Sex, drugs & rock’n’roll: Das „Old Daddy“ prägte über Jahrzehnte die Partyszene in der Region. Mit einer Serie erinnern wir an die Kult-Disko. Heute: Peter „Molle“ Hartwig blickt zurück.

Haltern

, 13.11.2020, 19:03 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jahrzehntelang war das Nachtleben in Haltern am See vom „Old Daddy“ geprägt. Zu den besten Zeiten der Diskothek feierten bis zu 2000 Menschen im „Schuppen“ wilde Partynächte. Einer, der den rasanten Aufstieg der Kult-Disko über Jahre begleitet hat, ist der Halterner Peter „Molle“ Hartwig. Der 62-Jährige arbeitete im Daddy als Türsteher, Kassierer, Thekenkraft und Hausmeister. Mit uns hat er über die alten Zeiten gesprochen.

„Das Daddy war ein Aushängeschild. Es war eine wilde Zeit. Ich denke noch heute oft daran zurück und möchte nicht einen Tag davon missen“, sagt Peter Hartwig. Vielen ist er unter seinem Spitznamen „Molle“ bekannt. Über 20 Jahre gehörte er zum festen Mitarbeiterteam von Daddy-Chef Edgar Engel. Kurz: „Molle“ gehörte zum Inventar der Kult-Disko.

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Angefangen hat alles am ehemaligen Standort in der Goldstraße. „Ich war damals ein junger Kerl, gerade Anfang 20“, erinnert er sich. „Wir haben häufig dort gefeiert. Gelegentlich wurde es auch mal etwas wild.“ Einer seiner Freunde sei sogar mal mit einem Pferd in die Diskothek gekommen, nachdem er eine Wette mit Inhaber Edgar Engel abgeschlossen hatte. „Der Gaul hat dann auch noch auf die Tanzfläche geäppelt“, so „Molle“. Er lacht. „Ja, so fing das damals alles an.“

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Er selbst sei mitunter Raufbold und Rebell gewesen, gibt er zu. „Ende der 70er hat mich Betreiber Edgar Engel dann gefragt, ob ich nicht für ihn arbeiten möchte.“ Eine Anfrage, die dem gelernten Maurer entgegenkam. „So konnte ich mir noch ein bisschen was dazu verdienen.“ Als Türsteher, Kassierer und Thekenkraft jobbte „Molle“ fortan für den Daddy-Chef. Nicht nur im kleinen Szeneclub an der Goldstraße, sondern auch an anderen Standorten im Ruhrgebiet, wie dem „Old Daddy“ in Duisburg. „Ich bin viel rumgekommen und habe mir einige Nächte um die Ohren gehauen, aber natürlich war das eine coole Zeit.“

„Eine neue Daddy-Ära“

Mit dem Umzug von der Goldstraße zur Recklinghäuser Straße sei 1987 „eine neue Daddy-Ära“ eingeläutet worden. In der Halle der einstigen Tür- und Fensterfabrik Dannebaum habe es nun auch viel mehr Platz als vorher gegeben. „Das war ja eine ganz andere Nummer“, sagt „Molle“. „Und das Ding hat eingeschlagen wie eine Bombe. Der Laden hat über Jahre gebrummt. Es war einfach der Hammer.“ Manchmal habe man an der Tür sogar einen „Einlass-Stopp“ verhängen müssen. „Weil es sonst zu voll geworden wäre.“ Wie viel wurde in guten Nächten eingenommen? „Darüber möchte ich nicht öffentlich sprechen. Aber man kann sich ja vorstellen, dass es nicht wenig war.“

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Von dienstags bis samstags sei die Disko durchweg gut besucht gewesen. „Die Leute kamen aus dem ganzen Ruhrgebiet und Münsterland.“ Besonders an einige Veranstaltungen könne er sich noch bestens erinnern. „Als Atze Schröder mal aufgetreten ist, haben wir nachher mit ihm und seinem Team noch ordentlich gezaubert. Da sind mehrere Flaschen Bier und Tequilla geflossen. Die Arbeit hat eigentlich immer Spaß gemacht. Das Daddy war einfach ein Stück Lifestyle.“

Später, zu Beginn des neuen Jahrtausends, als die Disko um weitere Bereiche (Halle 2 und 3) vergrößert wurde, seien immer häufiger auch „Paradiesvögel“ unter den Gästen gewesen. „Da waren Gruftis und Technofreaks dabei. Für einige Halterner war das sicher auch ein Kulturschock.“ Er selbst habe bis 2002 vermehrt Hausmeistertätigkeiten übernommen. „Als die Leute in der Disko angefangen haben mich zu siezen, hab ich dann Schluss gemacht“, grinst er.

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Sein Chef, Edgar Engel, hatte zu Glanzzeiten unter anderem auch die Turbinenhalle in Oberhausen betrieben. Ihm gehörten darüber hinaus mehrere Autohäuser und Motorradläden in der Region. „Er handelte zeitweise auch mit Luxusautos. Manchmal durfte ich die abholen oder wegbringen“, erinnert „Molle“ sich. „Das war nicht schlecht.“

Polizisten und Steuerfahnder auf der Matte

Der Erfolg machte allerdings auch die Steuerfahndung neugierig. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich an einem Vormittag die Türen der Disko aufschließen wollte und plötzlich zahlreiche Polizisten und Steuerfahnder auf der Matte standen. Die haben mir sofort die Schlüssel und das Handy abgenommen. Das war schon ein großer Schock.“

Am Ende eines Prozesses um Steuerhinterziehung (Umsatz-, Lohn-, Gewerbe-, Einkommensteuer, insgesamt 2,5 Millionen Euro) gab es später eine fünfjährige Freiheitsstrafe für Edgar Engel. Die musste er aber wegen einer schweren Erkrankung nicht antreten. 2015 verstarb der ehemalige Daddy-Besitzer.

Für Peter „Molle“ Hartwig war Edgar Engel Freund und Chef zugleich. „Ede war immer geradeaus, hat mir geholfen, als ich Probleme hatte. Mit ihm und seiner damaligen Frau Maria bin ich immer gut ausgekommen. Es war einfach eine schöne Zeit, die ich bis an mein Lebensende in meinem Herzen tragen werde.“

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