Moderner Dichter-Wettstreit - Dunkelhäutige Siegerin kritisiert eigenen Rassismus

Poetry Slam

Beim Poetry Slam im Hof Jünger sprach Tanu X über ihre Erfahrungen mit Rassismus und wie sie als Kind versuchte, sich die dunkle Hautfarbe abzuschrubben.

von Michelle Hoffmann

Kirchhellen

, 13.12.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Moderner Dichter-Wettstreit - Dunkelhäutige Siegerin kritisiert eigenen Rassismus

Tanu X aus der Schweiz ging als Siegerin aus dem Dichter-Wettstreit hervor. © Michelle Hoffmann

Sogar aus der Schweiz war eine Teilnehmerin angereist. Das Kulturzentrum Hof Jünger hatte am Mittwoch zum sechsten Kirchhellener Poetry Slam geladen. Zu Gast waren acht Künstler, die aus Köln, Duisburg, Düsseldorf und eben auch der Schweiz angereist waren, um mit ihren Gedichten in den modernen Dichter-Wettstreit zu steigen.

Die Regeln waren einfach. Jeder durfte mitmachen und seine teils lustigen, teils tiefsinnigen Texte zum Besten geben. Einzige Voraussetzung: Die Texte mussten selbst geschrieben sein. Hilfsmittel und Requisiten waren ebenfalls nicht erlaubt. „Nur der Poet, das Mikrofon und der Text haben Platz auf der Bühne“, erklärte der Moderator Jonas.

Zuschauer konnten über Sieger entscheiden

Welche drei Künstler in das Finale kamen, entschied das Publikum. Fünf Zuschauer bekamen Wertungskarten in die Hand gedrückt und bildeten die Jury, die Punkte von 0 bis 10 an die Poeten und Poetinnen vergeben durften. „0 bedeutet, der Text hätte nie das Licht der Welt erblicken sollen, während 10 bedeutet, dass die Performance uns bis Ende 2020 kollektiv glücklich macht“, stellte der Moderator klar. Das restliche Publikum konnte seine Begeisterung über die Lautstärke des Applauses kundtun.

Moderner Dichter-Wettstreit - Dunkelhäutige Siegerin kritisiert eigenen Rassismus

Finalist Malte aus Duisburg überzeugte mit seinem Text über seine Handwerkerfamilie. © Michelle Hoffmann

Der Abend war für die Zuschauer eine Achterbahn der Gefühle. Ernste Themen, wie Umweltschutz, Rassismus, Sexismus, Vergewaltigungen und Depressionen gingen Hand in Hand mit lockeren und witzigen Geschichten über die eigene Familie oder ein Hassgedicht über Möbel.

Den Anfang machte Barbara aus Düsseldorf, die einen Text vorstellt, den sie für eine Fridays for Future-Veranstaltung in Dortmund verfasst hatte. Darin ließ sie sich über alle Möchtegern-Umweltschützer aus, die „neue Jutebeutel kaufen, statt die alten Plastiktüten aufzubrauchen“, und stolz auf ihre Bambustassen seien, die sie regelmäßig austauschten.

Zwei Frauen stellten Märchen vor

Der zweite Poet war aus Düsseldorf mit dem Zug angereist. Er ließ sich ausgiebig über Möbel aus sowie über arbeitende Menschen unter 30 aus. Zwei Frauen stellten an diesem Abend unabhängig voneinander zwei Märchen vor, die Ähnlichkeiten mit Rapunzel hatten, beide brachen das klassische Rollenbild der Frau auf.

Malte aus Duisbur war der erste Finalist. Er erzählte mit viel Witz, wie es ist, wenn man in einer Handwerkerfamilie aufwächst und selber, wie er sagt „souverän an diesem Genpol vorbei gerutscht ist“. Bei seinem Final-Text „Kinderwunsch“ ging es ebenso lustig weiter. Hier erzählte er, wie dringend seine Mutter sich Enkelkinder wünsche und wie er vor hat, seine Kinder später einmal zu erziehen.

Moderner Dichter-Wettstreit - Dunkelhäutige Siegerin kritisiert eigenen Rassismus

Finalistin Marie aus Krefeld forderte mehr Realität auf Instagram. © Michelle Hoffmann

Marie aus Krefeld war die zweite Finalistin, sie überzeugte mit einem Text, der ihre Entscheidung, nach der Schule in Krefeld geblieben zu sein, erklären sollte. Dabei streifte sie mehrere sozial kritische Themen. In ihrem zweiten Text im Finale erzählte sie von ihrem Beruf in einer Werbeagentur und forderte mehr Realität auf Instagram.

Siegerin kritisierte ihren eigenen Rassismus

Als Siegerin ging die Schweizer Künstlerin Tanu X aus dem Abend hervor. Die dunkelhäutige Feministin erzählte von ihren Erfahrungen mit Rassismus, Depression, Vergewaltigung und unterdrückter Menschenwürde. „Der Grund, wieso ich hier auf der Bühne stehe, ist, weil Protest und Aktivismus das einzige sind, was hilft“, sagte sie.

In ihrem Finaltext kritisierte sie ihren eigenen Rassismus gegen sich selbst. Sie erzählte, wie unwohl sie sich mit ihrer Hautfarbe fühle und wie sie als Kind versucht habe, sich mit Waschmittel zu schrubben, das laut der Werbung dunkle Flecken aus Wäsche entfernt.

Wie sehr dieser Text bewegte und überzeugte, ließ sich anhand des Applauses ausmachen. So war schnell klar, dass sie die Sektflasche als Preis mit nach Hause nehmen durfte.

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