Weil es keine Münzen mehr gab, ließ die Stadt Notgeld mit lokalen Motiven drucken. 50 Pfennig wurden so zu Papiergeld. © Privat
Notgeld-Ausgabe

Vor 100 Jahren bezahlten die Halterner mit einer Schattenwährung

Der Bitcoin avanciert aktuell zu einer Art globaler Schattenwährung. Alternativwährungen gab es früher auch schon. Zum Beispiel in Haltern. Das liegt allerdings 100 Jahre zurück.

Was heute Sammlerwert besitzt, rettete Halterner vor 100 Jahren vor dem wirtschaftlichen Ruin. In der Stadt gab es nämlich kein Münzgeld mehr. Entweder wurde es aus Angst vor der Inflation gehortet oder war im Krieg als Edelmetall aufgebraucht worden. Dieser Mangel hielt lange Zeit nach Ende des Ersten Weltkrieges an.

Diese Not machte erfinderisch. Ab dem 1. Juni 1921 wurden in Haltern aus 25 und 50 Pfennigen sowie aus der Mark buntes Papiergeld mit lokalen Motiven. Außerdem gab es 40.000 eiserne Münzen mit dem Kopf des Drusus im Wert von 10 Pfennigen. Die Scheine zeigen beispielsweise den Siebenteufelsturm oder den St. Sixtus mit dem Halterner Wappen. Auf einem Serienschein stand geschrieben: „Wer sein Bürgergeld nicht abholt, dem wird’s zur Strafe ins Haus gebracht.“

Für 100 Mark zehn Gramm Schweinefleisch

Der Staat duldete wohl oder übel diesen regionalen Zahlungsverkehr. Denn die Volkswirtschaft war längst nicht mehr stabil. Geldmenge und Wert an Gütern standen in keinem angemessenen Verhältnis gegenüber. 1914 erhielt man für 100 Mark 50 Kilogramm Schweinefleisch, 1923 für 100 Mark gerade noch 10 Gramm Schweinefleisch, wie Gerd Twilfer in einem Beitrag für das Halterner Jahrbuch 1993 schrieb. Der Staat war mit 51 Milliarden Mark verschuldet.

Eine Mark in Papier und mit dem Zusatz: „Wer binnen 24 Stunden sein Bürgergeld nicht abholt, dem wird‘s zur Strafe ins Haus gebracht“. © Privat © Privat

Nicht nur den armen Schichten, auch der wohlhabenden Bürgerschaft in Haltern zerrann das Geld in den Händen. Als die Menge des umlaufenden Geldes nicht mehr ausreichte, ließen Städte, Gemeinden, Banken und Firmen Notgeld drucken. „Sie stellen ein ausgezeichnetes heimatkundliches Anschauungsmaterial dar“, findet Gerd Twilfer.

„Mit vollen Händen goldnen Segen spenden“

1923 kamen 18 verschiedene Inflationsgeldscheine hinzu. Als Sicherheit dienten Guthaben der Stadtkasse sowie 4000 Morgen städtischer Grundbesitz. Dann folgte im November 1923 die Hyperinflation. Sie führte zu einem teilweisen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems.

Jahre später war das Kleingeld wieder knapp. Ab 1947 führt dieser Mangel erneut zur Ausgabe von Notgeld. Es handelte sich dabei dann aber um schmucklose Scheine, deren Druck nicht genehmigt, von den Besatzungsmächten aber geduldet waren. Diesmal gab nicht die Stadt Haltern das Notgeld aus, sondern die Halterner Zeitung brachte es in Umlauf.

In den Halterner Jahrbüchern von 1993 und 2021 kann die Geschichte des Halterner Notgeldes detailliert nachgelesen werden. Halterner Notgeldscheine besitzen Sammlerwert, allerdings mit rund 5 Euro einen ziemlich geringen. Die 1-Mark-Note erzählt die Geschichte von vor 100 Jahren so: „Als noch nicht das Leben teuer und die Bürger frei von Steuer, durft die Stadt mit vollen Händen jährlich goldnen Segen spenden. Und nun sich die Steuern drängen, gern die Feind uns vollends zwängen, muss die Stadt Geld zu gewinnen, selbst den Notgelddruck beginnen.“

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Elisabeth Schrief

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