„Geistigen Tiefflug beenden?“: Bürgermeister Risthaus reagiert mit Brief an „Angie“

dzGrüne fordern Klimanotstand

Die Grünen in Ascheberg fordern, dass die Gemeinde den Klimanotstand ausruft, um die Klimaziele zu verfolgen. Bürgermeister Bert Risthaus reagiert mit einem humoristischen Brief an Merkel.

Herbern, Ascheberg

, 04.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Münster hat bereits den Klimanotstand in der Stadt ausgerufen. Das fordert nun auch Hubert Beckmann für die Gemeinde Ascheberg. In einer Beschlussvorlage an den Rat beauftragt der Politiker der Grünen einen entsprechenden Punkt auf die Tagesordnung der Gemeinderatssitzung am Dienstag, 9. Juli, aufzunehmen.

„Klimanotstand ausrufen, nicht bewältigen“

Darauf reagiert Bürgermeister Dr. Bert Risthaus in einem humoristischen Brief, der an Bundeskanzlerin Angela Merkel (als „Angie“ angeredet), Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer („Andie“) und Youtuber Rezo gerichtet ist. Er beschreibt seinen Brief vorab als „Hilfegesuch“.

Risthaus erklärt, dass Ascheberg nicht wie andere Städte oder Gemeinden dem Klimanotstand ausrufen will, sondern ihn bewältigen will. „Es ist ein fiktiver Brief in humorvoller Weise, der meine Befindlichkeit zum Thema Klimaschutz beschreibt“, erklärt Dr. Bert Risthaus und weiter: „Es muss schon komisch daherkommen - sonst hört keiner zu.“

Notstand ist ein „Unsinn“

Er reagiert mit dem Schreiben auch auf die Vorwürfe von Hubert Beckmann, der ihn sicherlich verärgert hat. „Ich bin nicht dagegen, auf das Thema Klimaschutz und Klimaschutzfolgemaßnahmen aufmerksam zu machen. Wir können aber nicht so tun, als ob noch nichts getan wurde. Wir sind schon längst dabei. Aber wir können noch besser werden“, so der Bürgermeister.

Deshalb halte er es für „Unsinn“, plötzlich den Notstand auszurufen. Zumal man in der Vergangenheit bereits viel für das Thema getan hätte. Er schildert dabei auch die Entwicklung zum geplanten Bürgerwindpark. In die Pläne habe man viel Arbeit hineingesteckt, die allerdings durch das Veto des Bundes gescheitert seien.

Sacharbeit, statt Palaver

„Wenn Hubert Beckmann, der zu der Zeit noch gar nicht im Rat war, behauptet, dass wir nichts gemacht hätten, dann ist das Unsinn“, sagt Risthaus. Er lädt den Grünen-Politiker indes ein, Sacharbeit für das Thema zu leisten. „Es geht nicht darum, ein paar Schlagwörter aus dem Internet zu suchen und dann den Notstand auszurufen. Das ist keine Ratsarbeit. Das ist nur Palaver.“

Hubert Beckmann fordert den Bürgermeister öffentlich dazu auf, aufzuzeigen, wie die Politik zum Klimawandel steht, welche Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt und zur lokalen Reduktion des Plastikmülls geplant sind und wie die Ökoregion Ascheberg umsetzbar ist.

Bürgermeister informiert über seine Zukunft

Das Thema Klimaschutz wird in jedem Fall ein Thema bei der nächsten Gemeinderatssitzung werden. Dort will Bürgermeister Risthaus aufzeigen, welche Maßnahmen bereits getroffen wurden. Am Mittwoch, 5. Juni, stellt er etwa die Erweiterung des Regenrückhaltebeckens in Herbern und weitere Maßnahmen als Reaktion auf Starkregen vor. Dies seien Investitionen von rund 1,7 Millionen Euro. Dann möchte er auch darüber informieren, ob er als Bürgermeisterkandidat zur Kommunalwahl im Herbst 2020 antreten möchte.

