Einstige Gendarmerie-Kaserne in Kamen: Der Historiker Dr. Stefan Klemp arbeitet für die Steinwache in Dortmund. Er ist der Geschichte des Standorts auf der Spur – und hat Verbindungen von Gendarmen zu NS-Verbrechen aufgedeckt. © Stadtarchiv Kamen
Steinwache und Polizeikaserne

Wie Polizisten zu Mördern wurden: „Ich habe mir gedacht, ich gehe dem mal nach“

Ein Schatten fällt auf die frühere Polizeikaserne in Kamen. Polizisten waren in der NS-Zeit in Massenmorde verwickelt. Steinwachen-Historiker Stefan Klemp schildert im Interview seine Spurensuche – und wie Täter davonkamen.

Herr Klemp, Sie haben herausgefunden, dass Kamener Gendarmen in den Massenmord an Juden bei der Aktion Erntefest verwickelt waren. Wie kamen Sie darauf?

Ich bin bei den Recherchen für unsere Ausstellung in der Steinwache in Dortmund auf einen Gendarmen namens August Schwalbe gestoßen. Das war ein alter SA-Kämpfer aus Dortmund, der 1933 in die Steinwache gekommen war und dort mit Polizeiangehörigen an den Verfolgungsaktionen nach der Machtübernahme der Nazis beteiligt gewesen ist. Er wurde 1937/38 nach Kamen versetzt und gehörte dort zur Stamm-Mannschaft. Da habe ich mir gedacht, es wäre spannend, dem mal nachzugehen.

SA-Kämpfer bildeten den Stamm der neuen Polizeikaserne in Kamen. Dazu kamen Freiwillige aus dem gesamten Reichsgebiet. Was waren das für Leute, die sich freiwillig zum Polizeidienst meldeten?

Diese Leute meldeten sich infolge einer Werbeaktion im Reichsgebiet – zum Teil aus Überzeugung oder auch, weil sie dem Dienst in der Wehrmacht entgehen wollten; in der Hoffnung, dass sie dann mit Polizeiaufgaben betraut sein würden und nicht an die Front gehen müssten. Es gab das Stammpersonal aus der Anfangszeit und diese große Gruppe, die sich freiwillig gemeldet hatte.

Zur Person

Stefan Klemp

Dr. Stefan Klemp, 56, studierte Neuere Geschichte in Münster, war Redakteur der Westfälischen Rundschau und ist als Historiker und Journalist tätig. Derzeit arbeitet er beim Stadtarchiv Dortmund an der neuen Ausstellung für die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache. Klemp hat die Verstrickung der Ordnungspolizei in NS-Verbrechen in mehreren Büchern beleuchtet. Die dritte Auflage des Handbuchs „Nicht ermittelt. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz“ erscheint 2021.

1942 wurde diese Kamener Polizeieinheit zusammen mit zwei Kompanien aus Hiltrup und Eupen nach Warschau geschickt. Was erwarteten die Polizisten?

Über Warschau ging es nach Lublin. Ob das nun jeder im Einzelnen schon genau gewusst hat, was die Aufgaben sein würden, darüber kann man diskutieren. Aber es war durchaus so, dass sie ungefähr eine Vorstellung davon hatten. In der Ausbildung bei der Polizei wurden Feindbilder vermittelt, die „arisch germanische Herrenrasse“ auf der einen Seite und die „Untermenschen“ auf der anderen Seite.

Was waren die Aufgaben der Polizisten?

Die Kamener wurden verteilt auf verschiedene Gliederungen des 1. Gendarmerie-Bataillons. Sie sind 1942/43 eingesetzt gewesen in verschiedenen Orten im Distrikt Lublin. Sie haben dort offiziell gegen „Partisanen“ gekämpft und es gab tatsächlich Kampfhandlungen. Eine Hauptaufgabe war aber, Juden einzufangen, sie zu erschießen, überwiegend an Ort und Stelle und das eben an sehr vielen unterschiedlichen Orten. Das waren so viele Aktionen, dass es für die Ermittlungsbehörden nach 1945 sehr schwer war, das zu rekonstruieren.

Eine der Mordaktionen sticht hervor…

Verschiedene Polizei-Bataillone, auch das 1. Gendarmerie-Bataillon wurden eingesetzt bei der sogenannten Aktion Erntefest, bei der man in drei Konzentrationslagern über 40.000 Juden erschossen hat: Das waren die Lager Majdanek, Trawniki und Poniatowa. Am 4. November gab es eine riesengroße Erschießungsaktion, an der auch diese Leute, die man aus Kamen nach Polen abgeordnet hatte, in unterschiedlicher Weise beteiligt waren.

