Wenn Kinder in die Pubertät kommen, gerät das familiäre Gleichgewicht oft aus den Fugen. Der anstrengende Prozess birgt aber auch große Chancen. Für Eltern und Kinder gleichermaßen.

Haltern

, 26.12.2018, 17:02 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Plötzlich war alles anders“, sagt Monika*. Von jetzt auf gleich sei ihre Tochter ausgeflippt, habe wild mit den Füßen gestampft. An den Grund für den extremen Wutanfall, auf den noch viele folgen sollten, kann ihre Mutter sich nicht mehr erinnern. „Es war wahrscheinlich nur eine Kleinigkeit.“ Melanie* war elf Jahre alt und gerade auf die weiterführende Schule, aufs Gymnasium, gewechselt. „Sie wurde sozusagen über Nacht zum kleinen Giftzwerg“, beschreibt die 47-jährige Halternerin augenzwinkernd die überraschende Wesensveränderung ihres Kindes. Das war vor drei Jahren. Seitdem ist der Familienfrieden zeitweise gestört. Tochter Melanie ist in der Pubertät.

Unternehmungen Fehlanzeige

Früher, da habe die Familie gemeinsam etwas unternommen, sei ins Kino gegangen oder zum Shoppen in die Stadt, habe Freizeitparks besucht. „Das war einmal“, sagt Monika traurig. Mit ihren Eltern einkaufen gehen will die heute 14-Jährige schon lange nicht mehr. Wenn überhaupt noch etwas gemeinsam gemacht werde, dann sei das bestensfalls mal ein Kinobesuch, sagt die Mutter.

Null-Bock-Haltung in der Schule

Sandra Ricken (44) weiß um diese besondere Problematik. Die Schulsozialarbeiterin im Halterner Schulzentrum sieht sich oft mit Fragen zur Pubertät konfrontiert. Eltern, Lehrer und Schüler suchen bei ihr Rat. Plötzlich funktionierten die Dinge nicht mehr wie bisher. Kinder streiteten sich oft mit den Eltern, Hausarbeiten würden nicht mehr gemacht, der Unterricht geschwänzt, Grenzen mit Eltern und Lehrern ausgetestet, Regeln nicht mehr eingehalten. Teenager entwickelten zudem oft eine Null-Bock-Haltung. Ricken wirbt um Verständnis: „Die Jugendlichen haben gerade viele Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.“ Der Körper verändere sich stark und generell frage man sich in dieser Phase „Wer bin ich?“. Auch würden Freunde plötzlich wichtiger als die Eltern.

„Heranwachsende nehmen während der Pubertät Abschied von gestern“, sagt Dr. Jan-Uwe Rogge. Der Autor und Kolumnist, zugleich Familien- und Kommunikationsberater, ist bekannt für heiter-ironische, hilfreiche Vorträge zu diesem Thema.

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„Die Kinder verlassen allmählich das gewohnte Zuhause, vertraute Strukturen - und zugleich haben sie noch keine neuen Sicherheiten, keine Regeln und Rituale, die ihnen Verlässlichkeit bieten“, führt Rogge aus. Pubertierende seien deshalb oft orientierungslos. „Auf der Suche nach Halt schlagen sie dann auch mal um sich.“

Immer im Gespräch bleiben

„Melanie zieht sich meistens in ihr Zimmer zurück“, beschreibt die Mutter die familiäre Situation. Die Tochter mache viel mit sich selbst aus, sei ein absoluter Kopfmensch. „Rat nimmt sie nur ungern an“, klagt Monika.

Rogge betont: „Auch wenn sich der Pubertierende zurückzieht, Kommunikation sich als schwierig erweist, so ist es doch wichtig, im Gespräch zu bleiben.“ Eltern müssten eigene Normen und Werte vermitteln, damit der Pubertierende diese prüfen und übernehmen könne. Das brauche aber Zeit. Es geschehe nicht sofort und nicht besonders einsichtig, sondern vielmehr durch Kritik und Streit. „Und manchmal auch gar nicht.“

Gute Momente nutzen

Auch Sandra Ricken macht deutlich: „Es ist wichtig, die Bindung zum Kind nicht zu verlieren.“ Eltern sollten nicht nur meckern, auch mal über dies und das hinwegsehen, empfiehlt die Schulsozialarbeiterin.

Monika würde gerne mal wieder nett mit ihrer Tochter plaudern. Doch die 47-Jährige weiß nicht, wie sie den Zugang zu ihr finden soll. Ricken dazu: „Es gibt zwischendurch immer wieder Momente, in denen die Stimmung mal besser ist. Diese Momente sollte man nutzen, vielleicht einfach mal miteinander Pizza essen gehen und reden.“

Grenzen sind enorm wichtig

Zugleich sei es wichtig, immer wieder Grenzen zu setzen: „Jugendliche brauchen Strukturen und Regeln, an denen sie sich reiben und ausprobieren können. Wenn Eltern diese nicht mehr setzen, fehlt den Kindern etwas“, so Ricken.

Auch Lehrer müssten klare Kante zeigen, zur Not das Elternhaus auf Probleme hinweisen, dem Schüler aber danach wieder eine neue Chance geben.