Der Ansatz von Hubert Beckmann dazu: „Vielleicht sollten Sie à la Frau Nahles in die Meditation gehen, und ihre Vorschläge überdenken. Noch ist Zeit!“ Das möchte Risthaus nicht kommentieren. Nur so viel: „Das ist ganz schlechtes Niveau. Auf das Niveau begebe ich mich nicht.“

Der Brief von Dr. Bert Risthaus im Wortlaut:

Bitte an Bundeskanzlerin Angela Merkel:

Liebe Angie,

mit deiner Hilfe haben wir einen Klimaschutzmanager eingestellt, ein

Klimaschutzkonzept erarbeitet und festgestellt, dass Windkraftanlagen zwar doof

aussehen, aber auch bei uns alternative Energiequellen bieten. Wir haben in

unserem Flächennutzungsplan Zonen für Windenergie dargestellt, passende

Grundstücke gepachtet und einen Antrag auf Erlaubnis zum Bau eines

Bürgerwindparks gestellt.

Leider sind deine Mitarbeiter des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung dagegen,

weil sie glauben, die veraltete Technologie des Drehfunkfeuers Albersloh werde zu

stark gestört. Deshalb dürfen wir in unserer Gemeinde keine einzige Windkraftanlage aufstellen. Den Klimaschutz haben deine Leute also gar nicht auf dem Radar.

Könntest du diesen geistigen Tiefflug bitte beenden lassen? Als kleines Dankeschön

würden wir statt eines weiteren Ehrendoktorhutes unseren Hauptbahnhof nach dir

benennen.

Bitte an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer:

Hallo Andie,

unsere Regionalbahn 50 „Der Lünener“ wirst du als nicht mehr ganz so neuer

Bundesverkehrsminister sicher schon kennen. Das ist der Zug, der einmal pro

Stunde auf der eingleisigen und maroden Strecke zwischen Münster und Dortmund pendelt. Unsere Jahre währenden Forderungen nach einem Ausbau der Strecke um ein zweites Gleis füllen bei dir und bei uns ganze Aktenschränke oder zig Giga- - ach was - Petabyte Speicherplatz auf deiner Festplatte, falls du schon digital arbeitest.

Deine Leute im Verkehrsministerium tun sich mit dem Ausbau der Strecke echt

schwer. Wenn du aber die drohenden Klimaschädenfolgekosten berücksichtigst,

dann wirst du sehen, dass das in einen Ausbau investierte Geld gut angelegt ist.

Sogar viel besser als in die Förderung von E-Autos, denn die erhöht den

Individualverkehr und den Ressourcenverbrauch für die Herstellung und Wartung der vielen neuen Fahrzeuge. Könntest du bitte deine Mannschaft auf das richtige Gleis setzen und bald schon mit dem Ausbau beginnen?

Bitte an Youtuber Rezo:

Hey Rezo,

zugegeben, wir sind nicht so fit in Social Media wie du. Dafür kümmern wir uns täglich um unsere Mitmenschen. Wir schaffen Gemeinschaft und zerstören sie nicht!

Die Anliegen sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die hier leben:

- Wir sorgen für Gewerbeflächen, damit Arbeitsplätze entstehen und erhalten

bleiben. Und das mit Erfolg, denn wir haben seit Jahren die niedrigste

Arbeitslosenquote in ganz Nordwest-Deutschland.

- Wir kümmern uns um Wohnraum. Wir akzeptieren, dass wir dabei Tiere und

Pflanzen schützen müssen. Deshalb müssen wir den Leuten manchmal

erklären, dass wir erst einmal für einige Vogelpaare ein neues Zuhause finden

müssen, bevor die Menschen ihr Nest bauen können.

- Wir investieren in unsere Schulen und bauen eine neue KiTa nach der anderen.

- Wir wandeln öffentliche Grünflächen in Insektenweiden um.

- Und wir haben das gesamte Gemeindegebiet mit Glasfasern vernetzt. Deine

YouTube-Videos können wir uns jetzt an jeder Milchkanne anschauen.

Die Kommunikation im Internet wollen wir lernen. Könntest du uns zwischenzeitlich

bitte mit einem coolen Video unterstützen?

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