Florian Reichel aus Kamen mit seinem Sohn Jonah (5) und Tochter Sofie (2). Reichel hofft, dass Jonah ab Montag ganz normal in die Kita gehen darf. © privat
Coronavirus

Vater kritisiert Corona-Pläne: „Viele Eltern bringen die Kinder dann zu Oma und Opa“

Der Kreis Unna will eine Notbetreuung in den Kitas durchsetzen. Ein Kamener Familienvater erzählt, was das für den Alltag in den Familien bedeuten würde.

„Alle Eltern wären betroffen. Sie müssten ihren Alltag komplett über den Haufen werfen“. Den Kamener Familienvater Florian Reichel würde eine Notbetreuung in den Kitas, wie sie der Kreis Unna für nächste Woche durchsetzen will, hart treffen. Reichel und seine Frau arbeiten nicht in sogenannten „systemrelevanten“ Berufen und im Falle einer Notbetreuung könnten sie ihren Sohn nicht weiter zur Kita bringen.

Weil der Inzidenzwert am Donnerstag die 200er-Marke geknackt hatte, plant der Kreis Unna, die Kitas ab nächster Woche in den Notbetrieb zu schicken. Weil das Land diesem Punkt noch nicht zugestimmt hat, ist noch nicht klar, ob der Notbetrieb wirklich kommen wird. Sollten sich Land und Kreis am Wochenende auf eine Notbetreuung einigen, würden Eltern erst am Wochenende erfahren, ob ihr Kind am Montag in die Kita gehen darf.

Am Freitag liefen bereits de Telefone in mancher Kita heiß: Eltern wollten wissen, wer ab Montag seine Kinder bringen darf und ob die Notbetreuung wirklich eingeführt wird. Am Abend dann die Klarheit darüber, dass es vor dem Wochenende keine Klarheit geben wird. Eltern müssen weiter warten und hoffen.

Kommt die Notbetreuung tatsächlich, dürfen nur noch Eltern in systemrelevanten Berufen – wie zum Beispiel Pflegepersonal – ihre Kinder in die Betreuung bringen. Alle anderen müssten in kürzester Zeit eine Betreuung organisieren.

Notbetreuung bei den Großeltern wäre kontraproduktiv

Was das für Familien bedeuten würde, weiß der Kamener Familienvater Florian Reichel. Er und seine Frau Rebecca haben zwei Kinder: Der fünfjährige Jonah besucht eine Kita in Kamen, die zweijährige Sofie wird aktuell von Reichels Schwiegereltern betreut und kommt im Sommer in den Kindergarten.

Würde Jonah ab nächster Woche zu Hause bleiben, wäre der Alltag der Familie völlig durcheinandergewirbelt. „Das ist nicht so einfach für Eltern, die beide arbeiten“, sagt der Familienvater.

Er habe das Glück, dass sein Arbeitgeber sehr flexibel sei. Er könne zum Teil abends arbeiten oder im Homeoffice. Doch so geht es nicht allen Eltern. Wo möglich, müssten Eltern auf die Zustimmung des Arbeitgebers hoffen, im Homeoffice arbeiten zu dürfen.

„Und die, die keinen Computerjob haben, müssen gucken, wie sie es regeln. Viele Eltern bringen die Kinder zu Oma und Opa“, weiß Reichel. Doch nicht alle Großeltern seien geimpft und eigentlich sollten die vulnerablen Gruppen ja geschützt werden. „Da macht es keinen Sinn, dass die älteren Menschen auf die jüngeren aufpassen“, kritisiert er.

Eltern der Kitakinder sind unterschiedlicher Meinung

Er hinterfragt die Corona-Maßnahmen und wünscht sich eine kontroversere Diskussion, in der mehr Faktoren berücksichtigt werden. „Ich verstehe, dass Schließungen in Zeiten hoher Inzidenzen sinnvoll sein können. Aber ich frage mich, ob es so sinnvoll ist, Kindergärten zu schließen, wenn die positiven Fälle vielleicht woanders auftauchen.“

Florian Reichel und seine Frau Rebecca mit den beiden Kindern Jonah und Sofie. © privat © privat

Unter den Eltern gebe es durchaus unterschiedliche Meinungen. „Es gibt Eltern, die sagen, dass es nicht zielführend ist. Andere sagen, dass wir da jetzt durchmüssen“. Die einen sind kritisch, die anderen wollen auf Nummer Sicher gehen. In Whatsapp-Gruppen diskutieren die Eltern laut Reichel meist sachlich und bringen auch Studien an. „Das finde ich gut.“

Für Reichel sind der Ernst der Lage und die Fall- und Sterbezahlen unbestritten. „Die Fallzahlen und die Bettenbelastung sind ein Thema. Aber die Alltagstauglichkeit muss auch gegeben sein. In vielen Fällen schießt man über das Ziel hinaus“, findet er.

Der Familienvater wünscht sich einen genaueren Blick auf den Ursprung der positiven Fälle. Nur durch ein Monitoring könnten passgenaue Maßnahmen entschieden werden: Sei etwa ein Seniorenheim, eine Kita, eine Schule oder ein Betrieb betroffen, dann könne man nur die betroffene Firma oder Einrichtung schließen.

Bei den Corona-Maßnahmen sollten nicht nur Inzidenzen zählen

Er findet, dass die Maßnahmen nicht nur auf Grundlage der Inzidenzen beschlossen, sondern auch andere Faktoren mit einbezogen werden sollten – wie zum Beispiel der R-Wert oder die Bettenbelegung in den Krankenhäusern.

In einer kleinen Stadt könnten schon positive Fälle in nur einem Betrieb dafür sorgen, dass die Inzidenz nach oben schießt. „Man sollte dann nur den einen Betrieb schließen und nicht den ganzen Kreis. Davon wären gleich Tausende Eltern betroffen.“

Die Notbetreuung wäre nicht nur für Eltern, sondern auch für die Kinder belastend, wie Reichel schon erlebt hat. Für Jonah sei es zu Hause zwar schön, aber ihm hätten das Umfeld und die Kontakte in der Kita gefehlt. „Wenn er in die Kita gehen darf, ist er ausgeglichener“, sagt der Vater, der jetzt wie so viele Eltern bangen muss.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
Zur Autorenseite
Claudia Pott

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.