Am 30. Januar 1945 ging die „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee unter. Der verstorbene Halterner Prof. Dr. Peter Plath erinnerte sich 2015 an diese Schiffskatastrophe und seine eigene Flucht.

Flaesheim

, 30.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Peter Plath flüchtete als Elfjähriger mit seiner Mutter und Geschwistern aus dem heutigen Polen über die Ostsee. Eigentlich wollte man die Überfahrt auf der „Wilhelm Gustloff“ wagen. Das Schiff in Gotenhafen aber war bereits überfüllt. Deshalb wurden die Flüchtlinge von der ebenfalls mächtigen „Hansa“ aufgenommen.

Gemeinsam fuhren die beiden Schiffe bis zur Halbinsel Hela, der nördlichen Begrenzung der Danziger Bucht. Wegen eines Maschinenschadens wurde die Weiterfahrt der „Hansa“ allerdings gestoppt. Peter Plath erinnerte sich 2015 in einem Gespräch mit der Halterner Zeitung, wie enttäuscht die Insassen der „Hansa“ darüber waren, dass die „Gustloff“ ihre Fahrt einfach fortsetzte.

Die „Hansa“ empfing dann als erste den SOS-Ruf der „Gustloff“, die am 30. Januar 1945 von drei russischen Torpedos getroffen und in die Tiefe gerissen wurde – an Bord waren rund 10.500 Menschen, überwiegend alte Menschen, Frauen und Kinder. Nur wenige überlebten die Katastrophe.

Zum 75. Jahrestag: Erinnerung an den Untergang der Wilhelm Gustloff

Im Zweiten Weltkrieg flüchtete Peter Plath auf einem der letzten Schiffe über die Ostsee. 2015 berichtete der mittlerweile verstorbene Halterner von seinen Erlebnissen. © Archiv Silvia Wiethoff

Die „Hansa“ mit dem kleinen Peter Plath und seinen Angehörigen erreichte wenige Tage später in einem Konvoi verschiedener Schiffe den Hafen von Kiel. Von dort gelangte Peter mit seiner Mutter und zwei Geschwistern, später kamen noch drei weitere hinzu, nach Thüringen. Das Ende des Krieges nahte und das Schlimmste war überstanden.

Zu Beginn der Flucht hatte Peter diese als „Abenteuer“ erlebt. Umzüge hatte die Familie, die zu den Baltikumdeutschen zählte, bereits mehrfach gemeistert. Geboren wurde Peter am 22. August 1933 in Narva/Estland (heute Narwa). Die Stadt ist heute die östlichste der Europäischen Union.

Die Familie Plath fügte sich ihrem Schicksal

Der Vater war Chirurg und HNO-Mediziner und arbeitete als Werksarzt an der Pelzer’schen Tuch- und Leinenfabrik in Iwangorod (heute Deblin). Im November 1938 bekam er eine Stelle als Oberarzt in einem Krankenhaus von Reval (heute Tallin). Die Familie folgte nach.

Doch schon im Herbst 1939 stand der nächste Umzug bevor. Das Naziregime siedelte rund 20000 Deutsche aus Estland um. Die Plaths wurden nach Hohensalza, seit 1939 deutscher Militärbezirk, versetzt (heute Inowrazlaw).

„Als wir dort unsere neue Wohnung bezogen, stand das kalte Mittagessen der polnischen Vorbesitzer noch auf dem Tisch“, schilderte Peter Plath die Ausnahmesituation.

Zuerst habe sich seine Mutter geweigert, die Bedingungen zu akzeptieren. Schließlich musste sie einlenken, denn der Winter war bitterkalt, die beiden Kinder noch klein und das dritte unterwegs. Bis zur Flucht habe die Familie in Hohensalza ein ruhiges Leben gehabt, berichtete Peter Plath. Sein Vater sei der einzige HNO-Arzt im Bezirk gewesen.

Die Kriegseindrücke prägten für das ganze Leben

Die Eindrücke seiner frühen Jugend hätten ihn fürs Leben geprägt. „Wir waren sowohl in Estland als auch in Polen eine Minorität“, sagt Plath. Seine Situation als Umsiedler sei genauso gewesen wie die der Menschen, die aktuell als Flüchtlinge aus Krisengebieten nach Deutschland kommen. Deshalb begleite ihn folgendes Leitmotiv: „Es sind alles Menschen, mit denen wir zusammenleben.“

Für die Nationalsozialisten seien die Baltikumdeutschen stets verdächtig gewesen. Seine Eltern seien deshalb sehr vorsichtig gewesen und hätten sich über bestimmte Dinge nur auf Estnisch ausgetauscht, das die Kinder nicht beherrschten.

Mit der Flucht vor der russischen Armee über die Ostsee ging das „ruhige Kapitel“ Hohensalza jäh zu Ende. Was für den kleinen Peter zunächst als Abenteuer begann, wurde zum Albtraum.

Peter Plath erinnerte sich beispielsweise unter Tränen daran, wie ein Flüchtlingskonvoi von Ausflugsbooten aus Pillau die „Hansa“ erreichte.

Als die Menschen aufgenommen werden sollten, sei die erste Reihe einfach ins Wasser gefallen und in den Fluten veschwunden.

Flüchtlinge erfroren im kalten Winter 1945

Sie waren erfroren und hatten den übrigen Flüchtlingen als Schutz vor der eisigen Kälte gedient. Daran müsse er bei Bildern von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer immer denken, zog Peter Plath vor fünf Jahren eine Parallele zum Weltgeschehen.

Das Kriegsende erlebte er in Unterwirbach/Thüringen. Hier stieß auch der Vater wieder zur Familie, der als Arzt mit Krankenhauspatienten per Militärzug aus Polen evakuiert worden war. 1946 eröffnete dieser in Pößneck/Thüringen eine Praxis.

Wieder folgte ihm die Familie. 1949 tauschten die Amerikaner das Gebiet gegen West-Berlin mit den Russen. Und erneut mussten die Plaths ihre Koffer packen. Peter hatte sich sowieso dazu entschlossen, denn als Mitglied der Jungen Gemeinde wollte ihm das SED-Regime zwar das Abitur, nicht aber das Studium erlauben.

Peter Plath flüchtete in den Westen

Der junge Mann nutzte den Gewinn eines Preisausschreibens einer westdeutschen Zeitung zur Flucht. Er durfte sich über einen Ferienaufenthalt an der Ostsee freuen. Der Leiter vermittelte ihm eine Bleibe bei einem Pfarrer. Auch die Eltern wagten mit den übrigen Geschwistern einen Neuanfang. Über verschiedene Auffanglager gelangten sie schließlich 1952 nach Düsseldorf, wo der Vater eine Praxis zugewiesen bekam.

Erst im Westen „fing das normale Leben an“, blickte Peter Plath zurück. Viele Jahre wirkte er als Professor an der Uni Bochum und als Chefarzt im Prosper-Krankenhaus Recklinghausen. Weil das Familienanwesen in Recklinghausen nach dem Auszug der fünf Kinder zu groß geworden war, hatte sich das Ehepaar Plath einen Ruhesitz in Flaesheim eingerichtet.

„Das Landschaftsbild des Münsterlandes lieben wir beide sehr, und es erinnert immer wieder an die Landschaften im Baltikum und in Polen“, erklärte er. Peter Plath verstarb 2017.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt