Der Kreis Recklinghausen hat das ehemalige Wasag-Gelände in Sythen übernommen. Es war keine Liebesheirat.

Haltern

, 11.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wir haben uns nicht nach dieser Aufgabe gedrängt, aber wir können uns ihr auch nicht verweigern“, sagt Peter Haumann, Fachbereichsleiter Umwelt beim Kreis Recklinghausen. Am Dienstag führte er zusammen mit dem zuständigen Projektkoordinator Friedhelm Kahrs-Ude den Landschaftsplanungsausschuss des Kreistages durch das Gelände in Sythen.

Der Kreis Recklinghausen hat das knapp 210 ha große Gelände für den symbolischen Preis von 1 Euro von der Sythengrund Wasagchemie Grundstücksverwertungsgesellschaft gekauft und zum 1. Juni 2019 übernommen.

Wie geht es weiter mit dem Wasag-Gelände?

Die Produktionsstätten waren teilweise noch bis Ende 2018 in Betrieb. © Jürgen Wolter


Größte bekannte Rüstungsaltlast in Deutschland

Es sind die Altlasten aus der Sprengstoffproduktion, insbesondere aus den beiden Weltkriegen, die dieses Gelände so problematisch machen (wir berichteten mehrfach). Spuren krebserregender Stoffe sind ins Grundwasser eingesickert und wandern Richtung Halterner Stausee. Das Wasag-Gelände gilt als eine der größten bekannten Rüstungsaltlasten in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Da nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes die Grundstücksverwertungsgesellschaft nur bis zum Erreichen des Verkehrswertes des Geländes für die Folgekosten aufkommen musste, und auch Bund und Land dafür nicht in die Verantwortung genommen werden können, hatte der Kreis keine Wahl. Mit der Übernahme des Geländes hofft man jetzt, auch Einnahmen zu generieren, die einen Teil der Kosten auffangen könnten.

Wie geht es weiter mit dem Wasag-Gelände?

Viele bunkerähnliche Betriebsgebäude befinden sich im Gelände.


Keine Sprengstoffe mehr auf dem Gelände

Alle Betriebsanlagen der Maxam Deutschland GmbH, die hier noch bis Ende 2018 Sprengstoffe für zivile Nutzungen produzierte, wurden inzwischen stillgelegt. Seit Mai 2019 befinden sich keine Sprengstoffe mehr auf dem Gelände. Der Kreis ist seit Juni für die Unterhaltung und die Verkehrssicherung zuständig. Unter anderem wegen der Altlasten und wegen einsturzgefährdeter Gebäude ist der Zutritt deshalb verboten. Die Aufgabe der Standortbewirtschaftung und der Rahmenplanung wurde an die Prof. Burmeier Ingenieurgesellschaft mbH aus Hannover übertragen. Der Kreis möchte das Gelände ökologisch und naturverträglich entwickeln. Bewaldete Flächen sollen zu Ökopunkten werden, versiegelte Flächen einer möglichen gewerblichen Nutzung zugeführt werden. Die Vermarktung soll einen größtmöglichen Erlös erzielen, um die zu erwartenden Kosten abzufedern. Für die konzeptionelle Rahmenplanung wird derzeit ein Europaweiter Wettbewerb ausgeschrieben.

Wie geht es weiter mit dem Wasag-Gelände?

Die Betriebsanlagen sind in ein großes Naturareal eingebettet. © Jürgen Wolter


Zentrum für Umweltbildung und-forschung

Im zukünftigen Regionalplan soll das Gelände als „Allgemeiner Siedlungsbereich mit Zweckbindung“ ausgewiesen werden. Unter anderem soll hier ein Standort für Umweltbildung und -forschung entwickelt werden, eine Idee, die die Halterner Baudezernentin Dr. Andrea Rüdiger ausdrücklich unterstützt. Der Kreis stimmt seine Vorhaben eng mit der Stadt Haltern ab.

„Wichtig ist uns aus Halterner Sicht, dass kein neuer Freizeitdruck auf den Sythener Bereich entsteht, der schon jetzt unter anderem durch den Silbersee II sehr hoch ist. Zum Zweiten erhoffen wir uns auch neue Arbeitsplätze im Bereich der Umweltbildung auf dem Gelände, auf dem während der Sprengstoffproduktion viele Sythener ihren Arbeitsplatz hatten“, so Andrea Rüdiger.

Wie geht es weiter mit dem Wasag-Gelände?

Das Casinogebäude am Eingang würde sich als Dokumentationszentrum eignen. © Ingrid Wielens


Dokumentation der Geschichte des Wasag-Geländes

Sie würde es außerdem begrüßen, wenn auf dem Gelände ein Dokumentationszentrum entstünde, das die historische Bedeutung des Wasag-Geländes aufarbeitet und vermittelt. Ein möglicher Standort dafür wäre das in Gründerzeitarchitektur errichtete Casinogebäude im Einfahrtsbereich des Wasag-Geländes. Für die Internationale Gartenausstellung 2027 wurde das Gelände als „Umweltzentrum auf Rüstungsaltlast“ angemeldet und hat als Sonderstandort Berücksichtigung gefunden. In den bewaldeten Flächen sollen sogenannte Ökopunkte entstehen, dazu soll ein Entwicklungskonzept zum Naturschutz erstellt werden. Schon jetzt bevölkern viele Tiere das Areal, unter anderem rund 140 Stück Damwild und Mufflons.

Wie geht es weiter mit dem Wasag-Gelände?

Erdwälle und Betonmauern sichern die Gebäude. © Jürgen Wolter


Die Folgekosten sind nicht kalkulierbar

Das größte Problem bilden die Altlasten. Beim Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung in Hattingen (AAV) wurde das Projekt zur Aufnahme in dem Maßnahmenplan angemeldet. Sanierungsuntersuchung und -planung sowie ein Rückbaukonzept und die fortlaufenden Maßnahmen zur Grundwassersicherung sollen dabei erarbeitet werden. Die Kosten belaufen sich auf 5,2 Millionen Euro, von denen der AAV 80 Prozent tragen würde - allerdings nur für die Dauer von fünf Jahren. Für alle weiteren Kosten müsste der Kreis Recklinghausen voraussichtlich allein aufkommen. Wie lange und in welcher Höhe: Das ist völlig unbekannt. Zusätzlich werden erhöhte personelle Aufwendungen auf den Kreis zukommen.

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So sieht es auf dem Wasag-Gelände aus

Der Kreis Recklinghausen hat das ehemalige Wasag-Gelände übernommen. Bei einem Besuch vor Ort machte sich der zuständige Kreisausschuss ein Bild von der Situation.
11.09.2019
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Der Kreisausschuss für Landschaftsplanung, Umweltfragen und Bauangelegenheiten informierte sich im ehemaligen WASAG-Gelände über den Sand der Planungen.© Jürgen Wolter
Die Betriebsgebäude sind in eine Waldlandschaft eingebettet.© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Die Betriebsanlagen sind besonder gesichert.© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsgebäude im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
ehemaliges Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter
Produktionsanlagen im ehemaligen Wasag-Gelände© Jürgen Wolter

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