Wer einen ambulanten Pflegedienst in Haltern benötigt, muss mitunter länger suchen

dzPflegenotstand

Der Pflegenotstand macht sich auch in Haltern bemerkbar. Wer beispielsweise auf der Suche nach einem ambulanten Pflegedienst ist, muss schon zu Kompromissen bereit sein.

Haltern

, 26.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Wer in Haltern einen ambulanten Pflegedienst benötigt, muss sich manchmal auf eine längere Suche begeben. Betroffene berichten von Wartelisten bei den Anbietern und darüber, dass sie erst nach einiger Zeit und etlichen Telefongesprächen eine Hilfe für ihre Angehörigen organisieren konnten.

Ihre Namen möchten sie nicht veröffentlicht sehen. Die Altenpflege in der Familie ist ein sensibles Thema, deshalb dringt eher selten nach außen, vor welche Probleme auch viele Halterner bei der Versorgung ihrer Senioren gestellt sind.

Die Verantwortung für die Pflege ist nach wie vor weitgehend Privatsache und wird historisch bedingt als Aufgabe der Frau angesehen. Obwohl die Mehrzahl der Frauen heute berufstätig ist, gelten die Fürsorge und der Dienst am Nächsten weiterhin als natürliche weibliche Charaktereigenschaften.

Mithilfe ambulanter Pflegedienste ist es möglich, alte Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bereuen. Dieses Modell entspricht dem Wunsch der meisten Betroffenen. „93 Prozent der Halterner Senioren geben an, in ihrer Wohnung verbleiben zu wollen, wenn ein altengerechter Umbau möglich wäre“, ist das Ergebnis der jüngsten Befragung bei der Generation 55plus, die von der Stadt Haltern initiiert und ausgewertet wurde.

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Wer einen ambulanten Pflegedienst in Haltern benötigt, muss mitunter länger suchen

Sabine Jahnke (BIP) berät kompetent und unabhängig über Pflegemöglichkeiten in Haltern. © (Archiv) Elke Rüdiger

Sabine Jahnke berät im Beratungs- und Informationscenter Pflege (BIP) in Haltern am See Senioren und ihre Angehörigen in allen Fragen rund um das Thema Pflege. Ihr Büro befindet sich im Rathaus, Dr.-Conrads-Str. 1, Zimmer E.04, Telefon: 02364/933-231,Telefax: 02364/933-270,E-Mail:sabine.jahnke@haltern.de Sprechzeiten: Mo. - Fr. 08.30 - 12.00 Uhr „Es gibt immer noch viele Halterner, die erst in die Beratung kommen, wenn schon vieles gelaufen ist, was hätte anders laufen können“, sagt Sabine Jahnke.

Objektiv und nah dran sind Sabine Jahnke vom Beratungs- und Informationscenter Pflege im Halterner Rathaus sowie Michael Graw als Leiter des Sozialdienstes im Halterner Sixtus-Hospital. Beide bestätigen, dass die Nachfrage nach ambulanter Pflege schon aufgrund des demographischen Wandels in der Stadt in den letzten Jahren gestiegen ist.

Wunschtermine sind kaum noch auszumachen

„Ich höre schon mal, dass die Organisation schwierig ist“, sagt Sabine Jahnke. Extrem groß sei der Bedarf an hauswirtschaftlicher Hilfe. Hier fehle auf jeden Fall Personal. Michael Graws subjektive Wahrnehmung ist, dass im Bereich der ambulanten Pflege „die Vorboten des Pflegenotstands“ zu erkennen sind.

Besonders schwierig sei es in Haltern mittlerweile, einen Wunschtermin für die ambulante Pflege zu vereinbaren. Das bestätigen auch die Betroffenen, die eine zusätzliche Hilfe anfordern möchten. So ein Wunschtermin ist beispielsweise die Pflege morgens gegen 8.30 Uhr. Meist ist es nur möglich, diesen über eine Wartezeit zu realisieren und bis dahin einen früheren oder späteren Zeitpunkt für die Pflegeleistung zu akzeptieren.

Überregional scheint die Situation bereits dramatisch: Nach einer Umfrage bei Pflegediensten der Wohlfahrtspflege in NRW, die 60 Prozent der ambulant Pflegebedürftigen im Land betreuen, werden monatlich etwa 9000 Absagen gegenüber Bedürftigen erteilt. Im Schnitt musste jeder ambulante Pflegedienst pro Monat mehr als zehn Absagen aussprechen.

„Absagen in Haltern noch nicht erteilt“

Absagen hätten noch nicht erteilt werden müssen, erklären auf Anfrage Michael Wiese, beim Wohlfahrtsverband Diakonie im Kreis Recklinghausen zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sowie Ludwig Borger, unter anderem Geschäftsführer der Pflege- & Gesundheitsteam GmbH (Pug). Über eine entspannte Situation in Haltern können sie aber auch nicht berichten.