Anhaltende, mühsame, zermürbende Diskussionen

Melanies Leistungen in der Schule sind gut. Darüber muss sich ihre Mutter keine Sorgen machen. Monika ist aber die ständigen und nicht enden wollenden Diskussionen mit ihrer Tochter leid. „Aber, aber, aber....“, beschreibt sie den ständigen Konfrontationskurs ihrer Tochter. Selbst die Frage „Was wollen wir heute kochen?“ arte meistens in eine lange Debatte aus. „Ich wünsche mir, dass irgendwann einfach hingenommen wird, was ich sage und dass es dann auch gut ist. Einfach Ruhe. Schluss.“

Jan-Uwe Rogge meint: „Viele Eltern scheuen Konflikte mit ihren Heranwachsenden.“ Erziehung habe aber mit Beziehung zu tun, „mit beharrlicher, nicht immer harmonischer Beziehungsarbeit.“ Auch Sandra Ricken sagt: „Die ständigen Auseinandersetzungen sind mühsam.“ Es sei aber sehr wichtig, daran festzuhalten.

Streit ums Handy

Regelmäßig Anlass zum Streit bieten auch Handy und Computer, mit denen sich der Nachwuchs stundenlang beschäftigen kann. „Ich bin wahrscheinlich auch kein gutes Vorbild“, befürchtet Monika. Sie nehme selber häufig ihr Handy zur Hand, sagt sie selbstkritisch.

Wenn pubertierende Kinder ihre Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben

Das Handy spielt bei Teenagern eine ganz große Rolle. © dpa

Ein Handy-Verbot ist nach Auffassung Rogges aber viel zu destruktiv. „Bestrafungen erzeugen einen Machtkampf und diesen Machtkampf verlieren die Eltern“, sagt er. Sandra Ricken empfiehlt: „Statt eines Verbots kann man sich besser auf feste Zeiten für die Nutzung einigen.“

Kinder erkennen die Schwachpunkte ganz genau

Monika fällt es schwer, auf ihre Tochter zuzugehen, wo diese doch ganz genau wisse, an welchen Schrauben sie drehen muss, um die Mutter „zur Weißglut“ zu bringen. Darunter leidet die 47-Jährige sehr. Monika wünscht sich, ähnlich ruhig bleiben zu können wie ihr Mann Jochen (48). Er ließe sich nicht so „hochschaukeln“. Wenn es zwischen ihm und Melanie krache, dann zwar richtig - „aber bis es soweit ist, dauert es sehr lange“. In vielen Familien ist es immer noch die Mutter, die die meiste Zeit mit ihren Kindern verbringt. Daher trifft es sie oft auch am heftigsten.

Wenn pubertierende Kinder ihre Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben

Jan-Uwe Rogge gibt Erziehungstipps für Eltern pubertierender Kinder. © Jürgen Wolter

Laut Rogge steht aber die Frage im Raum, wozu ein Kind so etwas mache? „Es ist in der Regel so, dass das Kind dann Aufmerksamkeit bekommt. Viele Kinder bekommen heute gerade in der Pubertät ihre Aufmerksamkeit nicht über positive Aktionen, sondern indem sie nerven“, stellt der Erziehungsexperte fest. „Vielleicht sollte ich mir dann die Frage stellen, was ich an positiven Eigenschaften an meinem Kind übersehe.“ Denn manche Aktion von Pubertierenden weise auf den hilflosen Schrei nach Zuwendung, nach Annahme, nach Bindung hin.

„Die meisten Eltern machen einen richtig guten Job“

Jan-Uwe Rogge lobt die Eltern aber auch ausdrücklich. „Die meisten Eltern machen einen richtig guten Job“, sagt er. Daher sollten sie einfach zu sich stehen. Die Kinder hätten schließlich auch Respekt vor ihren Eltern, die für sich sorgen und Verantwortung übernehmen könnten.

Pubertät als Chance für alle Familienmitglieder

Nicht zuletzt stelle die Pubertät des Kindes mit all ihren kleineren und größeren Konflikten auch eine Chance für alle dar, betont Jan-Uwe Rogge. Der Sinn und die Tiefe dieser Phase werde oft erst im Nachhinein geschätzt. „Aus dem Kind wird ein Erwachsener“, sagt der Familienberater. Und für die Eltern sei es nochmal eine Chance, über sich nachzudenken. „Wenn Kinder in die Pubertät kommen, dann können Eltern ihr Eltern-Sein ein Stück weit loslassen, um den Blick wieder auf die Paarbeziehung zu fokussieren.“ Das heiße also, aus Eltern würden wieder Partner.

Auch Sandra Ricken macht Mut zum Durchhalten: „Wenn Eltern und Kinder diese Phase durchstehen, geht es meistens auf einer guten Ebene weiter.“ Wenn die Beziehung vor der Pubertät gut gewesen sei, dann werde sie auch danach wieder sehr gut und stabil sein. Monika kann diesen Zeitpunkt kaum noch abwarten: „Du hoffst einfach, dass es mit der Zeit endlich besser wird.“

*Mutter Monika möchte nicht mit ihrem wahren Namen genannt werden. Zum Schutz ihrer Tochter ist auch der Name der 14-Jährigen frei erfunden.

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