Was haben die Männer getan?

Sie haben zum Beispiel, wie viele Aussagen belegen, die Entkleidung der Juden bewacht. Es gab eine große Baracke, in der sich Juden vor der Erschießung ausziehen mussten. Die Gendarmen standen auch Spalier, während Juden im Lager gesammelt worden sind. Sie haben die Juden auf dem Weg von dieser Entkleidungsbaracke an die großen Erschießungsgruben bewacht.

Welche Funktionen haben die Männer ausgeübt?

Einige Kamener waren beim Werkstattzug, einige waren Funker, einige waren MG-Schützen. Die MG-Schützen haben die Absperrung gebildet und Fluchtversuche verhindert. Die Funker mussten den Einsatz koordinieren. Wenn man auf einem riesigen Gelände Tausende von Menschen erschießt, müssen die Beteiligten ja untereinander Verbindung halten. Andere waren Fahrer. Sie haben Offiziere von den verschiedenen Schauplätzen zum nächsten und wieder zurück in die Unterkunft gefahren. Die Polizisten haben natürlich sehr viel mitbekommen, auch wenn sie nicht unmittelbar an der Bewachung oder auch an der Erschießung beteiligt gewesen sind.

Gibt es Belege, dass Kamener Polizisten den Abzug gedrückt haben?

Bei der Aktion Erntefest liegt mir dazu keine Aussage vor. Das gab es aber bei anderen Erschießungen, Aktionen und Einsätzen, dass die Leute auch mit geschossen haben. Die Quellenlage ist bei der Kamener Kompanie sehr viel schwieriger als zum Beispiel bei der Münsteraner. Da haben viel mehr Leute überlebt, und sie haben viel ausführlicher und offener über ihre Beteiligung daran ausgesagt. Von den 26 Personen aus der Kamener Kompanie habe ich bislang 24 namentlich feststellen können, von denen 20 während des Kriegs umgekommen sind. Und von den vier Personen wiederum hat eigentlich nur einer, Georg Munker, eine ergiebige Aussage gemacht. Die anderen haben abgestritten oder gesagt, sie können sich an nichts erinnern. Das ist zum Teil natürlich unglaubwürdig.

Munker schilderte, wie er 20 Minuten an der Grube steht, während schätzungsweise 100 Juden erschossen werden. Welche Konsequenzen hatten solche Aussagen nach dem Krieg?

Die vier Übriggebliebenen der Kamener Kompanie sind im Rahmen verschiedener Ermittlungsverfahren gegen Angehörige des Gendarmerie-Bataillons befragt worden. Diese Ermittlungen der Zentralstelle bei der Staatsanwaltschaft Dortmund haben sich über 20 Jahre hingezogen. Kein einziger Beschuldigter wurde in der Bundesrepublik für die Beteiligung an Erschießungen angeklagt oder vor Gericht gestellt. In der DDR gab es eine Verurteilung eines Bataillons-Angehörigen.

Wie erklären Sie sich das? Eine frühere KZ-Sekretärin wurde Anfang 2021 von der Staatsanwaltschaft Itzehoe wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen im Konzentrationslager Stutthof angeklagt…

Wenn man diese Maßstäbe damals schon angelegt hätte, dann hätte man natürlich viel mehr Prozesse führen müssen, auch gegen Kamener Gendarmen, die bei den Erschießungen anwesend waren. Aber das ist eben nicht passiert, wie man leider sagen muss.

Hätten die Polizisten den Befehl verweigern können ohne persönliche Konsequenzen?

Ich kenne mindestens einen Fall, wo jemand den Befehl verweigern konnte. Ein Polizist sagte aus, dass ihm einmal die Erschießung von zwei Frauen befohlen worden ist, darunter auch eine Schwangere. Diese Erschießung hat er verweigert. Es ist dann jemand anders eingesetzt worden. Es hat bei jeder Polizeieinheit in solchen Einsätzen einige Polizisten gegeben, die sich geweigert haben, Männer, Frauen und Kinder zu erschießen. Bei dem Gendarmerie-Bataillon haben fast alle Zeugen behauptet, das sei gar nicht möglich gewesen. Der Historiker Marius Seydel promoviert an der Ruhr-Uni in Bochum zum 1. Gendarmerie-Bataillon. Ihm ist ein weiterer Verweigerungsfall bekannt. Die Männer standen sicherlich unter großem Druck. Es gab sehr wenige Männer, die so stark waren, dass sie sich geweigert haben, und einige, die sich vermutlich aufgrund des großen Drucks umgebracht haben.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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