Kunden der Tafel müssen sich bis zur Wiedereröffnung noch gedulden

dzAscheberger Tafel

Die Ascheberger Tafel versorgt 170 Bedarfsgemeinschaften mit Lebensmitteln. Wegen der Corona-Krise sind die Ausgabestellen in Ascheberg und Herbern geschlossen. Und das bleibt auch noch eine Weile so.

Ascheberg

, 25.04.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei Ibrahim, Regine oder auch bei Jessie und ihren fünf Kindern ist frisches Obst und Gemüse zurzeit Mangelware im täglichen Speiseplan. Seit vielen Jahren gehört der wöchentliche Einkauf bei der Ascheberger Tafel dazu, um die Haushaltskasse zu entlasten. Seit gut sechs Wochen haben die beiden Ausgabestellen der Ascheberger Tafel an der Nordweststraße und in Herbern an der Südstraße aufgrund der Corona-Pandemie allerdings geschlossen.

Die rund 50 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Ascheberger Tafel versorgen rund 170 Bedarfsgemeinschaften mit haltbaren und frischen Lebensmitteln, die von den örtlichen Einzelhändlern gespendet werden. Deutschlandweit sind rund 26 Prozent der Senioren, die auf die sogenannte Aufstockung zur Rente angewiesen sind, Kunden der über 940 Tafeln. In Ascheberg ist die Tafel für Rentnerin Regine (69) überlebensnotwendig.

Ihre kleine Rente wird durch die Gemeinde aufgestockt. Trotzdem liegt der Betrag, den die ehemalige selbständige Gastwirtin monatlich zur Verfügung hat, deutlich unter 1.000 Euro. Nach Abzug aller Kosten bleiben gerade einmal 2,25 Euro für den täglichen Bedarf.

Gleichzeitig Tafel-Kundin und -Helferin

„Da sind keine großen Sprünge drin. Eigentlich noch nicht einmal kleine, aber ich bin daran gewöhnt und dankbar, dass es die Tafel gibt“, sagt sie. Rund 95 Prozent ihres Lebensmittelbedarfes deckt der Einkauf bei der Tafel ab. Jeden Montag, Dienstag und Donnerstag hilft sie zudem selbst ehrenamtlich bei der Tafel: „Zuhause fällt einem ja sonst die Decke auf den Kopf.“

Vor gut 20 Jahren war die heute 69-Jährige von Bayern nach Ascheberg gezogen und hat hier bis zu ihrer Rente in verschiedenen Gaststätten und Imbissen gearbeitet. „Aber irgendwann wollen einen die Leute nicht mehr, weil man zu alt ist. Das ist jetzt einfach so und Selbstmitleid hilft nicht weiter.“

Auch die alleinerziehende Jessie ist Tafel-Kundin.

Auch die alleinerziehende Jessie ist Tafel-Kundin. © Claudia Hurek

Auch für Ibrahim (33), seine Ehefrau und die beiden Kinder (3 und 9 Jahre) ist der Einkauf bei der Ascheberger Tafel eine große Unterstützung. Vor rund zwei Jahren waren sie aus der Türkei nach Deutschland geflohen. „Die politische Situation ließ uns keine andere Möglichkeit“, so der Lehrer, der sechs Jahre an einer Privatschule in der Türkei unterrichtet hat.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau, einer Sozialarbeiterin, lernt er fleißig Deutsch. Beide wollen unbedingt so schnell wie möglich in ihrer neuen Heimat Ascheberg wieder arbeiten. „Leider wird mein Studium hier nicht anerkannt und ich müsste hier noch einmal von vorne anfangen“, sagt Ibrahim.

Auf der Suche nach einem dauerhaften Job

Für Hilfsarbeiterjobs ist der Sprachabschluss B1 notwendig, den die Eheleute bereits in der Tasche haben. „Aber wir möchten dauerhaft einen richtigen Job haben, der uns ernähren kann und damit wir vielleicht auch mal in den Urlaub fahren können.“ Zurzeit besuchen sie den B2-Sprachkurs, der notwendig für eine eventuelle Ausbildung ist. Ihren Lebensunterhalt finanziert die kleine Familie momentan mit Hilfe des Jobcenters.

