Angeklagter im Missbrauchsprozess: „Ich muss mich nicht entschuldigen“

dzLandgericht Münster

Vier Jahre lang haben sie sich praktisch nicht mehr gesehen. Jetzt trafen Vater und Tochter vor Gericht aufeinander – ausgerechnet in einem Missbrauchsprozess. Und inklusive einer Marathon-Vernehmung.

Ascheberg

, 20.08.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das war kein leichter Gang. Im Missbrauchsprozess am Landgericht Münster gab es am Donnerstag (20. August) ein Wiedersehen, auf das alle Beteiligten in dieser Form sicherlich gerne verzichtet hätten. Rund vier Jahre haben sich Vater und Tochter praktisch nicht mehr gesehen. Nun trafen sie vor Gericht aufeinander - er als Angeklagter, sie als mutmaßliches Opfer.

Es war viertel nach neun, als die heute 20-Jährige den Gerichtssaal betrat. An ihrer Seite war eine psychosoziale Prozessbegleiterin – zur emotionalen Unterstützung. Beide hatten bis zuletzt in einem separaten Zimmer gewartet, um nicht schon vor Prozessbeginn auf den Angeklagten zu treffen, der weiter auf freiem Fuß ist. Um sich auf ihre Vernehmung vorzubereiten, war die 20-Jährige schon am Montag ein erstes Mal nach Münster gefahren. Dort hatte sie sich den Gerichtssaal angesehen und die Sitzordnung erklären lassen.

Stundenlange Vernehmung hinter verschlossenen Türen

Als es nun am Donnerstag soweit war, machte sie einen gefassten Eindruck. Für ihren Vater, der sie erst in Ascheberg und später in Drensteinfurt und im Sauerland immer wieder sexuell missbraucht haben soll, hatte sie keinen Blick übrig – höchstens aus den Augenwinkeln. Ob sie denn überhaupt aussagen wolle, wurde sie von Richter Matthias Pheiler gefragt. Schließlich stehe ihr ein sogenanntes Zeugnisverweigerungsrecht zu. Kein Kind müsse gegen seinen eigenen Vater aussagen. Die Antwort war klar und deutlich: „Doch, ich möchte aussagen.“

Was folgte, war eine Marathon-Vernehmung, die erst gegen 14.30 Uhr beendet war. Zuhörer waren dabei allerdings nicht mehr erlaubt. Weil es um mutmaßlich schwere Missbrauchstaten und damit um den Intimbereich der 20-Jährigen geht, wurde die Öffentlichkeit auf Antrag von Anwältin Gabriele Martens ausgeschlossen. Später wurde allerdings bekannt, dass die Tochter ihren Vater schwer belastet und den Richtern ganz erhebliche Missbrauchstaten geschildert haben soll.

Audio-File bringt Angeklagten nicht aus der Ruhe

Der Angeklagte selbst hatte die Vorwürfe gleich zu Prozessbeginn bestritten. Auch eine Tonaufnahme, die von der Tochter heimlich aufgenommen worden sein soll, brachte den 58-Jährigen nicht aus der Ruhe. „Ich will das nicht mehr“, soll darauf sinngemäß zu hören sein. Und dann die Antwort: „Warum? Hast Du mich nicht mehr lieb?“

Noch vor der Vernehmung seiner Tochter, sagte der Angeklagte dazu nur: „Ich habe sicherlich versucht, sie in den Arm zu nehmen. Aber ich muss mich ja nicht dafür entschuldigen, dass ich meine freie Zeit mit meinen Kindern verbringe.“

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