit stellen viele von ihnen mit schwerem Herzen die Beweidungen ein.

Hinzu komme die zu erwartende und geforderte Aufrüstung der Zaunanlagen, diese bedeute eine massive Einschränkung anderer Wildtiere wie Reh- und Rotwild, die auf Weiden einen optimalen Lebensraum finden.

Für die Wissenschaftler besteht kein Zweifel, dass die ordnungsrechtlich mögliche, jagdliche Entnahme problematischer Einzeltiere wesentlich vereinfacht und stringent durchgeführt werden muss. Perspektivisch müsse auch über ein umfassendes aktives Management der Wolfspopulation nachgedacht werden.

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