Nicole Wagener, Katja Gladbach und Birte Keysberg (v.l.) schaffen einen Erlebnisstandort für Context-Kinder in Haltern. © Ingrid Wielens
Kinder-, Jugend- und Familienhilfe

Verein Context sucht in Haltern ein Zuhause für vernachlässigte Kinder

Context hat nun auch einen Standort in Haltern. Der Verein vermittelt vernachlässigte Kinder in Pflegefamilien. Mit einem dringenden Appell richtet er sich an die Halterner Bevölkerung.

„Familie macht glücklich!“ steht auf der Webseite von Context. Der Verein, der in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe tätig ist, sucht ein Zuhause für Kinder und Jugendliche, die in ihren Herkunftsfamilien nicht sicher aufwachsen können. Ausgehend vom Hauptsitz in Kalkar hat Context unter anderem Standorte in Bocholt und Köln. Und seit einigen Monaten auch in Haltern.

„Manche Kinder sind vernachlässigt worden, haben nie eine fürsorgliche Betreuung erlebt“, beschreibt Sozialpädagogin Katja Gladbach vorsichtig die Umstände, unter denen die von Context betreuten Kinder aufgewachsen sind. Dabei kann es auch zu schweren Vernachlässigungen, Gewalt und Missbrauch gekommen sein. Es sind Kinder und Jugendliche, die von Jugendämtern in Obhut genommen wurden. Weil sie oder ihre Eltern auffällig wurden, weil die Eltern überfordert waren. Weil insbesondere das Kindeswohl gefährdet war. Psychische Beeinträchtigungen bei den Kindern spielen dabei auch oft eine Rolle.

Da war zum Beispiel das fünf Jahre alte Mädchen, das mehrere Stationen in Herkunfts-, Bereitschafts- und Pflegefamilien sowie einer Mutter-Kind-Einrichtung durchlaufen musste. Gladbach: „Dieses Kind braucht sehr lange, bis es sich auf jemanden einlassen kann.“

Offiziell heißen die Pflegefamilien Erziehungsstellen

Katja Gladbach sagt es ganz deutlich: „Diese Kinder freuen sich nicht unbedingt, wenn sie in eine fremde Pflegefamilie vermittelt werden.“ Gerade daher sei es wichtig, den Pflegeeltern „Unterstützung auf Augenhöhe“ zu geben und sie fortwährend zu begleiten. Pädagogisches Fachpersonal besuche die Familien einmal pro Woche und stehe beratend und helfend zur Seite.

Hier sei auch der Unterschied zu herkömmlichen Pflegefamilien, für die es diese konstante Begleitung nicht gebe, auszumachen. Daher bezeichnet Context „seine“ Familien offiziell als Erziehungsstellen. Auch, wenn der Begriff „etwas sperrig“ sei, gesteht Katja Gladbach.

Notrufnummer rund um die Uhr geschaltet

Den Erziehungsstellen werde zudem über eine Notrufnummer rund um die Uhr Hilfe, auch ganz praktische, angeboten. Gladbach: „Die Erwachsenen müssen unter Umständen einiges aushalten und dabei dennoch Sicherheit vermitteln und Ruhe geben können. Dabei wollen wir sie unterstützen.“

Stadt betreut derzeit rund 70 Pflegekinder

  • Die Stadt Haltern betreut zurzeit rund 70 Pflegekinder in etwa 50 Pflegefamilien. In manchen Familien lebten mehrere Pflegekinder, teilte Sprecher Georg Bockey mit.
  • In den letzten Jahren hat die Stadt laut Bockey „je nach Bedarf“ pro Jahr zwischen zwei und zehn Pflegekinder vermittelt. Dabei handelte es sich sowohl um Halterner Kinder, die mit ihren Pflegefamilien in anderen Städten lebten, als auch um auswärtige Kinder, die in Halterner Familien untergebracht wurden.

Auf dem Hof Keysberg in Lavesum, auf dem schon seit Längerem heilpädagogisches Reiten für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen angeboten wird, entsteht ein Erlebnisstandort des Vereins. Hofbesitzerin Birte Keysberg will das Angebot für die Context-Kinder ausbauen. „Pferde sind oft Eisbrecher, die Kinder können mit einem Tier einfacher in Beziehung gehen“, erklärt die Reitpädagogin, die ebenfalls bei Context arbeitet. „Die Pferde geben Liebe und Wärme, holen die Kinder ins Hier und Jetzt“. Derzeit sind alle Plätze beim heilpädagogischen Reiten besetzt.

Mehr als 100 Kinder betreut Context in nordrhein-westfälischen Erziehungsstellen, darunter auch einige in Haltern. Die Kinder stammen dabei nicht aus der Seestadt. Jetzt soll das Netz wachsen. Denn der Bedarf ist riesig. „Es ist aber sehr schwierig, Pflegefamilien zu finden“, sagt Context-Sprecherin Nicole Wagener.

„Die eigene Vielfaltserfahrung der Pflegeeltern kann nützlich sein“

„Wir suchen Menschen in Haltern, die als Erziehungsstelle tätig werden wollen, einfühlsame Erwachsene, die Zeit haben und aushalten können, was an Herausforderungen auf sie zukommen kann“, erklärt Nicole Wagener. Erwünscht sind auch alleinstehende Menschen oder gleichgeschlechtliche Paare. Eine Altersgrenze nach oben gebe es nicht. Das müsse von Fall zu Fall geprüft werden. Überdies sei eine pädagogische Ausbildung nicht erforderlich. Denn die Pflegefamilien würden umfassend geschult. „So einzigartig wie die uns anvertrauten Kinder sind auch unsere Erziehungsstellen“, sagt Wagener. Die eigene Vielfaltserfahrung der Pflegeeltern könne oft nützlich sein.

Interessenten können sich bei Context e.V. in Kalkar unter der Telefonnummer 02824/4883 oder per Mail an info@context-ev.de melden.

„Adventskalender mit Wichtel Conti“

In der Vorweihnachtszeit hinterlässt der kleine Wichtel Conti auf der Webseite von Context täglich einen Brief mit Geschichten und kreativen Ideen für Kinder zur Adventszeit – festgehalten in kleinen Videoeinheiten. Zu sehen sind die kleinen Beiträge auf dem Youtube-Kanal des Vereins über die Homepage www.context-ev.de. Jeden Morgen um 7 Uhr kommt eine neue Botschaft des kleinen Wichtels hinzu.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens
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