DDR-Zeitzeugin erzählte ihre Lebensgeschichte

Im Vestischen

Die Wahrheit - darum geht es Ellen Thiemann. Ihre Wahrheit: Selbst 22 Jahre nach dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik wird die Journalistin immer noch von Stasi-Schergen bedroht und abgehört.

KIRCHHELLEN

von Von Wiebke Plöger

, 17.03.2011, 10:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

1972 will sie mit ihrem Sohn und ihrem Mann, dem DDR-Spitzensportler und Sportjournalisten Klaus Thiemann, in den Westen zu fliehen. „Eigentlich sollten wir mit gefälschten Pässen über die Grenze nach Polen gebracht werden“, erzählt Ellen Thiemann. Doch plötzlich hätte es geheißen, es gebe keine Pässe mehr. „Wir sollten dann in einem ausgebauten BMW versteckt in den Westen gebracht werden“, berichtet Ellen Thiemann. Als erstes ihr Sohn. Doch kaum ist er losgefahren, wird das Auto von Soldaten umzingelt. Ellen Thiemann nimmt die Schuld auf sich. Behauptet, ihr Mann hätte nichts damit zu tun. „Ich wollte nicht, dass mein Sohn in einem Heim aufwächst“, erinnert sich die heute 73-Jährige. Im Gefängnis wird sie schikaniert, gefoltert und muss doppelte Zwangsarbeit verrichten. „Ich musste erst acht Stunden Elektromotoren bauen und dann acht Stunden Porzellanteller bemalen.“

Nachdem sie aus dem Gefängnis freikommt, lässt sie sich von ihrem Mann scheiden. Ihr Anwalt erwirkt, dass sie mit ihrem Sohn endlich in den Westen gehen kann. Ihr Ehemann bleibt in der DDR. „Er hat eine andere gehabt. Außerdem meinte er, dass er sich beim Sportecho eine Karriere aufgebaut habe, die er drüben nicht machen könne“, erzählt sie. Ein Jahr nach dem Fall der Mauer nimmt Ellen Thiemann das erste Mal Einsicht in ihre Akte. Was sie jahrelang nur vermutet hatte, bewahrheitet sich. Ihr Mann ist der Verräter. „Seit 1990 schaue ich alle zwei Jahre in meine Akte“, sagt die Journalistin. Die Jahn-Behörde enttarne immer weitere Spitzel. „Wie viel Prozent der Bevölkerung wurden denn bespitzelt?“, möchte ein Schüler wissen. Ellen Thiemann muss lächeln. „Eine sehr gute Frage“, sagt sie. Alle, lautet die Antwort. „Selbst die Spitzel wurden bespitzelt.“

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