Auf Halterner Gebiet gibt es laut Landwirtschaftsministerium zahlreiche nitratbelastete Gebiete. © Landwirtschaftsministerium/Elwas
Landwirte in Sorge

Zu viel Nitrat in Halterner Böden – Landwirte müssen jetzt umdenken

Zum Schutz des Grundwassers vor Nitrat schreibt die neue Düngeverordnung strenge Regeln vor. Die Halterner Landwirte sind besonders betroffen. Verbraucher müssen mit höheren Preisen rechnen.

Eine neue Düngeverordnung regelt seit 2021 neu, in welchen Mengen Landwirte ihre Acker düngen dürfen. Zum Schutz des Grundwassers wurden „rote Gebiete“, in denen die Nitratbelastung besonders hoch ist, in einer sogenannten Gebietskulisse festgelegt. Hier wird der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser überschritten. In Haltern ist das nach Untersuchungen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) in weiten Teilen der Fall. Auf der betreffenden Karte wimmelt es nur so von roten Flecken.

Strenge Regeln also für die hiesige Landwirtschaft. Die Bauern sind in großer Sorge. Und die Verbraucher werden die Folgen wohl zu spüren bekommen.

Vorgabe: 20 Prozent weniger düngen

Seit Januar müssen Landwirte in roten Gebieten 20 Prozent weniger Nitrat-Stickstoff düngen, als die Pflanzen rein rechnerisch benötigen. Landwirt Ludger Winkelkotte hat wenig Verständnis für diese Regelung. „Wir dürfen nun nicht mehr bedarfsgerecht düngen“, klagt der Halterner. Das bedeute zugleich Einbußen bei der Ernte. Diese seien zwar in den ersten Jahren noch nicht so drastisch, weil es zunächst noch Reserven in den Böden gebe. „Langfristig aber leiden die Landwirte unter geringeren Erträgen“, sagt Winkelkotte, der auch Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsverbands Haltern ist.

„Getreide nicht mehr für Backwaren geeignet“

Vor allem aber leide die Qualität der Ernte. „Getreide, das als Backgetreide vermarktet wird, benötigt Protein, um backfähig zu sein“, erklärt er weiter. „Und dieses Protein dürfen wir nun nicht mehr wie bisher ausfahren.“ Für Backwaren sei das Getreide dann nicht mehr geeignet. Durch die geringere Verfügbarkeit wird sich der Backgetreidepreis erhöhen. Somit könnten Backwaren am Ende für alle teurer werden.

Landwirt Ludger Winkelkotte hat wenig Verständnis für die neuen Düngevorgaben. © Jürgen Wolter © Jürgen Wolter

Nach Ludger Winkelkottes Ansicht sind die roten Gebiete in Haltern sehr großflächig angelegt worden. „Das hätte kleinstrukturierter passieren müssen“, kritisiert er. Denn schon wenige 100 Meter von einer Messstelle entfernt könnten die Werte deutlich besser sein. Dazu erklärt das Lanuv: „Eine überschüssige Düngung kann je nach geomorphologischen Verhältnissen das Grundwasser nicht an Ort und Stelle belasten, sondern zu einem Ausschlag an einer entfernt liegenden Messstelle des Grundwasserkörpers führen. All dies wird in den Modellierungen und Berechnungen des Lanuv berücksichtigt.“

Welche Konsequenzen sind aber nun zu ziehen? „Ich bin da ziemlich ratlos“, sagt Ludger Winkelkotte. Der Ortsvorsitzende hofft noch immer auf die Politik: „Die Landwirte so zu gängeln, halte ich nicht für richtig.“

Sandige Böden können Nitrat kaum speichern

Der Spielraum für Landwirte werde „immer knapper“, sagt auch Bastian Lenert von der Landwirtschaftskammer NRW in Coesfeld. Eine zielgerichtete, passgenaue Düngung sei erforderlich. Allerdings sei die Landwirtschaft eben auch wesentlicher Verursacher beim Eintrag von Nitrat ins Grundwasser. Das hieße aber nicht zwingend, dass in Haltern grundsätzlich zu viel gedüngt werde. Vielmehr gebe es in der Seestadt eine ganz besondere Problematik. Denn die leichten und sandigen Böden dort könnten den Nitrat-Stickstoff schlechter speichern. „Er dringt somit schneller ins Grundwasser vor.“

Das Grundwasser sei aber auch stärker belastet, wenn es zu wenig regne. Das aus den Böden gewaschene Nitrat erreiche dann recht unverdünnt das Grundwasser.

Hohe Anstrengungen seitens der Landwirte gefordert

Werde an mehr als 20 Prozent der Messstellen in einem Grundwasserkörper ein überhöhter Wert festgestellt, werde er automatisch zum roten Bereich. In Haltern seien an drei von 12 Messstellen Werte über 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser festgestellt worden, stellt Lenert fest.

Die Auflagen für die Landwirtschaft seien der Preis für die Nachhaltigkeit. Sie erforderten hohe Anstrengungen. „Es geht aber darum, den nachfolgenden Generationen möglichst wenige Altlasten zu hinterlassen“, sagt der Berater in Sachen Pflanzenbau sowie Pflanzen- und Wasserschutz.

Die Einwände des Halterner Landwirts Winkelkotte schätzt er als berechtigt ein. „Die Landwirte müssen auf die Spitze des Eisbergs ihrer Erträge verzichten.“ Auch für die Produzenten von Backgetreide werde es schwer, räumt Lenert ein.

Gutachten in Auftrag gegeben

Wolfgang König ist Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Kreisverbands in Recklinghausen. Er habe mit vielen verärgerten Landwirten gesprochen. Wie er berichtet, sei ein weiteres Gutachten zum Haltern betreffenden Grundwasserkörper in Auftrag gegeben worden. Das Ergebnis werde in den nächsten Monaten erwartet. Nicht nur Wolfgang König hofft, dass es zu Erleichterungen für die Halterner Landwirte führen wird.

Elf Prozent der Acker in NRW sind rot

  • Die neue Gebietskulisse umfasst eine Fläche von insgesamt rund 165.000 Hektar.
  • In NRW gelten auf rund elf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche (rote Gebiete) zusätzliche Anforderungen an die landwirtschaftliche Düngung.
  • Die Berechnungen und Modellierungen im Zuge der Ausweisung der roten Gebiete wurden durchgeführt durch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) und die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens

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