„Du wirst immer wie ein Flüchtling behandelt. Diese Gedanken machen dich fertig“

dzMenschen auf der Flucht

Sie waren Fremde im Iran, gingen durch die Hölle, landeten in Ascheberg: „Flüchtling – ein schreckliches Wort.“ Marzi, Rassul und Kobra wissen aber, dass sie das noch lange bleiben werden.

Ascheberg

, 15.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Marzi (21), ihr Bruder Rassul (23) und seine Frau Kobra (21) gehören zu den hilfesuchenden Menschen, die 2015 – im Rekordjahr der Flüchtlingskrise – sprichwörtlich durch die Hölle gegangen sind, um in einem fremden Land auf eine lebenswerte Zukunft zu hoffen.

„Wir sind schon unser Leben lang Flüchtlinge“, erzählt Marzi. „Wir sind eigentlich Afghanen, aber im Iran geboren und aufgewachsen. Dort wurden wir ebenso wie Flüchtlinge behandelt, wie jetzt hier in Deutschland. Du wirst dort nie Iraner und wirst immer wie ein Flüchtling behandelt. Diese Gedanken machen dich fertig.“ Die drei sind „entwurzelt“, Flüchtlinge in der zweiten Generation.

„Während der Flucht denkt man überhaupt nicht. Es ist wie ein ‚Muss‘, ganz egal, wie es ausgehen wird.“
Marzi (21)

Aufgewachsen mit drei weiteren Schwestern und einem Bruder im Iran, durften Marzi und Rassul als dort lebende Flüchtlinge keine Schule besuchen; unterrichtet hat sie der Vater zu Hause. Schon früh mussten sie arbeiten, um den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern.

Als sich die politische Lage drastisch verschlechterte, verkaufte der Vater das gesamte Hab und Gut, um Marzi, Rassul und Frau Kobra sowie einem weiteren Bruder, der inzwischen in Dülmen lebt, die Flucht zu ermöglichen. „Wir hatten zu dem Zeitpunkt der Flucht noch keine Ahnung, wo wir landen“, sagt Marzi.

Lediglich mit einem Rucksack voller Kleidung ging es vom Iran über die Türkei nach Griechenland und dann weiter nach Deutschland. Über die vierwöchige Flucht sprechen sie nicht gerne – die schrecklichen Erlebnisse seien noch immer sehr präsent. Marzi: „Das werden wir auch niemals vergessen können. Während der Flucht denkt man überhaupt nicht. Es ist wie ein ‚Muss‘, ganz egal, wie es ausgehen wird.“

Ausbildung zum Metallbauer

Über Köln sind die jungen Menschen dann zuerst für drei Monate nach Ascheberg, dann nach Forsthövel gekommen, um später doch wieder in Ascheberg zu landen.

Marzi besucht zurzeit die zehnte Klasse des Richard-von-Weizsäcker-Berufskollegs in Lüdinghausen. Sie möchte später gerne Produktdesignerin werden. Bruder Rassul arbeitet in Nordkirchen und beginnt dort ab Sommer eine Ausbildung zum Metallbauer. Seine Frau Kobra kümmert sich um die Erziehung von Söhnchen Johannes.

Familienleben auf 15 Quadratmetern

Während Marzi bereits ein Bleiberecht für Deutschland hat und in einer eigenen Wohnung lebt, sind Bruder Rassul, Ehefrau Kobra und Sohn Johannes nur geduldet. Beide wohnen zusammen mit zwölf anderen Geflüchteten in einem ehemaligen Einfamilienhaus: Das Zimmer für die kleine Familie ist rund 15 Quadratmeter groß und bestückt mit einem Bett, einem Schrank, zwei kleinen Sesseln, einem Tisch und einer Wiege für Johannes.

Bedingt durch die vorhandene Dachschräge, können sie auf gerade einmal vier Quadratmetern aufrecht stehen. Besuch zu empfangen ist fast unmöglich; es sei denn, sie nutzen das Bett als Sitzgelegenheit. Bad und Küche sind Gemeinschaftsräume.

Im Sozialkaufhaus ausgeholfen

Die drei jungen Menschen sind Maria Schumacher von der Flüchtlingshilfe St. Lambertus besonders ans Herz gewachsen. „Alle drei haben von Beginn an im Sozialkaufhaus mitgeholfen, ganz ohne irgendwelche Sprachkenntnisse. Das hat trotzdem gut funktioniert. Rassul hat geholfen, die Fahrräder zu reparieren und die beiden Mädels haben die Kleidung sortiert.“

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Gut ein Jahr hat es gedauert, bis sie sich dank Förderunterricht einigermaßen verständigen konnten. „Ich habe an der Schule jetzt eine großartige Lehrerin und eine Sozialarbeiterin. Zu ihnen kann ich mit allen Fragen und Sorgen gehen“, so Marzi.

Zu ihren Hobbys gehören das Malen, die Musik und das Tanzen; Bruder Rassul beschäftigt sich in seiner Freizeit mit dem Computer. Er würde auch gerne Tennis spielen. „Aber dafür müsste ich in einen Verein und das ist bei meinem Gehalt einfach noch nicht möglich.“

Der größte Wunsch: „Die Eltern wiedersehen“

Die drei sind ohnehin viel unter sich. „Freundinnen habe ich leider keine. Auch hier werden wir für die nächsten Jahre immer noch Flüchtlinge – ein schreckliches Wort – bleiben. So richtig will mit uns keiner was zu tun haben“, sagt Marzi.

Auf die Frage nach ihrem größten Wunsch für die Zukunft sagt sie ganz leise: „Meine Eltern wiedersehen.“ Für Bruder Rassul, ihre Schwägerin Kobra und ihren Neffen Johannes ist die Zukunft noch ungewiss, noch nicht absehbar. „Das belastet sehr“, sagt Kobra. „Aber wir sind voller Hoffnung.“

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