Das Coronavirus sorgt für viele Situationen, die wir uns nicht vorstellen konnten. Auch der Abschied von einem Sterbenden kann dazu gehören. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Zweiter Corona-Todesfall in Haltern – Angehörige: „Es ist grausam“

In der Statistik tauchen sie als Fälle auf. Die Angehörige eines neuen Corona-Verstorbenen in Haltern berichtet über das Sterben in der Pandemie.

In Haltern ist ein weiterer Corona-Todesfall zu beklagen. Am Dienstag (22. Dezember) starb ein 86-Jähriger Halterner im St. Sixtus-Hospital an den Folgen einer Covid-19-Infektion. Sein Tod wird in den amtlichen Mitteilungen des Kreises Recklinghausen noch nicht erwähnt.

Doch was sagt uns auch die Statistik? Sie erzählt nichts vom Sterben im sterilen Krankenzimmer zwischen Schutzausrüstung und Desinfektion. „Es ist grausam“, sagt die Tochter des Verstorbenen über das Abschiednehmen unter diesen Umständen. Zeit zum Trauern hat sie nicht, denn seit Heiligabend (24. Dezember) liegt auch ihre Mutter (76) im Halterner Krankenhaus, die ebenfalls an Corona erkrankt ist.

„Corona ist kein Witz“

„Im Moment funktioniere ich nur. Ich fühle mich wie in einem Science-Fiction-Film, aber die Horrorversion“, sagt ihre Tochter und führt aus: „Wir sind das beste Beispiel dafür, dass Corona kein Witz ist.“ Ihr gehe es nicht darum, Aufmerksamkeit oder gar Mitleid zu erhaschen.

Vielmehr möchte sie an uns alle appellieren, die Gefahren einer Infektion mit dem Coronavirus nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. „Ich möchte die Menschen warnen“, betont sie im Gespräch mit der Redaktion, bei dem zwischendurch auf beiden Seiten Tränen fließen.

Ihr Vater sei vorerkrankt gewesen. Deshalb habe ihre Familie größte Vorsicht walten lassen. „Am 6. Dezember habe ich meine Eltern zum letzten Mal besucht“, berichtet die Halternerin. Zu groß war die Sorge, den Senioren das Virus ins Haus zu tragen. Dann habe sich der Vater doch angesteckt. „Wir vermuten, dass es bei einem Krankenhausaufenthalt in Herne passiert ist“, schildert die Tochter.

Einen Vorwurf verbindet sie mit dieser Aussage nicht, denn niemand könne im Moment sicher sein, vor dem Virus geschützt zu sein.

Die Familie erlebte dramatische Stunden

Als überall in Haltern die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest im vollen Gang waren, erlebte die Familie der erkrankten Senioren dramatische Stunden. Die Tochter durfte ans Sterbebett ihres Vaters eilen und ist den Verantwortlichen im Sixtus-Hospital dafür dankbar. In Schutzausrüstung saß sie acht Stunden an seinem Bett und begleitete ihn beim Sterben.

Es war ein gleichzeitig tröstliche und doch überaus bittere Erfahrung. „Eigentlich hätte auch meine Mutter bei ihm sein müssen“, beschreibt die Halternerin ihre Gefühle. Diese aber lag ebenfalls infiziert zu Hause und musste am Heiligabend eingestehen: „Ich kann nicht mehr.“

Als der Rettungswagen ihren Vater abgeholt habe, sei sie noch schnell zur Wohnung ihrer Eltern gefahren, schildert die Tochter ihre Erlebnisse. „Papa, Du rockst das“, habe sie ihm aus dem Abstand zugerufen. Danach konnte sie nicht mehr mit ihm sprechen. Ihr sei nur noch geblieben, ihn in seinen letzten Stunden nicht allein zu lassen.

Den Vater beim Sterben begleitet

„Ich habe ihn durch die Hände meiner Mutter gestreichelt“, sagt die Halternerin. So weit das durch die doppelten Handschuhe möglich war, die zur Schutzausrüstung auf der Corona-Station gehörten. Erleichternd sei gewesen, dass die Ärzte dafür gesorgt hätten, dass ihr Vater nicht habe leiden müssen.

Es sei Wahnsinn, was die Ärzte und das Pflegepersonal im Halterner Krankenhaus leisten, berichtet die trauernde Angehörige. Diese müssten nicht nur unter Schutzausrüstung arbeiten, sondern seien auch noch mit all dem seelischen Leid konfrontiert, das die Pandemie auslöse.

Nun bangt sie um ihre Mutter, mit der sie bisher nur telefonisch Kontakt haben konnte. Dieser ist dadurch erschwert, dass die Erkrankte Schwierigkeiten beim Sprechen hat und sehr geschwächt ist. „Meine Mutter wird es schaffen, da bin ich mir ganz sicher“, macht sich die Tochter Mut. Noch einen lieben Menschen will sie nicht an das Coronavirus verlieren.

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Silvia Wiethoff

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