Im Cap-Markt in Grafenwald funktioniert Inklusion einwandfrei

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Der Cap-Markt ist ein Supermarkt wie jeder andere. Zumindest fast: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier zusammen. Auf dem Arbeitsmarkt ist das noch immer nicht selbstverständlich.

Grafenwald

, 25.02.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer den Cap-Markt betritt, wird es nicht sofort merken. Auf den ersten Blick ist er ein Supermarkt wie jeder andere. Wenn unwissende Kunden nach der Besonderheit gefragt werden würden, würden sie wahrscheinlich von der vielfältigen Obst- und Gemüseauswahl sprechen. Nicht aber von Menschen mit und ohne Behinderung, die hier zusammen arbeiten.

So gibt es im Cap-Markt sehr unterschiedliche Verkäufer: Manche haben kein Handicap, manche eine Lernschwäche oder Spastiken, andere psychische Erkrankungen oder die Nachwirkungen einer Nierentransplantation. Weder für Kunden noch für die Mitarbeiter selbst macht das einen Unterschied.

Nadine Glowig ist von Beginn an dabei

Nadine Glowig ist Verkäuferin im Cap-Markt. Sie hat eine Lernschwäche. Seit dem Start des Supermarkts vor 13 Jahren ist sie Teil des Teams und sehr glücklich, erzählt sie: „Ich will hier nicht mehr weg. Es ist der beste Arbeitsplatz, den ich mir vorstellen könnte."

Bereits ihre Ausbildung hat sie hier gemacht. Auch dabei gibt es zwischen den Menschen mit und ohne Handicap kaum Unterschiede im Cap-Markt, erklärt Arnd Schreiner, Geschäfts- und Bereichsleiter: „Natürlich brauchen Auszubildende mit einer Lernschwäche zum Beispiel etwas mehr Unterstützung. Aber das gewährleisten wir durch Nachhilfe oder Ähnliches. Und auch die Industrie- und Handelskammer kommt uns da hin und wieder entgegen." So stand der Ausbildung von Nadine Glowig nichts mehr im Weg.

Auch bei den Kunden ist die Verkäuferin beliebt. Besonders die Kinder zeigen ihr immer wieder ihre Freude, berichtet Glowig: „Die sehen einen schon, wenn sie gerade reinkommen. Manche rufen dann und kommen auf einen zu gerannt. Das ist wirklich schön."

Die Mitarbeiter sind ein Team

Mittlerweile sind die Mitarbeiter des Cap-Marktes ein eingespieltes Team. Von den Schwächen des Einzelnen ist nur selten wirklich etwas zu merken, berichtet Dominik Leng, Auszubildender im dritten Lehrjahr im Cap-Markt: „Die Abläufe sind total selbstverständlich. Ob da jetzt jemand ein Handicap hat oder nicht, bekommt man kaum mit."

Und wenn es an der Kasse manchmal doch etwas länger dauert, sind alle verständnisvoll. „Unser Verkäufer, der Spastiken hat, braucht manchmal ein wenig Zeit. Aber das überspielt er immer mit ganz viel Charme und Freundlichkeit", berichtet Sandra Rose, die Marktleiterin.

Menschen mit und ohne Handicap sind gleichberechtigt

Seit 13 Jahren gibt es den Cap-Markt in Grafenwald, seit 20 Jahren dieses Projekt in Deutschland. Für Menschen mit Handicap, die nicht so stark eingeschränkt sind, dass sie in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, ist der Markt ein wertvoller Arbeitsplatz. Die Zahl von Menschen mit und ohne Behinderung ist gleich, auch zwei Außenarbeitsplätze für Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt sind besetzt.

Bevor die Menschen mit Handicap jedoch begonnen haben, im Cap-Markt zu arbeiten, war für sie die Arbeitssuche oft schwierig. Das erzählt auch Nadine Glowig. Sie hat ursprünglich eine Ausbildung zur Haushaltshelferin gemacht, dort einen Arbeitsplatz zu finden, war aber schwierig. „Wenn man zu einem Vorstellungsgespräch kommt und erzählt, dass man eine Lernschwäche hat, kann man eigentlich direkt nach Hause gehen", erzählt die Verkäuferin. Im Cap-Markt wurde sie mit offenen Armen empfangen: „Hier will ich nicht mehr weg!"

Auf dem Arbeitsmarkt ist es oft schwierig

Die Schwierigkeiten von Nadine Glowig sind jedoch kein Einzelfall. „Das Thema Inklusion bleibt eine wichtige Herausforderung auf dem Bottroper Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Zwar hat sich die Situation für Menschen mit einer Behinderung in den letzten Jahren verbessert, aber noch immer sind rund 300 Menschen in dieser Personengruppe arbeitslos – und das, obwohl sie in der Regel gut qualifiziert sind“, erklärt Sarah Brömmel, Teamleiterin im Team für Rehabilitation und Teilhabe in der Agentur für Arbeit Bottrop. „Viele Bottroper Unternehmer haben das Potenzial von Arbeitskräften mit Behinderung bereits erkannt und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur tatsächlichen Inklusion in Bottrop. Unser Ziel ist es, dass zukünftig noch mehr Menschen mit einer Behinderung den Sprung in den Arbeits- oder Ausbildungsmarkt schaffen.“

Die Aktion Mensch definiert Inklusion folgendermaßen: „Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal, wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast. Jeder kann mitmachen. Zum Beispiel: Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen in der Schule. Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann, am Arbeitsplatz, beim Wohnen oder in der Freizeit: Das ist Inklusion.

Bei den Chancen auf dem Arbeitsmarkt müsse man zwischen Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen unterscheiden, erklärt Jenny Krogull-Hull von der Patsy & Michael Hull Foundation, die sich für Inklusion einsetzt: „Menschen mit körperlichen Behinderungen haben mehr Chancen als Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Dennoch müssen die Menschen mit einer Körperbehinderung in den Betrieb inkludiert und Barrieren abgebaut werden."

Es könnte alles einfach sein

Das würde beispielsweise die Installation einer Rampe für Rollstuhlfahrer oder einer barrierefreien Toilette bedeuten oder, für Menschen mit einer Sehbehinderung, die Einrichtung einer Vorlesefunktion. Nur wenige Unternehmer sind bereit, ihren Betrieb dafür umzubauen, berichtet Krogull-Hull: „Für die Arbeitgeber bedeutet das: mehr Aufwand, Zeit und Papierkram. Und dazu sind die meisten Arbeitgeber nicht bereit. Obwohl alle Umbaumaßnahmen vom Staat oder der Stadt gefördert und somit auch größtenteils bezahlt werden. Es wäre also einfach."

Für Menschen mit geistigen Einschränkungen sieht es derzeit auf dem Arbeitsmarkt noch schlechter aus, so Krogull-Hull: „Sie haben geringe bis gar keine Chancen." Oft werde Integration mit Inklusion verwechselt, erklärt sie: „Menschen mit und ohne Behinderung müssen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das ist Inklusion."

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