Pfadfinderinnen schlagen sich alleine durch und landen in einem Partykeller in Sythen

dz„Hike“ der Pfadfinder

Alle reden vom Klimaschutz. Jeden Freitag gehen dafür junge Menschen auf die Straße. Die Pfadfinder setzen bei ihren Wanderungen Nachhaltigkeit und Umweltschutz in die Tat um.

19.04.2019 / Lesedauer: 3 min

13 junge Pfadfinderinnen ruhen sich Mittwochabend vor der Josephkirche in Sythen aus und hoffen auf einen Schlafplatz im Gemeindezentrum. Dann landen sie bei Edelgard Leipholz im Partykeller.

Zwischen Ruck- und Schlafsäcken sitzen die Mädchen auf dem Fußboden und schmettern ein altes Pfadfinderlied. Die zwei Gitarren, auf denen sie begleitet werden, haben sie ebenso wie ihre Essensvorräte und Ausrüstungsgegenstände auf dem Rücken getragen.

Teenager sind auf sich gestellt

Am Tag zuvor sind die Mädchen an der Midlicher Mühle in Lembeck gestartet. Sie gehören dem Deutschen Pfadfinderbund an, kommen aus ganz Deutschland und befinden sich auf einem sogenannten Hike. Zwei Tage und Nächte sind die Teenager auf einer Wanderung Richtung Haltern weitgehend auf sich gestellt. Das ist die Herausforderung während des einwöchigen Pfadfindertreffens für Mädchen in Lembeck. Das alte Handy, das sie dabei haben, ist nur für den Notfall gedacht.

Pfadfinderinnen schlagen sich alleine durch und landen in einem Partykeller in Sythen

Die minderjährigen Pfadfinderinnen, die ihre zweitägige Wanderung (den Hike) erfolgreich bewältigten, dürfen wir leider nicht ohne Einverständnis der Eltern erkennbar ablichten. © Silvia Wiethoff

Edelgard Leipholz ist von der kleinen Pfadfindergruppe, die ihre Füße an der Kirche ausstreckt, so begeistert, dass sie spontan eine Unterkunft anbietet. Weil sich kein Verantwortlicher findet, der Schlüsselgewalt über das Gemeindezentrum hat, sind die Jugendlichen froh über die Alternativlösung. Laut Wettervorhersage könnte es in der Nacht regnen, da möchten sie eine weitere Nacht im mitgebrachten einfachen Zelt vermeiden.

In ihrer Kluft mit Abzeichen und roten Halstüchern wirken die Pfadfinderinnen auf den ersten Blick, als seien sie aus der Zeit gefallen. Tatsächlich aber, das ergibt das Gespräch, geht es bei ihnen gerade um ganz aktuelle Fragen der Jugendkultur, die bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen so viel Aufmerksamkeit bekommen.

„Wir lernen, mit dem Minimalsten klarzukommen und die Natur zu schützen“, sagt beispielsweise eine der Teilnehmerinnen und berührt damit das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Es geht um einen Lebensstil

Für den warmen Schlafplatz an diesem Abend sind die Mädchen unheimlich dankbar. Gemeinsam mit Edelgard Leipholz haben sie Nudeln fürs Abendessen zubereitet. Das ist schon fast ein Fest.

„Hier geht es um den Lebensstil, wie man mit anderen Menschen und mit der Umwelt umgehen möchte“, erklärt eines der Mädchen. Die einheitliche Kleidung der Pfadfinder drücke aus, dass es keine Unterschiede in der Gemeinschaft gebe.

Bei Lagertreffen wie an der Midlicher Mühle sollen die jungen Menschen überregionale Kontakte knüpfen können, macht Marie-Luise Runge, Gruppenleiterin aus Berlin, am Donnerstag vor dem Aquarell in Haltern deutlich. Hier haben die jungen Pfadfinderinnen das Ziel ihrer Wanderung erreicht und werden von den Erwachsenen mit viel Anerkennung in Empfang genommen. Zur Belohnung steht noch der Besuch des Schwimmbads auf dem Programm.

Die Teamfähigkeit ausgebaut

„Nach diesen zwei Tagen ist zu erkennen, welche Entwicklung die Mädchen gemacht haben“, sagt Marie-Luise Runge. Dabei geht es nicht nur um Fertigkeiten wie das Lesen eines Kompass‘, das Kochen auf einem Feuer oder das Aufbauen eines Zeltes. Die Jugendlichen haben ihre Teamfähigkeit ausgebaut, indem sie Probleme in der Gruppe lösten. Sie haben darüber hinaus Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewonnen und ihre Selbstständigkeit geschult.

„Diese Erfahrungen lassen sich sehr gut auf das Leben übertragen“, meint Marie-Luise Runge.

Während ihres Ausflugs haben die Pfadfinderinnen außerdem große Hilfsbereitschaft erfahren. „Gerade in Haltern sei mehr gegeben worden als angefragt“, sagen sie. „Viele Leute freuen sich, dass wir nicht nur am Handy hängen“, lässt eine Teilnehmerin wissen. Gruppenleiterin Ulrike Hahn aus Bonn fügt hinzu: „Der erste Tag ohne Handy ist hart, aber dann ist es befreiend.“

So beschreibt sich der Deutsche Pfadfinderbund: „Der Deutsche Pfadfinderbund ist ein Pfadfinderbund, der das Pfadfindergesetz zur Grundlage seines Handelns macht, der im Geiste und in den Formen der weltweiten Bruderschaft lebt und seinen Weg in ein freies, weltoffenes Menschentum sucht; ein autonomer Bund, wurzelnd in den Menschenrechten und in der Grundordnung unseres Landes, von niemandem abhängig und keinem verpflichtet als unserem Gewissen und Gesetz; bündische Jugend, die aus innerer Bindung Gemeinschaft bildet und die ihr Leben aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit führt.“
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