Der Literaturkurs des Vestischen Gymnasiums Kirchhellen bietet am 20. Mai Lyrik am Telefon an. Johannes übt schon einmal den Ernstfall. © Manuela Hollstegge
Literatur

Bei Anruf Kultur – Schüler lesen Gedichte am Telefon

Der Literaturkurs des Vestischen Gymnasiums Kirchhellen wird in der Coronakrise kreativ. Die Schüler bieten Literatur am Telefon an. Wer dabei sein will, kann sich einen Termin reservieren.

Johannes atmet einmal tief durch, dann beginnt er: „Hinter eines Baumes Rinde, wohnt die Made mit dem Kinde.“ Den Heinz Ehrhardt-Klassiker trägt er flüssig vor, doch bei seinen Mitschülern kommt die Pointe am Schluss noch nicht so gut an.

Er und die 29 anderen Teilnehmer des Q1-Literaturkurses des Vestischen Gymnasiums Kirchhellen (VGK) stecken gerade mitten in den Proben für eine außergewöhnliche Aktion: Lyrik am Telefon. Gäbe es das Coronavirus nicht, würden sie für die große jährliche Theaterprüfung am Ende des Schuljahres üben. Doch die wird es – wie so vieles andere auch – nicht geben.

„Man muss umdenken. Wir haben Kurzfilme gedreht, das war toll. Aber den Schülern fehlt der Moment der Performance und der Kontakt zu einem Publikum“, erzählt Kurslehrer Marcin Morawski. Durch Zufall hörte er im Radio einen Beitrag über das Schauspielhaus Bonn, das ein Literaturtelefon eingerichtet hat.

Literaturkurs drehte Kurzfilme über Dichter

Da die Kirchhellener Literaturkursschüler zuvor bereits einen Kurzfilm zu einem von ihnen ausgesuchten Dichter gedreht hatten, kam dem Lehrer schnell die Idee, Lyrik am Telefon zum Besten zu geben. Dafür konnten sich die Schüler Lyrik aussuchen, die sie besonders berührt. Am 20. Mai wollen sie diese Gedichte Anrufern vortragen. Bis dahin müssen die Schüler noch ein bisschen proben.

Amirah, Juliane, Lina, Emilia und Maike vom Literaturkurs des Vestischen Gymnasiums Kirchhellen üben ihre Gedichte und geben sich gegenseitig Feedback.
Amirah, Juliane, Lina, Emilia und Maike üben ihre Gedichte und geben sich gegenseitig Feedback. © Manuela Hollstegge © Manuela Hollstegge

„Wir üben gerade erst einmal in kleinen Gruppen, die Gedichte zu präsentieren. Am Ende jeder Stunde machen wir das noch mal in der großen Gruppe“, erklärt Schüler Johannes. Er und seine Mitschüler haben jeweils rund zehn Gedichte ausgesucht, damit sie den Anrufern eine kleine Auswahl anbieten können. Darunter finden sich neben lustigen auch ernste oder Liebesgedichte. Auch englische Lyrik ist dabei.

Kirchhellener Schüler wollen Menschen aus dem Alltag holen

Johannes ist zwar traurig, dass es in diesem Jahr keine große Theateraufführung geben wird, „aber diese Aktion ist der bestmögliche Ersatz, denke ich.“ Das sieht auch Emilia so. „Vielen Menschen und auch mir fehlt die Kultur. Wir hoffen, mit unserem Projekt uns und die Anrufer ein bisschen aus dem Alltag herauszuholen“, sagt sie.

Wer also Lust auf Lyrisches hat, der kann ab sofort einen Termin für den 20. Mai zwischen 14 und 16 Uhr vereinbaren und zwar per Mail an literatur@vestisches-gymnasium.de. „Wenn die Nachfrage groß ist oder jemand nur abends Zeit hat, verlängern wir die Aktion vielleicht oder bieten auch einen Anruf nach 16 Uhr an“, sagt Lehrer Morawski. Ein lyrischer Anruf dauert rund 15 Minuten. Dabei darf und soll auch über die vorgetragenen Gedichte diskutiert werden. Über eine kleine Spende für die relativ leere Abikasse würden sich die Schüler freuen – sie ist aber kein Muss.

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Redaktion Dorsten
Ich bin gebürtige Dorstenerin, lebe und arbeite hier. Dorsten und vor allem die Menschen der Stadt liegen mir sehr am Herzen. Wichtig sind mir jedoch auch die Kirchhellener. Seit mehreren Jahren darf ich über den kleinen Ort berichten und fühle mich daher sehr mit dem Dorf verbunden. Menschen und ihre Geschichten, Bildung und Erziehung – das sind Themen, die mir wichtig sind. Und das liegt nicht nur daran, dass ich zweifache Mutter bin.
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Manuela Hollstegge

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