Kontaktverfolgung: Bundeswehrsoldaten reden sich den Mund fusselig

dzCorona

15 Soldatinnen und Soldaten haben vorübergehend die Kaserne mit dem Saalbau getauscht. Statt um Panzer oder Lastwagen kümmern sie sich am Telefon um die Corona-Kontaktverfolgung.

Kirchhellen

, 12.11.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie tragen Tarnanzüge und schwere Stiefel, ihr Mund-Nase-Schutz ist olivgrün. Für Schreibtischjobs gelten halt bei der Bundeswehr keine anderen Kleidervorschriften als am Steuer eines Lastwagens oder bei der Instandsetzung von Schützenpanzern. 15 Soldatinnen und Soldaten der 2. Kompanie des Versorgungsbataillons 7 haben seit dem 30. November die Kaserne im lippischen Augustdorf mit dem Bottroper Saalbau getauscht.

Die Stadt Bottrop hat die Bundeswehr um Hilfe gebeten, weil die eigenen Mitarbeiter angesichts der hohen Coronazahlen mit der Kontaktverfolgung nicht mehr nachkamen. „Inzwischen sind wir dank der Soldatinnen und Soldaten wieder auf Ballhöhe“, bemüht Andreas Pläsken, Sprecher von Stadt und Krisenstab, ein Bild aus dem Sport. Lediglich bei der Verschriftlichung der (auch mündlich ausgesprochen bindenden) Quarantäneverordnungen hinke die Stadt noch hinterher.

Täglich von 8 bis 17 Uhr wird telefoniert und recherchiert

Sportlich ist das Pensum in der Tat, das die Soldatinnen und Soldaten gemeinsam mit den städtischen Mitarbeitern täglich von 8 bis 17 Uhr und am Wochenende von 8 bis 15 Uhr absolvieren. Das Info-Telefon steht nicht still, da kommen schon mal 200 Anrufe pro Tag und Person zusammen. Auch bei der Kontaktverfolgung wird viel telefoniert und eine Menge geredet, aber auch für die Recherche geht viel Zeit drauf.

Kontaktverfolgung Bundeswehr Saalbau Bottrop

Computer und Telefon sind für Stabsunteroffizierin Celine Seehusen und ihre Kameraden derzeit das wichtigste Arbeitsmittel. © Petra Berkenbusch

„Wenn das Gesundheitsamt uns einen positiven Corona-Fall weitergibt, ist es unsere Aufgabe, dessen Kontakte zu ermitteln und gegebenenfalls darüber zu informieren, dass jetzt Quarantäne ansteht“, fasst Feldwebel Dennis Böker grob die Aufgaben der Bundeswehr-Kräfte zusammen. Obwohl die Anrufer selten mit erfreulichen Nachrichten bei den Bürgern landen, sei die Reaktion auf ihre Anrufe überwiegend positiv, erzählt Stabsunteroffizierin Marie Schudlich.

Türkische und russische Sprachkenntnisse im Team

„Die Leute haben meist ganz viele Fragen, auf die wir in einer zweitägigen Schulung vorbereitet worden sind.“ Dass Kollegen mit türkischen und russischen Sprachkenntnissen im Team seien, erleichtere die Arbeit. An die könne man ebenso verweisen wie an die Mitarbeiter des Gesundheitsamts, wenn die Fragen der Bürger dann doch einmal zu speziell seien.

„Abends ist man froh, wenn man nicht mehr reden muss.“
Marie Schudlich, Stabsunteroffizierin

„Hoheitliche Befugnisse“ hätten die Soldatinnen und Soldaten nicht, betont Oberstleutnant Stefan Heydt, Sprecher der Bundeswehr in Nordrhein-Westfalen. „Wir haben hier keinen Einsatz im Innern, sondern bieten lediglich technische oder logistische Unterstützung.“ Das gelte gerade bundesweit für rund 16.000 Soldaten, die als „schnelle Truppe“ bei der Pandemie-Bekämpfung im Einsatz seien.

Wunsch: Symptome und Kontakte aufzeichnen

Gefragt nach ihren Wünschen an die Zivil-Bevölkerung, empfehlen die „Kontaktermittler“ Erkrankten genaue Aufzeichnungen über ihre Symptomatik. Wenn man wisse, wann zum Beispiel der Husten begonnen habe, könne man besser einschätzen, welche Kontaktpersonen mehr oder weniger gefährdet seien.

Auch ein Kontakt-Tagebuch, wie der Virologe Prof. Drosten es schon seit Längerem empfehle, könne bei der Ermittlung von Kontaktpersonen eine große Erleichterung sein. „Und bitte, geben Sie Namen und Telefonnummer auf Kontaktlisten richtig an, das erspart uns mühevolle Recherchen“, appellieren Marie Schudlich und ihre Kollegen an die Bottroper.

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Flunkern, um die Quarantäne zu vermeiden, sei ebenfalls selten zielführend, verlängere allenfalls das Verfahren. Dennis Böker: „Oft kommt schon beim Telefonat mit der nächsten Kontaktperson heraus, dass das Treffen doch nicht so kurz war, wie manch einer es uns weismachen wollte.“ Dass viele Menschen trotz aller Warnungen noch private Partys veranstalten, stößt bei den Soldaten nicht auf Verständnis. „Das sollte man jetzt einfach mal lassen.“

Stadt kennt kein Pardon

Zur Not bewacht der Sicherheitsdienst die Quarantäne
  • Problematische Fälle aus der Kontaktverfolgung geben die Soldatinnen und Soldaten ans Gesundheitsamt zurück.
  • Wenn es an Verständnis und Solidarität mangelt und Maßnahmen nicht befolgt werden, wird auch schon mal der Bereich Recht und Ordnung tätig: Einer Familie, die sich nicht an die Quarantäne-Verordnung gehalten hat, hat die Stadt neulich einen Sicherheitsdienst vors Haus gestellt.
  • Solche „Ausreißer“ seien jedoch selten, betont Stadtsprecher Andreas Pläsken. Im Großen und Ganzen seien die Bottroper vernünftig und solidarisch.
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