Vor allem im Bereich der Intensivpflege, bei der es um eine Betreuung an sieben Tagen in der Woche über 24 Stunden durch Fachpersonal gehe, sei es immer schwieriger, Angebot und Nachfrage auf einen Nenner zu bringen. Das erklärt Ludwig Borger. In Nordkirchen, wo er ebenfalls einen ambulanten Pflegedienst unterhält, wird diese Art der Pflege nicht mehr angeboten.

Hier wanderten die Fachkräfte zu den Kliniken in Münster ab, wo sie höhere Gehälter erzielen könnten. Laut einem Bericht in der Zeitung „Die Welt“ verdienen ambulante Pflegekräfte im Durchschnitt monatlich 917 Euro brutto weniger als ihre Kollegen in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

Fachkräfte sind schwer zu gewinnen

Es gebe Probleme, neue Fachkräfte für den ambulanten Dienst zu gewinnen, räumt Michael Wiese ein. Eine Ursache sieht er darin, dass das Thema Pflege in den vergangenen Jahren so negativ besetzt gewesen ist. „Dass Menschen sich nicht darum reißen, diesen Beruf zu ergreifen, darf nicht verwundern“, meint der Diakonie-Sprecher.

Die Frage sei letztlich, wie viel eine Gesellschaft in die Pflege alter Menschen investieren wolle. Damit spricht Michael Wiese den Kosten- und Konkurrenzdruck auf dem Pflegemarkt an, wobei die Krankenkassen mit jedem Pflegedienst einzeln abrechnen. Zu spüren bekommen das die Pflegekräfte und die Bedürftigen, denn für mehr als reine Pflege reichen die Zeitvorgaben bei der Versorgung meist nicht aus.

Übliche Vorgaben für die ambulante Pflege sind beispielsweise 5 Minuten fürs Zähneputzen, 15 Minuten fürs Essen und 10 Minuten fürs Umziehen. Dabei bleibt oft nicht einmal Zeit für ein Gespräch. Viele Pflegekräfte klagen gerade aus diesem Grund über Überforderung im Job.

Plädoyer für ein neues Pflegemodell

Ludwig Borger wehrt sich allerdings gegen dieses Image der engen Zeitvorgaben. Beim Pug sei jeweils eine Tour mit einem Zeitfenster versehen. So könne flexibler gearbeitet werden. Der Pflegeexperte wünscht sich eine Trennung von grundpflegerischen Aufgaben und speziellen Tätigkeiten, die nur Fachkräfte ausüben können. Diese sollten sich auf das konzentrieren können, für das sie ausgebildet sind, meint Ludwig Borger. Den Rest sollten Betreuungskräfte und Pflegeassistenten übernehmen.

Wer einen ambulanten Pflegedienst in Haltern benötigt, muss mitunter länger suchen

Die Gesellschaft wird immer älter. Die Pflege wird uns in den kommenden Jahren herausfordern. © Silvia Wiethoff

Insgesamt aber müssten sich die Arbeitgeber in der Pflege etwas einfallen lassen, um Personal für die (ambulante) Pflege zu gewinnen. Dazu zähle nicht nur die Vergütung, Pug ist dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste mit Arbeitsvertragsrichtlinie angeschlossen und hat die „Borger-Card“ mit monatlichen Vergünstigen von 40 Euro beim Tanken und beim Einkauf in einer Drogerie und einem Internetanbieter eingeführt. Dazu gehören unter anderem auch eine betriebliche Altersversorgung, ein weniger hierarchisches Arbeitsmodell oder familienfreundliche Arbeitszeiten.

Auch die Diakonie hat sich einem Tarif angeschlossen, hier ist der Bundesangestellten-Tarifvertrag in kirchlicher Fassung.

„Wie viel ist uns die Pflege unserer alten Menschen wert?“ Michael Wiese ist sich sicher, dass uns diese Frage aufgrund des demographischen Wandels in Zukunft noch intensiver beschäftigen wird. Ludwig Borger formuliert noch krasser: „Im Jahr 2050 muss jedes Kind zur Pflegekraft werden, um den Bedarf zu decken.“

In Haltern gibt es sechs ambulante Pflegedienste, zwei gehören einem Wohlfahrtsverband an (Caritasverband Datteln und Haltern am See, Haltern am See - Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen), vier sind privatwirtschaftlich organisiert (Ambulanter Pflegedienst Arte Clean, Hauskrankenpflege Wir helfen weiter C. Konietzka, PuG Pflege- & Gesundheitsteam GmbH und Pflege im Quartier).
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