Was tun, wenn Jugendliche sich bis auf die Knochen ritzen?

dzSelbstverletzung bei Kindern

Kleines Jubiläum mit großer Wirkung: Der 10. Haard-Dialog der LWL-Klinik hatte es auch thematisch in sich. Was tun, wenn Jugendliche sich bis auf die Knochen ritzen?

von Ina Fischer

Marl Sinsen

, 06.11.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie vereisen oder strangulieren sich selbst, fügen sich schreckliche Verbrennungen zu, oder schneiden so tief in die Haut hinein, dass die Wunde fast bis auf den Knochen reicht. Und dann stellen Jugendliche ihre Selbstverletzung in den sozialen Medien zur Schau. Absurd? Ganz und gar nicht, sagte Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie jetzt beim 10. Haard-Dialog vor randvollem Haus.

Bewunderung in den sozialen Medien

„Wunden generieren Kommentare“, so Haas. Im Netz bekämen Kinder und Jugendliche, die sich selbst verletzen, endlich Aufmerksamkeit, Anerkennung, sogar Bewunderung. „Ich könnte das nicht“ als Reaktion schüre den Stolz und den Reiz erst recht. Doch tatsächlich gelänge dieses nicht suizidale selbstverletzende Verhalten, kurz NSSV, wie es im Fachjargon heißt, nur, wenn die Betroffenen psychisch aus ihrem Körper heraus treten.

Jugendtypisches Verhalten, um sich auszuprobieren

Immerhin: 25 bis 30 Prozent aller Jugendlichen zumeist zwischen 13 und 18 Jahren tun das und verletzt sich hierzulande selbst, so Fachärztin Christine Lawaczeck-Matkares. „Das ist richtig viel und wir sehen eine Zunahme auch schon in früheren Altersklassen quer durch alle Schichten.“ Doch was steckt dahinter? Haas versucht Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder nur schwer ertragen können, zu beruhigen: Selbstverletzung sei heute ein jugendtypisches Verhalten, um sich auszuprobieren. Die jungen Leute ritzten sich oberflächlich, um zu zeigen: Ich brauche Hilfe. Mir geht es gerade nicht so gut. Sprich: Die Betroffenen wünschen sich Zuwendung, wissen aber nicht, wie sie das ausdrücken sollen. Oder sie ahmen es in einer Gruppe nach, wollen sich von anderen abgrenzen oder provozieren. Nicht selten wird dazu eine Botschaft sichtbar eingeritzt. „Fuck“ oder „Lady Gaga“ auf dem Unterarm etwa. Diese Phasen gingen vorbei.

Kontrolle über eigene Gefühle wiedererlangen

Aber: Stecken Belastungen durch Mobbing, familiäre Konflikte, schlechte Schulnoten, Liebeskummer, Verlust, Versagensängste oder andere seelisch schwerwiegende Traumata dahinter und löse ein Bruch in der Biografie Stressüberflutung sowie Ausweglosigkeit bis hin zur Ohnmacht aus, stecke eine ernsthafte Erkrankung dahinter, weiß Kinder- und Jugendpsychotherapeut Daniel Erxmeier: „Dann ist Selbstverletzung im Grunde nichts anderes, als Spannung abzubauen, runterzukommen.“ Kurz: Gefühle wie Wut, Angst, Trauer, Hilflosigkeit sollen so reguliert werden. Der Jugendliche versuche, die Kontrolle wiederzuerlangen. Spätestens jetzt ist Hilfe von professionellen Experten wie Schulpsychologen, Erziehungsberatungsstellen, Haus- oder Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern oder der LWL-Ambulanz geboten.

Warnzeichen frühzeitig erkennen

Der Zeitraum der Selbstverletzungen, die Tiefe der Wunden und deren Lokalisation helfen den Experten bei der Prognose. Verletzungen, die nicht im Bereich der Arme aufträten oder Strangulation seien beispielsweise eher Ausdruck von suizidalem Verhalten. Haas: „Suizidabsicht kann man bei Selbstverletzung leider nicht komplett ausschließen. Fakt ist: Selbsttötung ist nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen.“ Umso wichtiger seien gute soziale Bezüge und das frühe Erkennen von Warnsignalen wie etwa langärmelige Kleidung im Hochsommer oder das Verweigern von Schwimm- und Sportunterricht sowie Gemeinschaftsduschen.

Biss in scharfe Chilischote kann helfen

Zur Therapie dieser sogenannten Affektregulationsstörungen bietet die LWL-Klinik 13 Behandlungsplätze für Patienten zwischen 13 und 18 Jahren auf der Psychotherapiestation 1 A an. „Seiltänzer“ wird sie genannt, weil hier Betroffenen gezeigt wird, wie sie „in schwierigen Situationen die Balance halten“, erklärten Judith Eschbach und Ulrich Tomalla aus dem Pflege- und Erziehungsdienst das Konzept nach dem DBT-A-Programm. Zur Erläuterung: Die Behandlungsdauer umfasse sechs bis zwölf Wochen und beinhalte auch eine Körpertherapie. Was das ist? Die Patienten dürfen dabei etwa mit Teppichklopfern auf weiche Kissen eindreschen. Zehn Mal, dann ist eine Ruhepause angesagt, in der die Betroffenen in sich hinein horchen, um ihre Körper und Psyche besser zu „lesen“. Die Therapeuten müssen dabei die Versuche, die eigenen Emotionen durch Selbstverletzungen zu regulieren, anerkennen und gleichzeitig nach Veränderungsmöglichkeiten suchen. Das kann eine Art Tagebuch sein, oder auch, anhand einer Skala zu lernen, subjektive Anspannung mit einem Zahlenwert auszudrücken und gegenzusteuern mit Spaziergängen, wohltuenden Bädern, intensivem Sport aber auch mit dem Biss in eine scharfe Chilischote.

Noch mehr Tipps

Übrigens: Mehr Tipps bekommen Interessierte über eine Broschüre „Selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen“, die die Landeshauptstadt Düsseldorf aufgelegt hat und im Internet unter www.duesseldorf.de kostenlos heruntergeladen werden kann.

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