Dr. Leonhard Martin ist fasziniert vom Schloss in Nordkirchen. Mit seinem Interesse für Architektur uns der Sorge vor der deutschen Energie-Politik stellt er sich im Wahlkreis Coesfeld-Steinfurt II für die AfD für den Bundestag zur Wahl. © Julian Preuß
Bundestagswahl 2021

AfD-Kandidat balanciert zwischen Schloss-Faszination und Energie-Sorge

In Nordkirchen hat Dr. Leonhard Martin (60) seinen Lieblingsort gefunden. In Berlin möchte sich der AfD-Bundestagskandidat im Wahlkreis Coesfeld-Steinfurt II weiter für Kern-Energie einsetzen.

Von seinem Wohnort Emsdetten ist Dr. Leonhard Martin etwa eine Stunde in seinem Volvo nach Nordkirchen gefahren. Bekleidet mit einem dunkelblauen Anzug mit roter Krawatte läuft er auf die Freitreppe am Schloss Nordkirchen zu. Gerne trage er einen Anzug: „Darin fühle ich mich wohl.“ In der Hand hält der Ingenieur einen Regenschirm. Nieselregen, herbstliche Temperaturen und Windböen machen an diesem Vormittag einen Spaziergang durch den Schlosspark zu einem zweifelhaften Vergnügen.

Eigentlich wollte Martin den Interviewtermin am letzten Tag der Sommerferien am Schloss Nordkirchen zu einem Familienausflug nutzen. Wegen des Wetters habe der vierfache Vater seine Frau und seine Kinder nicht mitgebracht. „Ich hätte meinem siebenjährigen Sohn gerne das Schloss gezeigt“, sagt Martin mit Blick auf die barocke Schlossanlage.

Burgen und Schlösser begeistern den Kunst-Interessierten

Von Zeit zu Zeit unternehme der 60-Jährige gerne solche Ausflüge – auch, um viel Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Burgen und Schlösser begeistern den Kunst-Interessierten, wie er sich selbst bezeichnet. Die Faszination für Kunst und Architektur stamme noch aus seiner Studienzeit in St. Petersburg, sagt Martin. Etwa 1100 Kilometer trennen die russische Millionenstadt von seinem Geburtsort Sewerodwinsk, der direkt am Weißen Meer liegt.

Aus der Nähe zum Wasser habe sich ebenfalls Martins Interesse für Schiffsmaschinen entwickelt. Noch heute arbeitet er unter anderem in diesem Bereich als Geschäftsführer zweier Unternehmen im industriellen Anlagenbau, beide beheimatet in Emsdetten. Die 35.000-Einwohner-Stadt im nördlichen Münsterland ist mittlerweile zu seiner Heimat geworden.

Martin: „Wollten zurück in die alte Heimat“

1996 kam Martin von Russland nach Deutschland. „Wir wollten zurück in die alte Heimat der Familie“, sagt er. Die Urgroßeltern wären aus dem Süden Deutschlands gekommen. Und die nähere Verwandtschaft sei in Nordrhein-Westfalen (NRW) beheimatet.

Doch das Land habe sich seit 2015 verändert, meint Martin. „Seitdem ist Deutschland nicht mehr das Deutschland, in das wir eingereist sind“, sagt er. Deshalb habe er sich politisch engagieren wollen. Im März 2018 fiel seine Wahl auf die Alternative für Deutschland (AfD). Seit November 2020 sitzt er im Kreistag im Kreis Steinfurt. Außerdem ist er Mitglied in verschiedenen Beiräten und Ausschüssen.

Politiker fordert schnelle Bearbeitung der Asylanträge

Klarstellen möchte Martin, dass die AfD prinzipiell nichts gegen Menschen mit Migrationshintergrund habe. „Ich habe schließlich auch ausländische Wurzeln. Aber es gibt zu viele Wirtschaftsasylanten. Das ist ein Rechtsbruch“, sagt er. Mit Blick auf die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan geht der Politiker davon aus, dass weitere Geflüchtete nach Deutschland kommen wollen. Diesbezüglich fordert er eine flexiblere Bürokratie: „Deutschland muss schneller auf Asylanträge reagieren.“

Über die Nachrichten-App Upday informiere sich Martin über das dortige Geschehen und die Ereignisse in Deutschland und der Welt. Eine Zeitung habe er nicht abonniert. „Mich interessiert die Lokalzeitung vor Ort nicht. Beispielsweise finde ich die Sportergebnisse uninteressant“, sagt er.

Journalismus ist genauso wichtig wie Politik

Dennoch sei Journalismus mindestens genauso wichtig wie Politik. „Ohne Journalisten wüssten die Menschen gar nicht, was die Politiker machen“, sagt Martin. Daher könne man beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gut lesen.

Ein medial präsentes Thema ist gegenwärtig der Klimawandel, damit verbunden auch der Umweltschutz sowie die Abkehr von Atomkraftwerken hin zu erneuerbaren Energien. Viele der Regierungsparteien fordern im Wahlkampf den Ausbau von Anlagen, um beispielsweise aus Sonnen- und Windenergie Strom zu erzeugen.

„Deutschland braucht eine konstante Stromversorgung“

Ein Fehler, findet Martin. Er setzt sich für den Erhalt und den Neubau von Kern- und Gaskraftwerken ein. „Ich bin ein Techniker. Deutschland braucht eine konstante Stromversorgung für die Industrie. Das geht nur mit Kern- und Gaskraftwerken“, sagt Martin. Zu unsicher sei die Versorgung durch Wind- und Sonnenenergie. Die Stromfrequenz könne absacken.

„Wozu das führen kann, haben wir Anfang des Jahres beobachten können. Da stand Europa kurz vor einem Blackout“, erklärt Martin. Als Blackout bezeichnet man einen großflächigen Stromausfall. Am 8. Januar 2021 sei es in Europa fast soweit gekommen, berichtete beispielsweise auch die Süddeutsche Zeitung (SZ).

„Die Energiepolitik in Deutschland macht mir Sorgen“

Sinnvoll seien Solaranlagen nur für den Eigenbedarf privater Haushalte. Um einem Blackout vorzubeugen, müsse verhindert werden, dass Strom aus erneuerbaren Energien in das flächendeckende Stromnetz eingespeist wird. „Die Energiepolitik in Deutschland macht mir Sorgen“, sagt Martin zusammenfassend.

Deshalb soll dieser Themenbereich ein Schwerpunkt bilden, sollte Martin nach der Wahl am 26. September für den Wahlkreis Coesfeld-Steinfurt II in den Bundestag einziehen. Obwohl zwei seiner Söhne in der Bundeshauptstadt leben und arbeiten, würde er nicht dorthin ziehen. „Berlin als Stadt begeistert mich nicht“, sagt er. Denn seinen Lieblingsplatz hat er schon gefunden: Das Schloss Nordkirchen mit seinem Park. Ein märchenhafter Bau, auch bei Nieselregen.

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