In Grafenwald herrscht Uneinigkeit darüber, wie sich der Ortsteil in Zukunft entwickeln soll. © Manuela Hollstegge
Wohnen

Diskussion spitzt sich zu: Braucht Grafenwald mehr Baugebiete?

Darüber, wie sich der Ortsteil Grafenwald entwickeln soll, sind sich die Anwohner nicht einig. Die einen fordern den Zuzug von Familien, die anderen wehren sich gegen verbaute Flächen.

Wie soll sich Grafenwald entwickeln? Darüber sind sich die Anwohner des Ortsteils nicht einig. Während sich eine Bürgerinitiative seit August gegen neue Baugebiete zwischen Wiesengrund und Heimersfeld wehrt, macht sich der VfL-Präsident und gebürtige Wöller, Peter Scheidgen, für einen möglichst schnellen Zuzug von Familien stark.

„Grafenwald ist ein immer älter werdender Ortsteil. Familien ziehen teilweise weg, weil sie hier kein bezahlbares Eigentum finden“, sagt Scheidgen. Der 63-Jährige ist in Grafenwald aufgewachsen, Geophysiker, Präsident des VfL Grafenwald, Vorsitzender des Bottroper Sportbundes sowie Mitglied bei „Natürlich Kirchhellen“. Seit über 20 Jahren wohnt er am Vossundern.

Als bekannt wurde, dass am Vossundern ein Neubaugebiet entstehen soll, war auch er zunächst nicht begeistert. „In unmittelbarer Nachbarschaft will man so etwas erst einmal nicht. Aber dann habe ich meine Meinung geändert“, erzählt Scheidgen. Ihm sei klar geworden, dass Grafenwald dringend Zuwachs brauche – vor allem von jungen Familien.

Peter Scheidgen ist in Grafenwald aufgewachsen und der Meinung, dass Grafenwald auf den Zuzug von Familien angewiesen ist. © privat © privat

So habe Grafenwald 2002 noch 6.298 Einwohner gehabt, 1.535 davon Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 21 Jahren. 2019 seien es laut der statistischen Jahrbücher der Stadt nur noch 946 bei insgesamt 5.669 Einwohnern gewesen. Auch bei den Zahlen der jugendlichen Vereinsmitglieder des VfL Grafenwald gebe es einen negativen Trend: 2018 seien noch 515 Kinder und Jugendliche Mitglied gewesen, 2020 nur noch 327. Gleiches gelte für die Grafenwälder Grundschule: Hätten laut Schulentwicklungsbericht im Schuljahr 2008/2009 noch 215 Kinder die Schule besucht, seien es im Schuljahr 2019/2020 nur noch 164 gewesen.

Wenig Verständnis für Bürgerinitiative in Grafenwald

Daher habe er für das Begehren der Bürgerinitiative wenig Verständnis: „Bei aller Liebe, aber das sind Zugezogene, die ihre Privatinteressen verfolgen und nicht an das Allgemeinwohl denken.“ Wenn alle so denken würden, würden Ortsteile gar nicht mehr wachsen können. Zwar könne auch am Schacht 9 auf dem ehemaligen Zechengelände gebaut werden, doch „das wird Jahre dauern“. Am Vossundern hätte man Scheidgens Meinung nach auch bauen können, wenn man die früher dort vorhandenen Gräben neu gezogen hätte. Zwischen Wiesengrund und Heimersfeld sei eine Bebauung auch plausibel. An gleicher Stelle hätte jedoch vor rund 50 Jahren schon einmal gebaut werden sollen.

„Da ist es jedoch an der nicht geeigneten Geologie gescheitert. Das müsste man natürlich noch mal überprüfen“, so Scheidgen. Von der Politik fordert er, endlich „Nägel mit Köpfen“ zu machen. „Es bringt nichts, ständig neue mögliche Gebiete vorzustellen. Das kostet nur Zeit und es muss endlich was passieren.“ Allerdings müsse dafür dringend ein Verkehrskonzept für den Ortsteil von unabhängigen Experten erstellt werden.

Zuerst Baulücken in Grafenwald schließen

Jürgen Becker, Mitbegründer der Bürgerinitiative „Natürlich Grafenwald“, nimmt die Kritik zwar an, sagt aber auch: „Wir haben nicht zu wenig Kinder in Grafenwald. Die Argumente sind dünn und die Schlüsse falsch.“ Er macht sich dafür stark, Baulücken zu schließen. Zudem finde in Grafenwald ein Generationenwechsel statt, wodurch auch neuer Wohnraum frei würde. „Bezahlbare Grundstücke gibt es hier aber so oder so nicht, daher ist die Frage, ob sich junge Familien das überhaupt leisten könnten“, so Becker. Hinzu käme der nicht zu verachtende Klima-Aspekt – Stichpunkt „Flächenversiegelung“.

Inzwischen hat die Bürgerinitiative mehr als 900 Unterschriften in ihrer Online-Petition gesammelt. Vor wenigen Tagen habe man sich, so Becker, mit einem Schreiben an Oberbürgermeister Bernd Tischler gewendet. „Wir fordern den Oberbürgermeister auf, einen neuen Beschluss verfassen zu lassen, der das bisherige Baugebiet rauslässt und die ehemaligen Bergbauflächen reinnimmt“, erklärt Jürgen Becker. Zusätzlich habe man sich mit den zwei anderen Bürgerinitiativen in Feldhausen sowie Kirchhellen (Feuerwehr) zusammengeschlossen und wolle nun gemeinsam für Kirchhellen kämpfen.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Ich bin gebürtige Dorstenerin, lebe und arbeite hier. Dorsten und vor allem die Menschen der Stadt liegen mir sehr am Herzen. Wichtig sind mir jedoch auch die Kirchhellener. Seit mehreren Jahren darf ich über den kleinen Ort berichten und fühle mich daher sehr mit dem Dorf verbunden. Menschen und ihre Geschichten, Bildung und Erziehung – das sind Themen, die mir wichtig sind. Und das liegt nicht nur daran, dass ich zweifache Mutter bin.
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Manuela Hollstegge

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