Wilhelm Oenning (92) aus Haltern erlebte die Einschulung 1934

dzErster Schultag

Einschulungsparty und Geschenke? Das kannte Wilhelm Oenning 1934 nicht. Er betrat ganz allein zum ersten Mal die damalige Annaschule in Haltern. Später übten die Jungen das Marschieren.

Haltern

, 14.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der erste Schultag ist für Kinder etwas ganz Besonderes und Eltern machen ihn auch gern dazu – mit Einschulungspartys und Geschenken. Wilhelm Oenning aber war vor 86 Jahren ganz auf sich allein gestellt. Wie das für ihn war, erzählt er gern.

Lehrer Hubert Westendorf begrüßte ihn und weitere 47 Halterner Jungs als i-Männchen in der Annaschule an der Drusustraße, damals eine reine Knabenschule. Es war zu jener Zeit nicht üblich, dass die Eltern ihre Kinder bei diesem wichtigen Schritt in den neuen Lebensabschnitt begleiteten.

Wilhelm Oenning erzählt von seiner Schulzeit.

Wilhelm Oenning erzählt von seiner Schulzeit. © Elisabeth Schrief

„Mein Vater war schon 1929 gestorben, meine Mutter musste die Familie versorgen und hatte keine Zeit“, erzählt der heute 92-Jährige. Eine Schultüte hatte er nicht, wohl aber einen Schulranzen mit Lesefibel, Rechenbuch, Schiefertafel, Schönschreibheft und Griffelkasten.

Jeden Morgen Gottesdienst, jeden Morgen ein Vater unser

Mittags nach dem ersten Schultag ging der Alltag im Haus der Großeltern an der Lavesumer Straße, wo Wilhelm Oenning mit seiner Mutter und zwei Geschwistern lebte, wie gewohnt weiter. Die Schule aber stellte von nun an feste Regeln auf.

Jeden Morgen vor dem Unterricht um 7.15 Uhr mussten die Kinder – auch die Mädchenklassen der Marienschule – morgens zur Heiligen Messe in die Sixtuskirche. Danach liefen die Jungen über den Galen-Platz die knapp 800 Meter bis zur Annaschule. „Der Unterricht begann immer mit einem Vater unser“, erinnert sich Wilhelm Oenning. Bis 1938, dann verfügten die Nationalsozialisten, die Kreuze in den Klassenräumen ab- und ein Hitler-Porträt aufzuhängen.

Unterricht war immer von 8 bis 13 Uhr, samstags bis 11 Uhr. Um 10 Uhr war eine Viertelstunde Butterpause. Wer Geld hatte, kaufte sich Milch oder Kakao. Wilhelm Oenning hatte keines.

Samstags übten die Jungen das Marschieren

Samstags wurde das Exerzieren geübt, ein Vorgriff auf die Schrecken und Grausamkeiten der nachfolgenden Jahre. Aber das ahnten die Jungen nicht. Sonntags war immer um 14 Uhr Christenlehre in der Kirche. „Die Predigten aus dem Katechismus haben wir Kinder gar nicht verstanden.“

Nach der Schule gab es keine Betreuung wie heute in der Offenen Ganztagsschule. Wilhelm Oenning fand häufig einen Zettel: „Essen steht im Bett, wir sind auf dem Feld.“ Wenn er mit den Schularbeiten fertig war, musste er häufig zu Hause helfen. Die Mitarbeit von Kindern war selbstverständlich, damit alle satt wurden. Wilhelm Oenning akzeptierte diese Pflichten.

Nach acht Jahren Volksschule wurden Wilhelm Oenning und seine Schulkameraden 1942 entlassen. Fünf der Jungen fielen dann als Jungsoldaten im Krieg.

Nach acht Jahren Volksschule wurden Wilhelm Oenning und seine Schulkameraden 1942 entlassen. Fünf der Jungen fielen dann als Jungsoldaten im Krieg. © privat

Er fand seine Kinderzeit schön, auch die Schule. „Ich habe die Schulzeit genossen, wir hatten eine tolle Kameradschaft“, denkt Wilhelm Oenning gern an acht Jahre Volksschulzeit zurück. Er habe fürs Leben gelernt. Das Einmaleins mussten die Schüler perfekt können. „Jungs, ihr müsst schließlich euren Lohn ausrechnen können“, gab ihnen Lehrer Westendorf mit auf den Weg.

Ein ganz wichtiges Fach war die Heimatkunde: Die Kinder lernten die Stadt und ihre Umgebung kennen, in Flaesheim die Bedeutung der Schleuse für den Schifffahrtsverkehr oder das Leben der Tiere auf den Haltener Bauernhöfen. Im Naturkundeunterricht brachte ihnen Lehrer Westendorf bei, an den Ähren die Getreidesorten zu erkennen. So konnten die Jungen sicher zwischen Roggen und Weizen unterscheiden. Später, als der Krieg begonnen hatte, sammelten die Jungen Heilkräuter, die – getrocknet – die Schmerzen der verwundeten Soldaten lindern sollten.

Nationalsozialistische Ideologie prägte den Unterricht

Im Fach Erdkunde erfuhren die Jungen von Weltmeeren und Erdteilen, in Geschichte von der Kaiserkrönung, gewonnenen Schlachten und Kolonialismus. Es war, so erzählt Wilhelm Oenning, immer ein Erzählen von Verlusten. Tenor: Andere Mächte haben Deutschland beraubt um Kolonien oder Siedlungsgebiete.

Nationalsozialistische Ideologie prägte den Unterricht. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war, so Wilhelm Oenning, immer nur von Siegen die Rede. „Wir waren geschockt, als sich plötzlich unter die Jubelschreie die Nachrichten von den ersten Halterner Toten mischten.“ Jetzt durften die Jungen wieder beten: für Führer, Volk und Vaterland.

1942 endete die Volksschulzeit, etliche Jungs wurden eingezogen. 1944 auch Wilhelm Oenning. Fünf seiner Klassenkameraden starben im Krieg. Heute ist er der einzige noch Lebende aus der Klasse.

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