Ibrahim, der bereits in seiner früheren Heimat Türkei einige Hilfsorganisationen ehrenamtlich unterstützt hat, ist seit einem Jahr auch für die Ascheberger Tafel tätig: „So wollen wir unsere große Dankbarkeit zeigen. Und so ganz ohne Arbeit ist es für mich auch sehr schwer.“

„Der Einkauf bei der Tafel tut im Kopf nicht so weh, da ich mir hier nicht so viele Gedanken machen muss, ob wir uns das wirklich leisten können.“
Tafelkundin Jessie

Für die alleinstehende Jessie (35) und ihre fünf Kinder (zwischen 3 und 12 Jahren) bietet der Einkauf bei der Tafel die Möglichkeit, auch mal etwas zu probieren, was sie im Supermarkt aufgrund eines zu hohen Preises nicht kaufen könnten. „Gerade bei frischem Obst und Gemüse sind die Preise ja oftmals so hoch, dass unsere Haushaltskasse das einfach nicht hergibt. Der Einkauf bei der Tafel tut im Kopf nicht so weh, da ich mir hier nicht so viele Gedanken machen muss, ob wir uns das wirklich leisten können“, sagt Jessie.

Von der Familie oder Freunden erhält die junge Mutter kaum Unterstützung. „Das will ich auch gar nicht. Ich habe in meinem Leben schon immer lieber alles alleine geregelt.“ Ihren Lebensunterhalt bestreitet Jessie, die gerne ihren Schulabschluss nachholen würde, um dann eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten zu starten, durch Hartz 4. „Anders ist das momentan noch nicht machbar.“

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Beide Ausgabestellen der Ascheberger Tafel liegen etwas abseits der Einkaufsstraßen, was für die Kunden deutlich angenehmer ist. „Man ist hier dann nicht so auf dem Präsentierteller“, sagt Jessie. „Für viele Menschen ist ja ein Einkauf bei der Tafel immer noch gleichbedeutend mit ‚asozial‘. das ist sehr schade. Jeder kann schnell in eine Situation geraten, in der er auf Hilfe angewiesen ist.“

Auch Hanna Schlinge, die sich neben ihrer ehrenamtlichen Arbeit für die Tafel noch um das angeschlossene Kleiderstübchen kümmert, ist dankbar, dass die Tafeln Menschen versorgen können, denen es nicht so gut geht. „Trotzdem werden immer noch viel zu viele Lebensmittel vernichtet, die bedürftigen Personen helfen könnten.“ Für Rentnerin Regine ist Hannas Kleiderstübchen der einzige „Modeladen“ den sie sich leisten kann. Denn: „Für ein T-Shirt 10 Euro auszugeben, ist für mich undenkbar.“

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Wiedereröffnung und Sicherheitsmaßnahmen

  • Am 7. Mai startet die Tafel wieder mit der Ausgabe. In Ascheberg in der Zeit von 11 bis 16 Uhr und in Herbern von 13 bis 14 Uhr.
  • Sowohl für die ehrenamtlichen Mitarbeiter als auch für die Kunden sind die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen und hygienisch sinnvollen Maßnahmen getroffen. Die Ausgabe erfolgt am Fenster. Mitarbeiter und Kunden sind durch zusätzliches Plexiglas sowie Schutzmasken geschützt.
  • Da die Tafel in den vergangenen Wochen kein frisches Obst und Gemüse annehmen durfte und die geplante Kaufaktion 2 für 1 aufgrund der Corona-Krise nicht stattfinden kann, sind die Regale leer. Hier bittet Hanna Schlinge die Einzelhändler schon jetzt um großzügige Lebensmittelspenden.
  • Gemeinsam mit den Helfern hat man sich zudem eine spontane Aktion überlegt: „Menschen, die uns unterstützen möchten, haben am Montag, 27. April, die Gelegenheit haltbare Lebensmittel direkt und kontaktlos an der Ausgabe in Ascheberg an der Nordweststraße abzugeben. In der Zeit von 10 bis 12 Uhr sind ehrenamtliche Helfer vor Ort, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen“, sagt Schlinge.
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