Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Landwirte zahlen für staatliches Tierwohlkennzeichen bis zu 36 Prozent Mehrkosten

dzStaatliches Tierwohlkennzeichen

Das staatliche Tierwohllabel soll Tierschutz sichtbarer machen und Verbraucher besser informieren. Teilnehmenden Landwirten drohen hohe Mehrkosten. Am Ende entscheidet der Verbraucher.

Kirchhellen

, 05.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hat im Februar die Kriterien des neuen staatlichen Tierwohlkennzeichens für Schweine vorgestellt. Die Tiere sollen unter anderem mehr Platz in besser strukturierten Ställen bekommen und stärker beschäftigt werden, damit sie sich weniger gegenseitig in den Schwanz beißen. Mit dem Label dürfen ab 2020 alle Schweinehalter werben, die die geforderten Kriterien erfüllen. Verpflichtend ist das Kennzeichen nicht, die Teilnahme ist freiwillig.

Das staatliche Tierwohlkennzeichen unterscheidet drei qualitativ aufeinander aufbauende Stufen. Mit jeder Stufe steigen die Anforderungen an den Tierschutz. Und damit auch die Kosten für die teilnehmenden Schweinebauern. Das geht aus einer Kalkulation hervor, die ein Expertenteam um den Agrarökonom Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer NRW im Auftrag der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) erstellt hat.

Label soll Premium-Produktion aus der Nische holen

Demnach liegen die Produktionskosten für Stufe 1 um etwa 9 Prozent und in Stufe 2 um circa 23 Prozent über dem gesetzlichen Standard. Wer in der Premium-Stufe 3 produzieren will, muss mit rund 36 Prozent Mehrkosten rechnen.

„Es gibt ja jetzt schon Betriebe, die in Stufe 3 produzieren und in verschiedenen Märkten ihr Fleisch vermarkten“, sagt Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer. „Aber das sind kleine Nischen, die da bedient werden. Das Label will ja diese Produktionsstufen aus der Nische holen und transparenter machen.“

Landwirte zahlen für staatliches Tierwohlkennzeichen bis zu 36 Prozent Mehrkosten

Die Landwirtschaft würde noch viel mehr für den Tierschutz tun, sagt Rudolf Askemper, aber es muss auch bezahlt werden. © Robert Wojtasik

Der Kirchhellener Schweinebauer Rudolf Askemper hat „schon viele Labels erlebt“, wie er sagt. „Da ist es jetzt schwierig, eine Prognose für dieses abzugeben.“ Er berichtet von einem Berufskollegen, der sofort bereit war mitzumachen und sich bei einem Schlachtbetrieb erkundigt habe, wie viel mehr Geld er fürs Fleisch bekommen würde, um die höheren Produktionskosten decken zu können. „Da hieß es dann nur: ‚Wieso mehr? Sie bekommen das Gleiche wie andere auch.‘“

Die Landwirtschaft wehre sich nicht gegen höhere Tierschutzauflagen, sagt Askemper, der gerade die Aktion Bienenglück ins Leben gerufen hat: „Wir Landwirte würden noch vieles mehr machen, wenn es denn bezahlt wird.“

Auch Stefan Leuer betont, dass Schlachtbetriebe und Einzelhändler gefunden werden müssen, die bereit sind, die Mehrkosten in der Produktion zu übernehmen. „Dann finden sich auch Landwirte, die mitmachen.“

Landwirte zahlen für staatliches Tierwohlkennzeichen bis zu 36 Prozent Mehrkosten

Das staatliche Tierwohlkennzeichen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) © dpa

Das letzte Wort haben aber die Verbraucher. Die geben sich in Umfragen zwar gerne tierlieb und äußern die Bereitschaft, mehr für Fleisch zu bezahlen, wenn sich dadurch die Haltungsbedingungen verbessern würden. Gekauft wird am Ende aber doch lieber billig, wie eine Studie der Hochschule Osnabrück zeigt.

Der Feldversuch in 18 Edeka- und NP-Discount-Märkten ergab, dass nur 16 Prozent der Kunden bereit sind, verpacktes Schweinefleisch mit Tierwohllabel zu kaufen und dabei lediglich Preisaufschläge zwischen 9 und 13 Prozent akzeptieren. „Die Kaufentscheidungen der Kundinnen und Kunden im Test weichen somit stark von den Mehrpreisbereitschaften ab, die in vielen uns bekannten Befragungen ermittelt wurden“, sagt Prof. Dr. Ulrich Enneking von der Hochschule Osnabrück.

Auch der Kirchhellener Rudolf Askemper fordert ein Umdenken bei den Konsumenten - und zwar sowohl bei der Zahlungsbereitschaft als auch bei den Essgewohnheiten: „Am Ende des Tages müssen genügend Käufer vorhanden sein, die sagen, dass sie von diesem freilaufenden Schwein zum Beispiel auch die Pfote oder das Öhrchen haben wollen. Das freilaufende Schwein hat nämlich nicht nur Schnitzel am Körper.“

TIERWOHL-LOGO

HANDEL KOMMT POLITIK ZUVOR

  • Die großen Supermarktketten Edeke, Rewe, Aldi und Lidl haben zu Beginn dieser Woche eine einheitliche Kennzeichnung auf Verpackungen für Rind- und Schweinefleisch sowie Geflügel eingeführt.
  • Das Logo trägt die Aufschrift „Haltungsform“ und soll Kunden infomieren, wie die Tiere gelebt haben.
  • Es unterscheidet vier Stufen, beginnend beim gesetzlichen Mindeststandard.
Lesen Sie jetzt